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Sinti und Roma Biografien

Biografien zur Sendung „Auf Wiedersehen im Himmel - Die Sinti-Kinder von der St. Josefspflege“

Die Überlebenden: Nur wenige Kinder, die in der St. Josefspflege in Mulfingen untergebracht waren, überlebten die NS-Zeit. Drei von ihnen äußern sich im Film:

Angela Reinhardt

Angela Reinhardt wurde 1934 in Tübingen geboren. Sie wuchs bei ihrem Vater Franz Reinhardt und ihrer Stiefmutter Appolonia auf. Die leibliche Mutter, Erna Schwarz (keine Angehörige der Sinti oder Roma), hatte Vater und Kind bereits kurz nach der Geburt verlassen. Als Angela Reinhardts Eltern verhaftet wurden, kam das sechsjährige Kind für kurze Zeit zu seiner leiblichen Mutter nach Friedrichshafen. Kurze Zeit später wurde Angela Reinhardt in einem katholischen Heim in Leutkirch untergebracht. Obwohl Katholikin, durfte sie dort allerdings nicht bleiben, da sie als "Fremdrassige" galt. Das Jugendamt Stuttgart wies sie in das Kinderheim Heilige St. Josefspflege in Mulfingen ein, dem zentralen Sonderheim für schulpflichtige Sinti-Kinder aus Baden-Württemberg. Als am 9. Mai 1944 die Waffen-SS 39 Kinder aus Mulfingen holte und nach Auschwitz brachte, war Angela Reinhardts Name nicht auf der Liste. Sie blieb im Heim und überlebte. Erst nach dem Ende des Nazi-Regimes erfuhr Angela Reinhardt, dass nur vier Kinder aus Mulfingen Auschwitz überlebt hatten. Angela Reinhardts Eltern hatten nach ihrer Verhaftung die Polizei überlistet, indem sie sich als russische Zwangsarbeiter ausgaben. So getarnt überlebten auch sie die Nazi-Zeit. Erst Jahre nach dem Ende des Krieges fand Angela Reinhardt ihre Eltern wieder.

  • Denkmal (Rechte: Eva Saiter) Nur selten wird an das Schicksal der Sinti und Roma im Dritten Reich erinnert. Im Foyer des Stuttgarter Jugendamts sorgt ein Denkmal dafür, dass die Geschichte der Mulfinger Kinder nicht in Vergessenheit gerät

Amalie Schaich

Amalie Schaich wurde 1929 in Ravensburg geboren. 1938 wurden sie und ihre Geschwister den Eltern weggenommen. Der Vater kam sofort ins KZ, ihre Mutter wurde später nach Bergen-Belsen gebracht und dort ermordet. Amalie Schaich kam mit ihrer Schwester Scholastika ins Kinderheim Schönenbürg bei Ulm und 1939 in die St. Josefspflege. Sie gehörte zu den 39 Kindern, die nach Auschwitz gebracht wurden. In Auschwitz wurde sie vom KZ-Arzt Josef Mengele zum Arbeitseinsatz eingeteilt. Sie und weitere ältere Kinder wurden vor der Ermordung der Sinti und Roma in Auschwitz in KZs in Deutschland verlegt (Bergen-Belsen und Ravensbrück). Von den Mulfinger Kindern überlebten so nur vier. Amalie Schaichs Geschwister wurden in Auschwitz ermordet.

Emil Reinhardt

Emil Reinhardt gehörte zu den älteren Kindern in Mulfingen, die zu Arbeitseinsätzen bei Bauern eingeteilt wurden. Als er zur St. Josefspflege unterwegs war, um seine Geschwister mit Lebensmitteln zu versorgen, wurde er von einem Polizisten angehalten. Auf die Frage nach seinen Geschwistern erhielt er eine Ohrfeige, stürzte ins Wasser, blieb zwei Stunden liegen und wurde dadurch taub. Seine Geschwister waren in der Zwischenzeit deportiert worden und wurden alle ermordet. Emil Reinhardt versteckte sich bis zum Kriegsende und überlebte.

Ein Denkmal für die Kinder

Die Mulfinger Kinder waren von der Stuttgarter Jugendwohlfahrtsbehörde zwangsweise von ihren Eltern getrennt und ins Heim eingewiesen worden. Die Deportation nach Auschwitz und Ermordung der Kinder wurde in Stuttgart in den Akten vermerkt: "Verlegung von der Erziehungsansalt St. Josefspflege nach Birkenau" und später "Fürsorgeerziehung endet wegen Tod." In den 80er Jahren stießen einige gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter des Stuttgarter Jugendamts auf die Geschichte der Mulfinger Kinder und setzten sich dafür ein, mit einem Denkmal an die Kinder zu erinnern. Im Mai 2000 konnte das Denkmal dann im Jugendamt in der Wilhelmstraße eingeweiht werden. Das Denkmal, geschaffen von dem Stuttgarter Künstler Wolfgang Isele, zeigt in Stein gehauen 39 Aktenordner, die für die Mulfinger Kinder stehen.

Biografien zur Sendung „„Wir haben doch nichts getan ...“ Der Völkermord an den Sinti und Roma“

Hugo Höllenreiner

Hugo Höllenreiner wird 1933 in München Giesing geboren. Die Familie ist gut in die Giesinger Gesellschaft integriert. Der Vater ist Soldat bei der Wehrmacht, die ältere Schwester ist stolz auf ihre BDM-Uniform. In Giesing fühlen sie sich sicher. Aber im November 1941 wird Hugo Höllenreiners Vater und seine Onkel aus der Wehrmacht entlassen, im März 1943 wird er mit der ganzen Familie – zusammen mit anderen Münchner Sinti – zunächst in das Münchner Polizeipräsidium in der Ettstraße verbracht und eine Woche später ins „Zigeunerlager“ Auschwitz- Birkenau deportiert. Dort erlebt er als Zehnjähriger grauenvolle Dinge. Er sieht die Transporte in die Gaskammern und muss Experimente des Lagerarztes Josef Mengele über sich ergehen lassen. Was ihn überleben lässt, ist vor allem der Zusammenhalt der Familie und die Mutter, die den Kindern immer wieder Mut macht. Im Sommer 1944 wird die Familie weitertransportiert, zunächst nach Ravensbrück, später nach Mauthausen und schließlich nach Bergen-Belsen. In Ravensbrück werden Hugo Höllenreiners Mutter und seine Tanten zwangssterilisiert. Sein Vater wird in dieser Zeit nach Sachsenhausen deportiert, wo er im April 1945 zur „SS-Sonderformation Dirlewanger“ eingezogen wird. Den Krieg überlebt er als Kriegsverletzter nur knapp. Hugo Höllenreiner und seine Geschwister werden zusammen mit der Mutter am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit, sie sind kurz vor dem Verhungern. Als die Briten Nahrungsmittel liefern ist die Mutter so klug, ihren Kindern nur ganz allmählich wieder Essen zu geben, so dass sie sich langsam wieder an Nahrung gewöhnen können. Über die Erlebnisse in den Konzentrationslagern wird in der Familie nicht gesprochen. Auch Hugo Höllenreiner hat bis vor wenigen Jahren nie über diese Zeit geredet. Heute geht er in Schulklassen, um als Zeitzeuge zu berichten. Es kostet ihn Überwindung, aber er will heutigen Jugendlichen vermitteln, was es heißt, Opfer von Rassismus zu werden.

Mano Höllenreiner

Mano Höllenreiner wächst zusammen mit seinem Cousin Hugo in München Giesing auf. Im März 1943 wird er mit seiner Familie von München nach Auschwitz deportiert. Auch an ihm macht Josef Mengele „medizinische Versuche“. 1944 kommt er ins Männerlager des KZ Ravensbrück, danach nach Sachsenhausen. Der Sterilisierung entgeht er – anders als seine Verwandten - in dem er sich drei Tage lang versteckt hält. Von Sachsenhausen aus wird er kurz vor Kriegsende auf einen Todesmarsch geschickt, aber er überlebt. Der Todesmarsch und die Brutalität der SS gehört bis heute zu seinen schrecklichsten Erinnerungen. Zusammen mit zwei Cousins, Hugos älteren Brüdern, macht er sich auf den Weg nach hause. Aber er ist zu schwach, um zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Befreite französische Kriegsgefangene nehmen ihn auf einem LKW mit. Danach verliert sich seine Spur. Lange weiß die Familie nicht, wo er geblieben ist. Dann wird er vom UN-Flüchtlingshilfswerk in Frankreich gefunden und zurück nach München gebracht. Er war so traumatisiert, dass er in Frankreich nicht wagt hat, seinen Namen und seine Heimatanschrift zu nennen - aus Angst, als Deutscher dort erneut verfolgt zu werden.

Hildegard Franz

Hildegard Franz wird 1921 in Tübingen geboren. Sie wächst im oberschwäbischen Ravensburg auf. Nach der Schule arbeitet sie zunächst bei der Stadt Ravensburg. 1936 wird sie und ihre ganze Familie durch Dr. Robert Ritter und seine Mitarbeiter „rassebiologisch“ untersucht und ist damit erfasst als Angehörige einer „minderwertigen Rasse“, wie es damals hieß. Wenig später errichtet die Stadt Ravensburg ein eingezäuntes Lager, in das alle Sinti ziehen müssen. Es ist ein Ghetto, die Lebensbedingungen sind primitiv, aber die Ravensburger Lokalzeitung schreibt zynisch, die „Zigeuner“ hätten nun eine „Sommerfrische“. Als Hildegard Franz mit ihrer Familie am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert wird, ist sie verheiratet und Mutter von drei kleinen Mädchen. Alle ihre Kinder sterben innerhalb kurzer Zeit in Auschwitz, ihr Mann wird ermordet. Sie wird danach in weitere Lager verschleppt, muss Zwangsarbeit in Munitionsfabriken leisten. Auf einem Todesmarsch wird sie in der Nähe von Altenburg/Thüringen von den Amerikanern befreit. Sie kehrt zurück nach Ravensburg und muss erfahren, dass nur wenige Angehörige überlebt haben.

Lily van Angeren

Lili van Angeren wird 1924 geboren. Die Familie mit sieben Kindern lebt in einem Wohnwagen, im Winter haben sie einen festen Stellplatz in Billstedt bei Hildesheim. Der Vater tritt auf Festen und in Gastwirtschaften als Musiker auf, die Mutter handelt mit Kurzwaren. Lily erlebt eine glückliche Kindheit, sie geht gern in die Schule, hat Freundinnen, die nicht wie sie Sinti sind. Allmählich bemerkt die Familie die Ausgrenzung durch die Nazis. Die Polizeikontrollen unterwegs werden häufiger und unfreundlicher. Oft wird der Aufenthalt in einer Gemeinde untersagt, Polizei eskortiert sie zurück über die Gemeindegrenze. 1938 wird plötzlich der Vater verhaftet. Jahrelang erfährt die Familie nichts über sein Schicksal, auch Anwälte können nicht helfen. Die Mutter muss sich alleine um die Kinder kümmern, Lily van Angeren muss helfen. Sie verlässt die Schule um zu arbeiten. Anfang März 1943 wird sie in der Fabrik, in der sie arbeitet, verhaftet und in die Polizeidirektion in Hildesheim gebracht. Dort sind bereits viele andere Sinti. Es wird ihnen erzählt, sie bekämen Bauernhöfe in Polen. Aber sie werden nach Auschwitz deportiert. Dort wird Lily van Angeren Lagerschreiberin. Bald stirbt ihr Bruder und andere Verwandte, sie selbst wird zu „medizinischen Experimenten“ missbraucht. Aber sie erlebt auch eine große Liebe, zu einem polnischen Häftling. Sie sprechen über Bücher, die sie beide gelesen haben, träumen sich fort aus dem Grauen. Im Sommer 1944 wird sie weitertransportiert, nach Ravensbrück. Auf einem Todesmarsch kann sie mit drei Freundinnen fliehen und verbringt einige Zeit in einem Lager für DPs, arbeitet dort für das Rote Kreuz und landet schließlich in einem Zug, der sie, wie sie glaubt, nach Hause, nach Hildesheim bringen soll. Aber sie landet stattdessen in Holland. Und blieb bis heute dort. Erst nach Jahren findet sie ihren Vater und eine ihrer Schwestern wieder, alle anderen Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet.

Josef „Muscha“ Müller

Josef Müller wird 1932 geboren. Er wächst in Halle bei Pflegeeltern auf, die Gegner des Hitlerregimes sind. Sie ahnen, dass ihr Kind, ein Sinti, durch den Rassenwahn gefährdet sein könnte. 1938 kommt er in die Schule. Dort leidet Josef Müller immer mehr unter der zunehmenden Ausgrenzung. Die anderen Kinder wollen nicht mehr mit ihm spielen, der Lehrer quält ihn. Einmal überbrüht er sich mit heißem Wasser, er will seine dunkle Haut weiß waschen. Die Eltern versuchen ihn zu beschützen, aber es wird zunehmend schwieriger. 1940 wird er „rassebiologisch“ untersucht, 1944 von der Gestapo aus der Schule abgeholt, in ein Krankenhaus gebracht und zwangssterilisiert. Als die Eltern von einem Nachbarn, der bei der SS arbeitet, erfährt, dass ihr Kind deportiert werden soll, entführen sie Josef aus dem Krankenhaus. Sie verstecken ihn in verschiedenen Gartenlauben und versorgen ihn dort mit Hilfe von Freunden aus dem politischen Widerstand.