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Hintergrund: Euthanasie

Über dieses besonders dunkle Kapitel der deutschen Geschichte ist wenig bekannt, und wenig wurde darüber geschrieben. Durch die schrecklichen Ereignisse im Dritten Reich, die mit dem Begriff der Euthanasie in Verbindung stehen, erscheint eben dieser Begriff oftmals schon recht zwiespältig. Bereits in der griechisch-römischen Antike war der Begriff „Euthanasie“ bekannt. Jedoch bezeichnete man so einen „guten“, weil schmerzlosen und schnellen Tod, der ohne jegliches Einwirken z.B. eines Arztes oder andere Personen eintritt.

  • Behinderte

    Zwischen 1939 und 1945 fielen im Rahmen der Aktion T4 hunderttausende von behinderten Menschen der Euthanasie zum Opfer. Ihr Leben galt als "unwert"

  • der "Bus"

    In diesen grauen Bussen wurden die Insassen aus ihren Heimen abtransportiert. Man täuschte ihnen einen Ausflug vor

Die ideologischen Hintergründe des faschistischen Vernichtungsgedankens sind im sozialdarwinistischen Denkmodell zu suchen. Die Theorie des Sozialdarwinismus überträgt die von Charles Robert Darwin 1859 formulierten Thesen zur natürlichen Zuchtwahl, zur Entstehung der Arten und über den natürlichen Mechanismus von Reproduktion, Mutation und Selektion auf die menschliche Gesellschaft. Im Nationalsozialismus wird der Sozialdarwinismus zur Ideologie der Rassenlehre übersteigert. Auch der schon von Platon in seiner Schrift „Der Staat“ formulierte Gedanke, die menschliche Gesellschaft durch „Zucht“ zu verändern, war im 19. Jahrhundert stark verbreitet. Man dachte jedoch zunächst eher daran, Kranke von der Fortpflanzung auszuschließen. In der NS-Rassenlehre wurden die Gedanken des Sozialdarwinismus und der Eugenik aufgenommen und bis zur Massenvernichtung vorangetrieben. In dieser Hinsicht waren die Kranken, die Juden, die Slawen etc. für die Nazis gleich, zusammengefasst unter der Bezeichnung „lebensunwertes Leben“. Rassismus existierte schon lange, aber die Nationalsozialisten machten ihn zu einer Staatsdoktrin. Eine Konsequenz war die Sterilisierung erblich „minderwertiger“ und die Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens, denn das Ziel war die Selektion zwischen den „Starken“ und „Schwachen“ und die Gesundung bzw. Förderung des sogenannten „nordischen“ Blutes. Es sollte eine Verbesserung der Erbsubstanz erreicht werden, indem die Weitergabe „schlechten“ Erbgutes verhindert wurde. Die „Politik der gewaltsamen Geburtenverhütung“ wurde eingeführt.

Mitte der 20er Jahre war es zu einem Aufschwung der Psychiatrie und des Anstaltswesens gekommen. Die große Modernisierung war im Zeitraum von 1924–1929 möglich geworden durch eine ökonomische Stabilisierung des Staates, die Zahl der Patienten und der Heil- und Pflegeanstalten nahm stetig zu. In den folgenden Jahren der Weltwirtschaftskrise wurden die Haushaltsmittel jedoch knapp. Personal und Behandlungskosten mussten eingespart werden. Als Ausweg aus dieser patientenreichen Situation wurde zunächst die Sterilisation der erblich belasteten Kranken und Behinderten eingeführt. So sollte die ständig wachsende Zahl der versorgungsbedürftigen Patienten stark reduziert werden. Hitler hatte schon in „Mein Kampf“ die Forderung nach Zwangssterilisierung publik gemacht. Um das „Herrenvolk“ zu vervollkommnen, wurde am 14. Juli 1933 das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet. Dieses Gesetz diente der Einschüchterung und Disziplinierung sozialer Randgruppen. Das Ziel der Sterilisation war jedoch nicht weit von der Vernichtung „unlebenswerten“ Lebens entfernt. Bald wandelten sich die Heil- und Pflegeanstalten zu Mordanstalten. Ab 1939 begann die Mobilisierung für den Krieg. Infolgedessen verschlechterten sich die Betreuungsbedingungen in den Einrichtungen. Es kam die Frage auf, ob angesichts der von den Gesunden zu bringenden Opfer den unheilbar Kranken überhaupt noch ein Lebensrecht zugesprochen werden könne.

Durch den Ausbruch des 2. Weltkrieges kam es zu Lebensmittelknappheit. Die Zahl der Verwundeten und Kranken stieg täglich an – so schnell wie die der benötigten Ärzte und des Pflegepersonals. Zu diesem Zeitpunkt waren Kranke und Behinderte „Ballastexistenzen“, unnötige Esser, die niemandem nutzten, sondern nur viel Geld und Platz wegnahmen. So wurde die Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens beschlossen. Jedoch waren sich die Ärzte bewusst, dass es Mord war. Kaltblütiger Mord an Kranken durch Zusammenarbeit von Machtapparat, Medizin, Wissenschaft, Justiz und Wirtschaft. Der sogenannte „Euthanasiebefehl“, wohl der einzige Befehl zur Tötung, den Hitler persönlich unterschrieben hat, wurde Ende Oktober 1939 ausgegeben und auf den 1. September 1939 zurückdatiert. Dieses geheime Ermächtigungsschreiben wurde Grundlage des „Euthanasie“-Programms: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Als Tarnbezeichnung für den Mord an Tausenden von Kranken wurde die Bezeichnung „Aktion T4“ gewählt. T4 stand für Tiergartenstraße 4 in Berlin, eine zentrale Dienststelle, Organ der sogenannten „Kanzlei des Führers“. Die Aktion T4 (im weiteren Sinne, betreffend die gesamte „Euthanasie“) beinhaltete:

  1. Tötung geistig oder körperlich behinderter Kinder; 1939 begonnen und bis Kriegsende fortgesetzt, sogenannte „Kindereuthanasie“
  2. Tötung von Patienten der Heil- u. Pflegeanstalten, 1939 bis 1944, im engeren Sinne als „Aktion T4“ bekannt
  3. „Wilde Euthanasie“, nachdem die „Aktion T4“ eingestellt war; 1941 bis Kriegsende
  4. Tötung der psychisch kranken und arbeitsunfähigen Häftlinge des KZs; Frühjahr 1941–1944/45; sog. „Aktion 14f3“


Der Aktion T4 fielen 120.000 Kinder und Erwachsene zum Opfer. Wie viele es in der „Wilden Euthanasie“ und der „Aktion 14f3“ gewesen sind, weiß man nicht genau, Schätzungen gehen aber von ca. 200.000 bis 300.000 Menschen aus. In den Jahren 1940 und 1941 wurden in Deutschland fünf Heil- und Pflegeanstalten sowie die Strafanstalt Brandenburg in Mordanstalten umgewandelt.

Die „Auswahl“ der Opfer erfolgte durch ärztliche Gutachter der Organisation „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“. Die Anstalten bekamen Meldebögen, in denen sämtliche Patienten aufzulisten waren, die z.B. unter Schizophrenie, Epilepsie, senilen Erkrankungen, Schwachsinn, der Geschlechtskrankheit Lues, Gehirnentzündungen u. Veitstanz litten. Zusätzlich wurden Patienten mit Anstaltsaufenthalt von fünf Jahren, kriminelle Geisteskranke, Nicht-Deutsche oder „Nicht-Artverwandte“ gemeldet. Die Gutachter entschieden über Leben und Tod, allerdings ohne jemals die Patienten gesehen oder untersucht zu haben.

Die Ermordung fand bei Kindern und Erwachsenen unterschiedlich statt. Die Kinder wurden durch Verabreichung von Spritzen oder Überdosierung von Medikamenten (z.B. Luminal) getötet, für die Erwachsenen wurden Gaskammern eingerichtet, als Gas wurde meist Kohlenmonoxid verwendet. Nach der Tötung wurden die Leichen verbrannt. Die Tötungsanstalten besaßen eigene Standesämter zur Ausstellung von Todesurkunden, sodass bei den örtlichen Standesämtern kein Verdacht erregt wurde. Die Angehörigen der Opfer wurden benachrichtigt, dass der Kranke unerwartet an einer Krankheit gestorben und schon eingeäschert sei, die Urne wurde zugeschickt. Die Totenscheine samt Todesursache waren vorgedruckt, die zuständige Abteilung wurde als „Trostbriefabteilung“ bezeichnet. Trotz aller Bemühungen blieben die verbrecherischen Vorgänge der Öffentlichkeit nicht verborgen. Es gingen Gerüchte um, es drangen bewiesene Tatsachen an die Öffentlichkeit, welche öffentliche Proteste der katholischen und evangelischen Geistlichen auslösten.

Nachdem im September 1939 die Meldebogenaktion zur Erfassung der Geisteskranken begonnen hatte und die Absichten offensichtlich wurden, starteten z.B. der Freiburger Erzbischof Gräber, der Breslauer Erzbischof Kardinal Bertram Proteste in Form von Schriften an Minister, öffentlichen Verurteilungen (z.B. auf der Konferenz der deutschen Bischöfe 1940) und die Bildung der Kommission des „Deutschen Caritasverbandes“ gegen die „Euthanasie“. Je länger die Massenmorde durchgeführt wurden, um so weniger konnten sie geheim gehalten werden. Die Unruhe in der Bevölkerung wuchs, der Einspruch der Kirche wurde immer stärker. Da Teile der Kirche nun doch ihre Opposition gegenüber der „Euthanasie“ demonstrierten, sah sich Hitler veranlasst, den Befehl zur Einstellung der Aktion zu geben. Scheinbar war ein Sieg errungen. Doch es war nur ein vermeintlicher Sieg, denn das Töten ging inoffiziell weiter. Für die Nazis bedeutete Euthanasie einen Schritt zur „Endlösung“ der sozialen Frage: Eigentlich wurde diese Absicht 1929 auf dem NSDAP-Parteitag ausgesprochen, aber auf die Zeit von 1939–1945 verschoben, um sie dann „unter dem Schutz der Kriegsadministration“ durchzuführen. Die (angebliche) wissenschaftliche Rechtfertigung dieser Absichten geschah durch den Begriff „Euthanasie“, man legte die Verbrechen als Gnadentod aus.