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"Man taucht komplett ein in die Kultur." Nicht aus Abenteuerlust, sondern auf der Suche nach einem Arbeitsplatz wagen immer mehr Deutsche den Sprung ins Ausland. Allein 2004 waren 150.000 Menschen bereit ihre Heimat zu verlassen – ob für kurze Zeit oder den Rest des Lebens wissen sie wohl selbst auch nicht genau. Hilfe bei der Suche nach dem passenden Job bietet die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit in Bonn. Deren Sprecherin Sabine Seidler (45) meint: Auslandserfahrungen zu sammeln lohnt sich immer.
Ja, bin ich. Direkt nach dem Abitur war ich für ein halbes Jahr als Au-pair-Mädchen in Paris. Später, während meines Studiums, habe ich ein Jahr als Fremdsprachenassistentin an einem französischen Collège Deutsch unterrichtet und in einem italienischen Feriendorf die Organisation eines Animationsteams übernommen, um Sprachpraxis zu bekommen.
Das war für mich und meine Persönlichkeitsentwicklung eine ganz zentrale Zeit. Man muss sich anpassen und offen sein, um Kontakte zu knüpfen, man muss sich zurechtfinden und seine Pläne und seine Gefühle im Griff haben. Ich habe auch gemerkt, wie wichtig der interkulturelle Austausch ist. Das ist ja wie ein Bad: Man taucht komplett ein in die Kultur. Man träumt irgendwann in der fremden Sprache und nimmt vieles kulturell und sozial anders wahr. Und weil man sich zurechtfinden muss, wird man lockerer und sicherer im Leben, im Umgang mit anderen und in ungewohnten Situationen.
Nein, in meiner Generation war das noch nicht so stark verbreitet. Aber das hat sich sehr geändert. Dass man im Ausland war, war damals für den Lebenslauf etwas ganz besonderes, heute ist das fast schon Standard. Es fällt eher auf, wenn man keinen Auslandsaufenthalt gemacht hat, weil die Arbeitgeber das vor dem Hintergrund der Internationalisierung der Arbeitsmärkte inzwischen voraussetzen.
Wir haben früher Fachkräfte ins Ausland vermittelt, die waren nicht arbeitslos, sondern wollten sich weiterqualifizieren, sich verändern; in die Welt raus. Heute gibt es viel mehr Menschen, für die sich diese Frage nie gestellt hat bis sie arbeitslos wurden und hier in Deutschland nichts gefunden haben.
Wir haben es da mit der Generation Praktikum zu tun, das wissen wir alle. Da gehen viele noch mal ins Ausland, weil sie keine Ausbildungsstelle oder keinen festen Job haben. Beziffern kann ich das nicht, aber es nimmt sicher zu – zum einen durch die Internationalisierung der Arbeitsmärkte, zum anderen durch das Zusammenwachsen in Europa. Es gibt auch einfach mehr Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen: Vor zehn Jahren hätte sich ein junger Mensch wohl nicht überlegt, seine Ausbildung in Spanien zu machen oder in einem Call-Center in Irland die nächsten Jahre zu arbeiten.
Es dreht sich alles um die Sprache, alles. Auch in Berufen, wo man eigentlich kein hohes Sprachniveau braucht. Dänemark ist zum Beispiel ein starker Markt, den wir gut bedienen können mit Interessenten. Aber wer spricht schon dänisch? Wir bieten deshalb Crashkurse in solchen Sprachen an und bereiten so die Leute vor. Das machen auch viele Arbeitgeber: Sie stellen die Leute ein, sobald sie Grundkenntnisse haben und bereit sind das auszubauen.
Ja, sicher. Nicht jeder ist wirklich offen für so was. Ich habe zum Beispiel einen 23-jährigen Neffen, der in Budapest Medizin studiert. Der hat ganz klar gesagt: Das ist zwar spannend, aber lange will ich nicht im Ausland bleiben. Es gibt einfach Menschen, die ein bisschen anhänglich sind und bald wieder nach Hause wollen.
Ja, klar. Selbst wenn ich zu dem Schluss komme, das ist für mich nichts. Man wird ja nicht weniger schlau, wenn man mal über die Grenze gegangen ist und sich mal ein anderes Volk und eine andere Kultur und eine andere Mentalität angeschaut hat. Und überdenkt vielleicht auch mal, was im eigenen Land gedacht, gemacht und gesagt wird. Ob Akademiker oder Nicht-Akademiker – man reflektiert die eigene Arbeit, wenn man die Standards in einem anderen Land kennen lernt. Das kann ja auch innovativ sein und inspirierend.
Das Interview führte Jennie Theiß.
Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit berät Interessierte werktags zwischen 8 und 18 Uhr auch telefonisch unter 0180/ 1003060 für 4,6 Cent pro Minute.
