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Im November 1992 erließ das Bundesverteidigungsministerium unter Volker Rühe die "Verteidigungspolitischen Richtlinien" für die Bundeswehr. (siehe auch Hintergrund, Link auf HG2, Kapitel Verteidugungspoliti. Richtlinen) Sie sieht die Bildung von »Krisenreaktionskräften« vor und nennt die Wahrung und Durchsetzung der »legitimen nationalen Interessen« Deutschlands als einer ihrer Grundsätze. Zu jenen »legitimen nationalen Interessen« zählen auch die "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt" und die "Einflussnahme auf die internationalen Institutionen und Prozesse im Sinne unserer Interessen und gegründet auf unsere Wirtschaftskraft". Weiter heißt es: "Deutschland ist aufgrund seiner internationalen Verflechtungen und globalen Interessen vom gesamten Risikospektrum betroffen. Wir müssen daher in der Lage sein, auf entstehende Krisen im Rahmen kollektiver Sicherheitssysteme einwirken zu können".
Die Verteidigungspolitischen Richtlinien, die Verteidigungsminister Peter Struck 2003 erließ definieren, welche Konsequenzen das veränderte Verständnis von »Verteidigung« für die Bundeswehr hat. »Ungelöste politische, ethnische, religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Konflikte wirken sich im Verbund mit dem internationalen Terrorismus, mit der international operierenden Organisierten Kriminalität und den zunehmenden Migrationsbewegungen unmittelbar auf die deutsche und europäische Sicherheit aus«. Weiter heißt es: »Die deutsche Wirtschaft ist aufgrund ihres hohen Außenhandelsvolumens und der damit verbundenen besonderen Abhängigkeit von empfindlichen Transportwegen und -mitteln zusätzlich verwundbar«
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„Es gibt ein vitales Interesse auch der Sicherung unseres Wohlstandes, in diesem Falle des Massenwohlstandes oder sogar des sehr begrenzten und kleinen Wohlstandes noch der Hartz-IV-Empfänger zu verhindern, dass solche Migrationswellen aus Krisengebieten entstehen und sich quasi Tsunami-artig nach Mittel- und Westeuropa erstrecken. Das, so glaube ich, wird in eine wesentliche Aufgabe von Streitkräften auch in der Zukunft sein.“ (00:31)
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„Wir sind zu siebzig Prozent vom Export und zu hundert Prozent vom Import abhängig. Wenn man das umschlägt auf die achtzig Prozent der ganzen Waren und Dienstleistungen, die über den Seeweg abgewickelt werden, dann kann das nur bedeuten, dass eine Nation wie Deutschland und eine Ökonomie wie Deutschland in einem ganz hohen Maße von sicheren Seehandelswegen abhängig ist. Wir müssen also schon, um unseren Wohlstand und unseren sozialen Standard in Deutschland zu wahren ein ganz nachhaltiges Interesse daran haben, dass diese Seehandelswege auch in Zukunft sicher befahrbar und von uns garantiert zu nutzen sind. Wenn sie jetzt das Stichwort Migration noch hinein bringen, dann kommen wir in die Frage: Welches Interesse hat Deutschland?“ (00:41)
Das »Recht auf Verteidigung«, wie es das Grundgesetz vorsieht, wird hier weit mehr im Sinne einer Durchsetzung der eigenen Interessen, als im Sinn einer Verteidigung der Landesgrenzen verstanden. Doch was sind die »legitimen nationalen Interessen«? Und mit welchem „Blutzoll“ an Soldaten und zivilen Opfern dürfen diese Interessen durchgesetzt werden?
Deutschland ist mit einem Jahresumsatz von über 2 Billionen Euro an Gütern und Dienstleistungen die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Damit leisten wir einen Beitrag von 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der EU. Zugleich ist kaum eine andere Volkswirtschaft der Welt so abhängig von Exporten, wie Deutschland. Im Jahr 2008 waren wir mit einem Umsatz von 995 Milliarden Euro zum sechsten Mal in Folge Export-Weltmeister. Die wichtigsten Exportgüter der deutschen Wirtschaft sind Produkte der Automobilindustrie, Rohstoffe, besonders Öl, Kohle und Gas zur Energiegewinnung sind wiederum die wichtigsten Importgüter. Die meisten Waren und Dienstleistungen exportiert Deutschland innerhalb der EU, besonders an Frankreich und die Niederlande. Im Jahr 2008 lag der Anteil der Ausfuhren in die EU bei 64 Prozent des deutschen Gesamtexports. Lediglich 10 Prozent der deutschen Exporte gehen nach Amerika und nur12 Prozent nach Asien. Vorrangig ist also die Sicherung der Energieversorgung, der Zugang zu wichtigen Rohstoffen und der ungehinderten Transport von Waren besonders auf den Seewegen von besonderem nationalem Interesse.
Höchst erfolgreich im Export ist Deutschland auch im Waffenhandel. Laut einer Studie des Friedensforschungsinstituts SIPRI in Stockholm ist Deutschland nach den USA und Russland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Wissenschaftler des renommierten Instituts schätzen, dass im Jahr 2006 weltweit 1,2 Billionen US-Dollar für den Kauf konventioneller Waffen wie Kampfjets und Streubomben ausgegeben wurden.
Der Congressional Research Service (CRS), die wissenschaftliche Abteilung des US-Kongresses, nimmt an, dass zwischen 2004 und 2005 weltweit Verträge über Rüstungsexporte im Wert von 160 Milliarden Dollar unterzeichnet wurden. Der größte Waffenimporteur war bis 2007 China, an das die EU aber seit 1989 Waffenlieferungen verbietet. An hochwertigen Rüstungsgütern sind neben den Herrschern im Nahen und Fernen Osten, oder den Kriegsparteien etwa in Nigeria und auf den Philippinen besonders Pakistan, Indien und Saudi-Arabien gefolgt von Venezuela, Algerien und Israel interessiert. Allem voran die Kriegseinsätze in Afghanistan und im Irak sorgen für eine stetige Nachfrage im Waffenhandel. Unter 47 Abnehmern deutscher Waffen waren die Türkei (15,2 Prozent) und Griechenland (12,9 Prozent) die besten Kunden, vor allem wegen der Lieferung von Panzern und U-Booten, gefolgt von Südafrika und Südkorea mit Anteilen von 12,4 und 7,5 Prozent.
In den Kriegen des 21 Jahrhunderts belauern sich multinationale Armeeverbände und Rebellen-Trupps in oft abgelegenen Tälern. Soldaten und Terroristen liefern sich aufreibende Häuserkämpfe und so setzen die westlichen Militärs zunehmend auf kleine Gruppen technisch hoch gerüsteter Soldaten. Ausgestattet mit modernster Ortungs- und Kommunikationstechnik versucht der Westen direkten Feindkontakt und damit Verluste auf der eigenen Seite zu vermeiden. Die Bilder von toten Soldaten treffen in den westlichen Ländern auf ein wenig opferbereites Publikum. Deutsche Firmen verdienen an der technischen Aufrüstung kräftig mit: 2007 belief sich die Summe der Rüstungsexport aus Deutschland auf 1,1 Mrd. Euro. Der Wert der erteilten Sammelausfuhrgenehmigungen für Ausfuhren im Rahmen wehrtechnischer Kooperationen zwischen EU- und NATO-Partnern belief sich im Berichtsjahr auf ca. 5,1 Mrd. € (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Januar 2009).
Bericht der Bundesregierung über ihre Exportpolitik für konventionelle Rüstungsgüter im Jahre 2007
Explizit nennen die Verteidigungspolitischen Richtlinien auch Migrationsbewegungen, die die Aufnahmekapazitäten wie den Aufnahmewillen der EU-Länder und Deutschlands im Besonderen immer wieder vor große Herausforderungen stellt. Wanderungsbewegungen werden vor allem durch politische, ethnische und religiöse Konflikte innerhalb und zwischen Staaten ausgelöst. Doch auch wirtschaftliche Gründe spielen besonders für Wanderungsbewegungen von der dritten in die erste Welt eine große Rolle. In den wirtschaftlichen Boomzeiten der 1950er und 60er Jahre förderte Deutschland Zuwanderung durch die Anwerbung von Arbeitskräften. Die zunächst zeitlich befristet angeworbenen »Gastarbeiter« kamen insbesondere in die Bundesrepublik, aber auch nach Frankreich und in die Schweiz. Sie stammten zunächst vornehmlich aus Italien, später auch aus Spanien, Portugal, Griechenland, Jugoslawien und in geringerem Maße aus außereuropäischen Ländern. Mit der Wirtschaftskrise von 1973/74 und steigenden Arbeitslosenzahlen setzte ein Umdenken nicht nur in der deutschen Politik ein. Die Anwerbung von Zuwanderern wurde eingestellt, staatliche Hilfsprogramme unterstützten die Rückkehr in die Heimat.
In den 90er Jahren riefen dann vor allem Kriegsflüchtlinge aus Jugoslawien der deutschen Öffentlichkeit die Migrationsproblematik ins Bewusstsein. Auf der einen Seite sinken die Geburtsraten in den westlichen Industriestaaten, während sich die demographischen Strukturen hin zu immer mehr alten Menschen verschieben. Zugleich hat gerade auch die hochtechnisierte deutsche Wirtschaft einen hohen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften. Zuwanderung ist also auch weiterhin durchaus erwünscht, aber eben nur in sehr restriktiver und selektiver Form. Auf der anderen Seite sagen wissenschaftliche Untersuchungen zukünftig vermehrt Wanderungsbewegungen voraus, ausgelöst durch Armut, Terroranschläge und Krankheiten in der Dritten Welt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wandern immer mehr Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika nach Europa ein. Sie sind auf der Flucht vor diktatorischen Regimen, ethnischen Konflikten und wirtschaftlicher Not.
Die Länder der Europäischen Union reagieren mit der verschärften Abschottung der »Festung Europa«. Sie erlaubt kaum noch eine legale Zuwanderung und zwingt viele dieser Flüchtlinge in die Illegalität. Unzählige verlieren jährlich ihr Leben beim Versuch nach Europa zu gelangen. Mit dem Schengener-Abkommen wurde der Grenzverkehr innerhalb der EU deutlich vereinfacht. Zugleich wurden die Kontrollen an den Außengrenzen der Gemeinschaft verstärkt. Ziel ist es Einwanderer möglichst schon an den Grenzen zu stoppen. Das gilt besonders für Deutschland mit seinem recht komplexen Asyl-Recht. Seit der EU-Osterweiterung ist die deutsche Ostgrenze keine Außengrenze mehr. Die verläuft nun zwischen Polen und der Ukraine sowie Weißrussland. Hier sehen EU-Politiker die größten Herausforderungen, sich gegen illegale Migrationsrouten durch Ost- und Südosteuropa zu schützen. Massiver noch scheint gerade für Spanien, Frankreich und Italien der Ansturm afrikanischer Flüchtlinge in Mittelmeer und Atlantik. Dafür hat man unter anderem die Europäische Grenzschutzagentur »Frontex« geschaffen. Sie soll den Mitgliedsstaaten vor allem bei der Rückführung von illegalen Einwanderern helfen. 2005 bezogen rund 60 Mitarbeiter die Arbeitsräume dieser Einrichtung mit Sitz in Warschau. Bislang dürfen Mitarbeiter von »Frontex« etwa ihren polnischen Kollegen vor Ort nur beratend zur Seite stehen. Schon denkt man aber in Brüssel über die Schaffung multinationaler Einsatzteams nach. So sollen an besonders heiklen Schwerpunkten illegaler Einwanderung nationale Grenzschützer unterstützen. Obwohl bislang noch nicht öffentlich diskutiert, legen die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 und 2003 einen Einsatz von Aufklärungs- und Marineeinheiten der Bundeswehr auch in diesem Zusammenhang nahe.
© Text: Sven Degenhardt
