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Hintergrund: Plastik – So schlecht wie sein Ruf?

Unliebsame Wundertüte

  • Mehrere Menschen tragen volle Plastiktüten; Rechte: dpa Plastiktüten sind der Inbegriff von unnötigem Plastikmüll.

Plastik ist unbeliebt geworden. In den 40er Jahren wurde es noch als Wundermaterial der schier unendlichen Möglichkeiten gefeiert – inzwischen wollen Umweltschützer und so manche Regierung den Stoff lieber gestern als heute loswerden. Die erste Zielscheibe ist die Plastiktüte. Ein Staat nach dem anderen verbannt die kostenlosen Tragetaschen aus den Supermärkten: Südafrika, China, Frankreich, Italien und andere. Auch für die gesamte EU wird ein solches Verbot diskutiert.

Aber sind Kunststoffe so schlecht wie ihr Ruf? Für die Plastiktüten in Deutschland lässt sich die Frage mit einem Jein beantworten. Der Durchschnittsdeutsche benutzt mehr als 60 Tüten im Jahr – deutlich weniger als der EU-Durchschnitt, aber immer noch viel. Sie werden anschließend recycelt, aber nur zu rund 70 Prozent. Papiertüten sind meist keine sinnvolle Alternative, denn sie werden auch mit Chemikalien und viel Energieaufwand hergestellt. Am besten sind Stofftaschen oder ein Rucksack. Der Träger darf sich aber nicht daran stören, dass die auch mal nach dem gekauften Fisch riechen oder man zerdrückte Tomaten aus dem Stoff pulen muss. Plastik hat unser Leben erleichtert, zweifellos.

"Kunststoffe selbst sind nicht das eigentliche Problem."

  • In einem Wald liegen hunderte Plastiktüten auf dem Boden; Rechte: mauritius images Plastik kann in der Umwelt Jahrzehnte überdauern.

Kunststoffe sind die Gestaltwandler unter den Materialien: Je nach Bedarf sind sie weich oder hart, biegsam oder spröde, durchsichtig, hitze-, licht- und wetterbeständig - die Liste der möglichen Eigenschaften ist lang. Genau das macht sie in vielen Bereichen so attraktiv, ob als Dämmstoff beim Hausbau, Verkleidung im Auto, Isolator von Kabeln oder als Verpackung. Dazu kommt: Viele Kunststoffe sind – obwohl sie aus den endlichen Rohstoffen Erdgas, Erdöl und Kohle hergestellt werden – vergleichsweise billig. Sie alle basieren auf langen Kohlenstoffketten. Die Eigenschaften der Kunststoffe hängen von der Kettenlänge und deren Verzweigung ab und davon, welche Substanzen ihnen beigemischt werden.

Einige dieser Zusatzstoffe bereiten Umweltschützern Sorgen, so auch dem Werkstoffexperten des Umweltbundesamts, Wolfgang Beier: "Kunststoffe selbst sind nicht das eigentliche Problem, sondern bestimmte Zusatzstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel. Wenn man die ersetzen könnte, wäre viel gewonnen." Weichmacher sind in Lacken, Spielzeug oder Flaschen und stehen im Verdacht, die Fruchtbarkeit zu beeinflussen. Flammschutzmittel verhindern in Elektrogeräten, dass diese leicht brennen. Tun sie es doch, können giftige Dämpfe entstehen. Wenn die Produkte nicht richtig entsorgt werden, reichern sie sich in Flora und Fauna an und gelangen so in die Nahrungskette. Teilweise gibt es schon Ersatzstoffe – die funktionieren aber nicht so gut und sind teurer.

Bei Plastik selbst ist das Problem, dass es – obwohl oft nur kurz benutzt – in der Umwelt mitunter Jahrhunderte überdauert. Nicht recycelter Plastikmüll sammelt sich auch in Meeren und Flüssen, wo er von Tieren gefressen wird und deren Mägen verstopfen kann.

Plastik – was sonst?

  • Eine Hand hält einen gefüllten Blutbeutel; Rechte: WDR Für Blutbeutel aus Plastik gibt es keinen sinnvollen Ersatz.

Verwendete man also bei der Herstellung unschädliche Zusatzstoffe und Strom aus erneuerbaren Energien und sorgte für eine umfassende Wiederverwertung – Kunststoffe wären gar nicht so schlecht. Außerdem: "Im Prinzip sind Kunststoffe tatsächlich unersetzlich", sagt Wolfgang Beier. "In den meisten Bereichen gibt es keine zufriedenstellende Alternative. Im Baugewerbe schneiden viele Werkstoffe schlechter ab. Woraus wäre dann ein Computer? Aus Blech? Der würde auch endliche Rohstoffe und viel Energie in der Herstellung verbrauchen."

Elektrik und Medizin kommen kaum ohne Kunststoffe aus – etwa für Kabelisolierungen und Blutbeutel gibt es kaum sinnvollen Ersatz. In anderen Bereichen bieten sich sehr wohl Alternativen. Um den Einfluss der verschiedenen Produkte auf die Umwelt zu bewerten, gibt es ein Werkzeug: die Ökobilanz. In der international anerkannten Variante bezieht sie alle Umweltaspekte von der Gewinnung der Ausgangsstoffe bis zur Entsorgung mit ein – man sagt: von der Wiege bis zum Grab. Der Energieverbrauch einer Bohrinsel gehört genauso dazu wie abgegebene Treibhausgase oder der Verbrauch von landwirtschaftlicher Fläche.

PVC und die Konkurrenz – Wer ist der Umweltfreund?

  • Eine Ölbohrinsel im Golf von Mexiko; Rechte: dpa Erdöl ist endlich, deshalb muss man für PVC eine Alternative entwickeln.

Wo wir auch hinsehen, finden wir Polyvinylchlorid, kurz PVC. Das Erdöl- und Chlorprodukt steckt überall – müsste es aber nicht. Rohre können stattdessen aus Metall sein, Wohnungsböden könnten mit Parkett oder Teppich ausgelegt sein, Fensterrahmen gibt es auch aus Aluminium oder Holz. Vergleicht man die Ökobilanzen, sind die Ergebnisse in allen Bereichen ähnlich. Metallen sind Kunststoffe meist überlegen, da letztere in der Produktion weniger Energie benötigen. Holz kann unter diesem Aspekt noch besser abschneiden. Die Ökobilanz hängt zudem stark davon ab, woher die Materialien kommen und ob sie recycelt werden.

Nimmt man aber Nutzung und Pflege während der Lebensdauer in die Rechnung auf, sind die Unterschiede kaum noch von Bedeutung. Während ein PVC-Fensterrahmen jahrzehntelang auch ohne viel Zuwendung hält, braucht einer aus Holz etwa alle zehn Jahre einen neuen Anstrich – der enthält in der Regel auch Kunststoffe. Während ein PVC-Boden nur gewischt werden muss, kommt man beim Teppich nicht ohne Staubsauger aus – der verbraucht Strom. Pauschal ist also kein Stoff besser oder schlechter.

Moment, da haben wir allerdings ein entscheidendes Problem vergessen: Erdöl und Erdgas sind in absehbarer Zeit verbraucht. Falls wir auch noch im Jahr 2112 Quietscheenten haben wollen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Viele setzen große Hoffnungen in sogenannte Biokunststoffe.

Ist Bio die Lösung?

  • An einer Wand hängen Fotos von Verpackungen aus Bioplastik und Aufkleber wie "BIO = umweltfreundlich?"; Rechte: WDR Bioplastik hat nicht unbedingt eine bessere Umweltbilanz.

Dass Bio nicht gleich Bio ist, haben wir schon gelernt. Auf Biokunststoffe trifft das besonders zu. In unseren Supermärkten finden sie sich schon als Joghurtbecher, Verpackungen und Taschen - bisweilen gibt es sie auch in Handy- und Computergehäusen. Dabei kann die Bezeichnung Bio heißen, dass die verwendeten Kunststoffe kompostierbar sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie auf dem Kompost im Garten verrotten. In der Regel braucht es dazu hohe Temperaturen in Industrieanlagen. Bio kann aber auch heißen, dass nachwachsende Rohstoffe verwendet wurden, die von Pflanzen oder seltener von Tieren stammen. Die sind nicht zwingend biologisch abbaubar, aber meistens: Am häufigsten begegnet man Biokunststoffen aus Stärke von Mais, Weizen oder Kartoffeln. Daneben gibt es welche aus Zucker von Zuckerrohr oder Zellulose von anderen Pflanzen.

Andrea Siebert-Raths von der Fachhochschule Hannover ist bei den biologisch abbaubaren Kunststoffen geteilter Meinung: "Kompostierbarkeit ist fragwürdig", sagt sie. " Dabei entsteht kein weiterer Nutzen. Man will einen Rohstoff aber solange verwenden, bis er aufgebraucht ist. Sinnvoll ist so etwas nur in Einzelfällen. Zum Beispiel, wenn ein Bauer die Folie für seine Kartoffeln nicht mehr wie bisher als Sondermüll entsorgen muss, sondern unterpflügen kann." Bleiben also Kunststoffe auf pflanzlicher Basis, mit denen sich Siebert-Raths beschäftigt. Doch auch hier gibt es viel Kritik: "Ob das eine erfreuliche Variante ist, steht in den Sternen", sagt Wolfgang Beier vom Umweltbundesamt. "Man muss genau hinschauen, welche Umweltbilanzen sie aufweist. Düngen und Pestizide belasten die Umwelt beim Anbau der Pflanzen. Bisher sind herkömmliche Kunststoffe aus Umweltsicht nicht schlechter als Bio-Kunststoffe."

Zukunftsplastik

  • Ein Maisfeld; Rechte: WDR Mais ist ein Rohstoff für Bioplastik.

Die Ökobilanz der Bio-Kunststoffe könnte sich noch erheblich verbessern, wenn sie nachhaltig produziert werden oder, noch besser, wenn Reststoffe verwendet werden - etwa aus der Landwirtschaft. Andernfalls geht der Anbau womöglich auf Kosten des Regenwaldes und der Nahrungsmittelversorgung in ärmeren Ländern. In der Forschung gibt es klare Prioritäten, erklärt Siebert-Raths: "Zuerst kommt die Frage: Kann ich das Material überhaupt austauschen? Dann kann man über das Recycling und die Ökobilanz nachdenken. Umfassende Bilanzen sind derzeit sowieso schwierig, weil viele Zahlen gar nicht vorliegen. Klar, Düngen und der Landverbrauch wirken sich negativ aus. Aber eine Katastrophe wie die Ölpest im Golf von Mexiko würde nicht mehr passieren."

In der Industrie wird schon daran gearbeitet, einzelne Bauteile von Autos oder Lebensmittel-Verpackungen zu ersetzen. Aber erst wenn eine kritische Masse der Biokunststoffe auf dem Markt ist, lohnt sich auch ein Recycling. Für die Herstellung werden außerdem noch fleißig die alten schädlichen Zusatzstoffe verwendet. Können Biokunststoffe die Lösung sein? Möglich wäre auch, Kohlenstoff aus anderen Ressourcen zu gewinnen, etwa aus CO2. Der Weg dahin ist aber noch lang. In jedem Fall: "Langfristig müssen wir uns unabhängig machen", sagt Siebert-Raths. "Wenn man seinen Schreibtisch anschaut und da alles aus Erdöl wegfallen würde, da würden wir uns ganz schön umgucken. Die Forschung braucht ihre Zeit. Deshalb müssen wir jetzt damit anfangen."