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Hintergrund: Altpapier

Vom Abfallprodukt zum neuen Rohstoff

  • Mehrere Altpapier-Ballen liegen gestapelt aufeinander. Altpapier - ein wertvoller Rohstoff, denn der weltweite Papierverbrauch steigt; Rechte: WDR/Paul Eckenroth

Der weltweite Papierkonsum steigt: Verbrauchte die Menschheit 2004 noch 330 Millionen Tonnen Papier, so werden es im Jahr 2015 sogar 440 Millionen Tonnen sein. Diese Menge in Container gepackt und in eine Reihe gestellt würde eine Schlange ergeben, die mehr als fünf Mal die Erde umrunden könnte.

Internationale Trends im Papierkonsum

Der Papierverbrauch ist jedoch von Land zu Land sehr verschieden. Zusammen mit Belgien, Luxemburg, den USA und Finnland gehört Deutschland zu den größten Papierkonsumenten. Alle Industrieländer verbrauchen rund 70 Prozent des weltweiten Papierangebots – obwohl in ihnen nur etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung leben.

  • Obst- und Gemüseverpackungen liegen stapelweise auf einer Straße. Besonders Lebensmittelverpackungen machen viel Müll; Rechte: mauritius images/Thomas Kroeger

Zwar ist in Europa und den USA die Nachfrage nach echtem Papier zuletzt rückläufig, jedoch steigt der Papierkonsum weiter - weil andere Produkte aus Papier regelrecht boomen: Babywischtücher, Dichtungsmaterial für Holzhäuser, Zigarettenfilter, Saatbänder mit aufgeklebten Pflanzensamen und vieles mehr. Auch der zunehmende Versandhandel über das Internet steigert den Bedarf an Verpackungsmaterial und damit den Papierverbrauch. Bis zu 30 Kilogramm an Werbematerial landen jährlich in der Hauspost

Woher kommt unser Papier?

  • Eine große, abgeholzte Fläche, im Hintergrund sind noch Bäume zu sehen. Die sichtbaren Folgen des hohen Papierverbrauchs im Regenwald; Rechte: dpa

Viele Jahre ist das Papier zum großen Teil dort produziert worden, wo es auch verbraucht wird – in Europa und Nordamerika. Mittlerweile ist der Holz- und Zellstoffhandel global. Weil die deutschen Wälder zur eigenen Papierherstellung nur wenig beitragen, muss Deutschland von überall auf der Welt die nötigen Rohstoffe beziehen. Knapp die Hälfte des in Deutschland benutzten Papiers stammt von Holz aus Finnland und Schweden. Weil diese beiden skandinavischen Länder ihrerseits viel Holz aus Russland beziehen, wächst auch bei uns der Anteil von Papier und Zellstoffen aus Russland kontinuierlich. Rund 30 Prozent des russischen Holzeinschlages soll illegal gefällt worden sein. Holz aus österreichischen Wäldern landet ebenso in unserem Papier, wie welches aus Portugal, Frankreich und der Schweiz. Aber auch die Urwaldregionen, etwa in Kanada, Brasilien und Indonesien, liefern Zellstoffe nach Deutschland. Weltweit verliert Indonesien am schnellsten seine Waldfläche, besonders auf der Insel Sumatra sind korrupte Konzerne am Werk. Aber auch in Kanada finden heute fast 90 Prozent der Holzfällarbeiten in den vormals unberührten Urwaldgebieten statt.

Die Papierherstellung

  • Getrocknete Zellulosefasern, die das gesamte Bild ausfüllen. Gestern noch ein Baum - Zellulosefasern unterm Mikroskop; Rechte: mauritius images

Holz ist seit Jahrhunderten der Grundstoff für Papier. Während früher der Holzfäller noch zu Axt und Säge griff, verrichten heute riesige, moderne Maschinen die Arbeit im Akkord. Knapp eine Minute braucht ein Kettenbagger, um sogar sehr hohe Bäume zu packen und zu fällen, sie mit einem Schneidekopf zu entästen und anschließend in transportgerechte Stücke zu zersägen. Ein einzelner Bagger kann so täglich bis zu 650 Bäume fällen. In der Zellstofffabrik werden die Bäume entrindet und zerkleinert. Bei 160 Grad Celsius wird der Zellstoff von Harzen, Eiweißen und vor allem Lignin, dem natürlichen Klebestoff des Holzes, getrennt. Dafür sind große Mengen an Wasser und Chemikalien nötig. Sauerstoff, Wasserstoffperoxyd, Chlor und Ozon bleichen den bräunlichen Zellstofffaser-Brei. Nach nur einem Tag ist der Baum zu einem getrockneten Zellstoffballen geworden und geht in den Export. Um den Bedarf an Holz zu decken, sind riesige Baum-Plantagen entstanden. So gibt es in Brasilien ganze Plantagen nur mit speziell gezüchteten Eukalyptusbäumen. Zusammen mit Mengen an Kunstdünger wachsen sie sagenhafte zwei Zentimeter am Tag und sind nach sechs Jahren rund 30 Meter hoch. Eine europäische Fichte braucht für diese Höhe fast 20 Jahre.

Umweltzerstörung

  • Ein Koalabär klammert sich an einen Baumstamm. Viele Tierarten verlieren durch Abholzung ihren Lebensraum; Rechte: WDR/Jakub Mosur

Für den täglichen Papierverbrauch einer Großstadt wie Köln müssen umgerechnet täglich etwa 1.000 Bäume gefällt werden. Um den weltweiten Papierhunger zu stillen, landet inzwischen jeder fünfte gefällte Baum in einer Zellstofffabrik. Dieser immense Bedarf zerstört Urwälder und Waldgebiete - und verschmutzt Gewässer. 80 Prozent des weltweiten Urwaldbestandes sind schon verschwunden, geschützte Stellen fallen immer wieder illegalen Rodungen zum Opfer. Viele Pflanzen- und Tierarten verlieren so ihren Lebensraum und sind daher vom Aussterben bedroht. Mit dem Verschwinden der Wälder verlieren auch die Ureinwohner ihre Lebensgrundlage, wie die Indianervölker in Südamerika oder Kanada, oder die Saami in Skandinavien mit ihrer traditionellen Rentierwirtschaft.

  • Eine abgerodete Fläche des Regenwaldes. Hier war einmal ein Wald - durch Brandrodung wurde er vernichtet; Rechte: mauritius images

In den waldreichen Ländern in Mittel- und Westeuropa gibt es zwar keine Urwälder. Dafür ist aber die Forstwirtschaft in Österreich, der Schweiz oder Frankreich hochtechnisiert und durchrationalisiert. Durch den Anbau naturferner Monokulturen wird die biologische Vielfalt in den Wäldern zerstört. Bodenerosionen, Erdrutsche und Überschwemmungen nehmen durch die Waldvernichtung zu, weil somit wichtiges Wurzelwerk fehlt. Zudem ist der Prozess der Papierherstellung eine große Belastung für die Umwelt. Vor allem das Bleichen verursacht viele Umweltgifte, die in Luft und Wasser entweichen. Je weißer das Papier, desto mehr Schadstoffe entstehen. Weil sowohl die Baumplantagen als auch die Zellstofffabriken sehr viel Wasser brauchen, trocknen Flüsse aus oder werden durch Pestizide und Düngemittel verseucht.

Vom Papier zum Altpapier

  • Eine Hand hält den geöffneten Deckel einer Altpapiertonne, in die gerade eine Zeitung geworfen wird. Die Deutschen sind fleißige Altpapier-Sammler und -Recycler; Rechte: dpa/Uli Deck

Das Sammeln von Altpapier hat einen rasanten Wandel erlebt. In Deutschland landeten Papier und Pappe bis Mitte der achtziger Jahre meist im Hausmüll und damit im Ofen. Erst das Zwangsrecycling, schrieb anschließend das Sammeln von altem Papier gesetzlich fest und sorgte damit für großen Aufruhr. Keiner wusste wohin mit den plötzlichen Papierbergen und es kostete die Bürger Geld, ihren Papiermüll los zu werden. Die deutsche Papierindustrie begann, ihre Produktionstechnik verstärkt auf Altpapier auszurichten. Großes Interesse an recyceltem Papier hatten die Deutschen aber nicht. Die Lösung entstand durch eine Krise auf der anderen Seite des Globus: Mit dem Aufstieg Indiens und vor allem Chinas zu Wirtschaftsmächten steigt auch deren Papierverbrauch rasant an. Denn: Je höher der Lebensstandard eines Landes ist, desto höher ist auch sein Papierkonsum. Dazu leben in den beiden Ländern rund 2,5 Milliarden Menschen. China begann, seinen Mangel an Papier durch den Import von Altpapier zu lösen, um damit eigenes Papier herzustellen. Und Deutschland fing an, seinen Altpapiermüll gewinnbringend nach China zu verschiffen. Papier wurde vom Müll zur neuen Rohstoffquelle.

Rohstoffquelle Altpapier

  • Eine Frau steht in einer Papierfabrik vor einer großen Rolle Papier. Moderne Produktionsanlagen machen aus Recyclingpapier Tageszeitungen; Rechte: dpa

Seit Jahren hat sich so ein stabiler Kreislauf etabliert, von dem alle Seiten profitieren: Die Deutschen sammeln Altpapier und verkaufen es nach China. Die Chinesen produzieren billig Recyclingpapier und verkaufen es weiter in die ganze Welt. Die Buchhalterin Zhang Yin ist so mit einem Vermögen von 3,4 Milliarden Dollar zur reichsten Chinesin geworden. Grundlage ihres Reichtums ist der Müll anderer Leute, ihre Papierfabrik produzierte im großen Stil Verpackungsmaterial aus Altpapier.

Der Absatzmarkt für Altpapier ist allerdings sehr schwankend und von enormen Preissprüngen geprägt. In wirtschaftlichen Hochphasen lässt sich mit dem gesammelten Müll eine goldene Nase verdienen. Brechen jedoch in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Altpapierbestellungen ein, wird der zuvor begehrte Rohstoff zu dem, was er eigentlich schon immer war: Abfall. Und dessen Entsorgung kostet Geld.