zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.
Nach dem Krieg lag die Wirtschaft am Boden, die Inflation hatte die Reichsmark nahezu völlig entwertet und eine Währungsreform war dringend nötig. 1948 wurde die Reichsmark schließlich gegen die Deutsche Mark eingetauscht. Ein Grundstein des Aufbruchs wurde damit gelegt.
Als Vater des Wirtschaftswunders gilt Ludwig Erhard: Er hat die bis heute gültige Wirtschaftsordnung durchgesetzt, die soziale Marktwirtschaft. Diese Form der Marktwirtschaft unterstützt finanziell Schwache in der Gesellschaft durch ein soziales Netz. Unter anderem werden Arbeitslosenhilfe und Wohnungsgeld gewährleistet. Der Staat übernimmt in der sozialen Marktwirtschaft demnach die Aufgabe, sich um alle seine Bürger zu kümmern. "Wohlstand für alle" ist deshalb auch der Slogan einer großen Volkspartei im Wahlkampf 1957.
Neben der Währungsreform und der Einführung der sozialen Marktwirtschaft gilt der Marshall-Plan als Motor für den Wachstum in Europa. Der Plan geht auf Georg C. Marshall zurück. Der damalige Außenminister der USA hatte die Idee, dass die Amerikaner Waren umsonst nach Deutschland und in andere europäische Länder bringen und der Empfänger nur soviel in einen Fond einzahlte, wie er zahlen konnte. Anschließend wurde gemeinsam mit den Amerikanern darüber entschieden, wie das Geld in dem Fond am sinnvollsten für den Aufbau Deutschlands eingesetzt werden konnte.
Insgesamt wurden Waren im Wert von ca. 1,4 Milliarden US-Dollar nach Deutschland gebracht, was heute in etwa dem achtfachen Wert entspricht. Währungsreform, die soziale Marktwirtschaft und der Marshall-Plan verhalfen Nachkriegsdeutschland zu einem erheblichen Aufschwung.
Werbeplakat für eine Waschmaschine um 1950; Rechte: akg-images
1951 ist der VW-Bus das beliebteste Freizeitmobil; Rechte: VW
Dank Währungsreform und neuer Wirtschaftsordnung gab es endlich wieder Waren in Hülle und Fülle und sie waren sogar bezahlbar: Zigaretten, Feinstrumpfhosen, Waschmaschinen und Möbel. Die Menschen verfielen nahezu in einen Kaufrausch. Kleine Selbstbedienungsläden kamen aus der Mode und machten Platz für große Kaufhäuser und Supermärkte. Ein neuer Maßstab für Lebensqualität setzte sich in den Köpfen der Menschen fest und der Konsum blühte.
Der Traum vom Eigenheim war damals wie heute ein Wunsch vieler Menschen. Die Bundesregierung unterstützte dies durch erschwingliche Baukredite. Die Aufbruchstimmung weckte aber auch ganz andere Bedürfnisse, wie zum Beispiel Urlaubsreisen nach Italien: Wer sich das nicht leisten konnte, der fuhr an die Nordsee oder in den Schwarzwald. Eine weitere preiswerte Ferienmöglichkeit war der Camping-Urlaub. Anfang der 1960er Jahre fuhr bereits jeder dritte Deutsche in den Urlaub.
Der Wunsch nach einer heilen Welt war nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges besonders groß. Die Menschen sehnten sich nach Ablenkung und leichter Unterhaltung. So entstand eine neue Gattung des Kinos: Der Heimatfilm. Sonnige Landschaften, seichte Geschichten und die sittsame Liebe sollten die Erinnerungen an den Krieg verblassen lassen. Hinzu kam, dass die Amerikaner versuchten, Einfluss auf die Filmindustrie auszuüben. Westliche Normen und Ideale, also eine politische Anpassung an den demokratisierten Westen, sollten im Heimatfilm präsent sein.
Eine Szene aus dem Spielfilm "Die Frühreifen“ von 1957; Rechte: ARD
Eine Gruppe von Jugend- lichen in Jeans in den 50er Jahren; Rechte: AKG
Jugendliche rebellierten gegen die heile Welt der Heimatfilme und damit gegen die Welt ihrer Eltern. Mitte der 1950er Jahre hieß es Rock ’n’ Roll gegen die Langeweile. Petticoats, Elvis Presley und Pferdeschwänze waren der Kult einer ganzen Jugendgeneration. Ausgehend von Amerika breitete sich das neue Lebensgefühl auf der ganzen Welt aus. Auch die Teenager in Deutschland swingten mit auf der Welle des Aufbegehrens.
Diese Abgrenzung der Jugendlichen zu der Welt ihrer Mütter und Väter wurde damals oft negativ ausgelegt oder mit dem Hang zu krimineller Energie gleichgesetzt. Der Begriff des "Halbstarken" geisterte durch die Gesellschaft. Gemeint waren damit männliche Heranwachsende in Röhrenjeans, die mit dem Moped unterwegs immer bereit zur Provokation waren. Die Kriminalität, die man diesen jungen Männern vorwarf, entsprach meist nicht der Realität. Die Gründe für diese Annahme waren vielmehr die Furcht der Erwachsenen vor dem Neuen, dem Unbekannten, verbunden mit einem gewissen Unverständnis.
Die meisten Jugendlichen lebten damals zwischen zwei Welten: Morgens gingen sie in die Schule, die Strickjacke brav zugeknöpft. Nachmittags tranken sie Kaffee mit ihren Eltern und präsentierten sich als anständige Kinder. Die Freizeit jedoch verbrachten sie oft knutschend im Kino oder tanzten zur Beat-Musik in der Milchbar oder in den so genannten Starclubs. Dann blieben die Strickjacken zu Hause, denn dort waren enge Jeans oder schwingende Petticoats angesagt. Auch zahlreiche Jazzclubs entstanden im Ruhrgebiet, meistens skeptisch beäugt von den Erwachsenen.
Ein Raum für alle: Wohnungsnot in Deutschland; Rechte: dpa
Die ersten Gastarbeiter kommen ins Land; Rechte: dpa
Zwischen 1948 und dem Wirtschaftswunder, das Mitte der 50er Jahre begann, gab es jedoch eine Phase der Arbeitslosigkeit in Deutschland. 1950 waren etwa 2, 5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik arbeitslos, was in etwa fünf Prozent der damaligen Bevölkerung entsprach. Dies wurde für viele Bundesbürger eine harte Zeit. Der durch die Währungsreform angekurbelte Aufschwung stagnierte und die Lebenserhaltungskosten für Lebensmittel und Konsumgüter stiegen an. Erst ab 1955 erholte sich der Arbeitsmarkt und die ersten „Gastarbeiter“ wurden nach Deutschland geholt. Nach und nach trafen die Arbeiter aus Griechenland, Portugal, Italien und der Türkei in Deutschland ein. Sie hatten ihre Familien verlassen, um in Deutschland in Bergwerken oder in Fabriken Arbeit anzunehmen, bei der sie mehr verdienten als in ihren Heimatländern. Doch die neuen Gäste stellten schnell fest, dass sie benachteiligt wurden: Ihre deutschen Kollegen malochten unter besseren Arbeitsbedingungen und bekamen höhere Löhne. Oft wohnten die Gastarbeiter mit mehreren Leuten in einem Zimmer, in Wohnbaracken oder Abrisshäusern, ohne sich dagegen wehren zu können. Eine Kündigung des Zimmers konnte die Ausweisung aus Deutschland zur Folge haben, da Gastarbeiter einen festen Wohnsitz vorzeigen mussten. Familienleben war so nur bedingt möglich: Die meisten Arbeiter wollten ihre Familien zwar nachkommen lassen, doch sie mussten ausreichend große Wohnungen und gesicherte, wirtschaftliche Verhältnisse nachweisen.
Für viele Deutsche waren die Gastarbeiter Exoten, sie bildeten eine unterprivilegierte Minderheit, die nur schlecht integriert war. Die Sprachbarriere und das wenige Geld, das die Arbeiter zur Verfügung hatten, führte dazu, dass sie ihre Freizeit isoliert von der deutschen Bevölkerung verbrachten. Wegzudenken waren die Arbeiter aus dem Süden Europas aber nicht mehr, denn auf manchen Zechen im Ruhrgebiet waren in den 60er Jahren rund ein Drittel der Kumpel Gastarbeiter. Aus dem Status des Gastarbeiters wurde im Laufe der Jahre der Status des Einwanderers. Inzwischen lebt die dritte und vierte Generation in der Bundesrepublik.
Das Bild der Frau war zunächst noch traditionell geprägt: Die typische Frau von damals war hauptsächlich eine gute Hausfrau und Mutter. Doch nach und nach wurden Ausbildung und Berufstätigkeit für die Mädchen der Nachkriegsgeneration selbstverständlicher. Es gab bessere Stellen für Frauen im Beruf und durch die Erfahrungen des Krieges wuchs die Erkenntnis, dass eine Ehe nicht immer eine sichere Lebensperspektive bot. Die Mädchen und Frauen wurden selbstbewusster und moderner. Auch Schauspielerinnen wie Hildegard Knef gaben dem Bild der Frau ein neues Gesicht. Selbstbewusst, attraktiv und schick war das neue deutsche Fräuleinwunder.
Eine Außenseitergruppe wird oft vergessen: Die alleinstehenden Frauen. Es gab einen großen Frauenüberschuss in Deutschland, weil viele Männer im zweiten Weltkrieg gefallen waren. Dazu kam, dass Mitte der 50er Jahre noch viele Deutsche in Kriegsgefangenschaft saßen. Auf einmal wurde die Frau zum Alleinverdiener der Familie und musste um Arbeit, Wohnung und um ihr Ansehen kämpfen. Herablassung und Diskriminierung gegenüber diesen Frauen gehörte zum Alltag.
Neu waren auch die Frauenproteste dieser Zeit. Frauen streikten für einen angemessenen Lohn und Gleichberechtigung: Männerarbeit wurde von der Gesellschaft als wichtiger eingestuft und wesentlich höher bezahlt. Die so genannten "Gewerkschaftsfrauen" waren mit der Hoffnung angetreten, die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Doch sie mussten schnell erkennen, dass ihre Überzeugungen von der Öffentlichkeit und vor allem von den Männern nicht geteilt wurden. Erst mit den Studentenprotesten Ende der 60er Jahre wurde es für Frauen einfacher und selbstverständlicher Berufen nachzugehen, die besser bezahlt wurden.
Die Gewerkschaften organisierten eine Reihe von Streiks für Lohnerhöhung und für die Abschaffung der Regelung, dass Feiertage als Urlaubstage galten. Die Arbeiter aller Berufsgruppen gingen nach und nach für Lohnerhöhungen auf die Straße – meistens mit Erfolg.
Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre gab es weitere Protestaktionen – nicht mehr nur bei den Arbeitern, sondern auch bei Umweltaktivisten. Es begannen zahlreiche Demonstrationen gegen Atomkraftwerke und gegen Umweltverschmutzung. Eine grüne Bewegung entstand, die bis in die heutige Zeit aktiv ist. Bekannt ist die so genannte 68er Generation: Studenten und Bürger demonstrierten für die Veränderung bestimmter Werte in der Gesellschaft. Die Rolle der Frau sollte sich wandeln: In dieser Zeit nahm die Emanzipation, also die Gleichberechtigung der Frau, ihren Anfang.
Aber es gab noch weitere Feindbilder der Studentenproteste. Die Studenten warfen dem Axel-Springer-Verlag vor, mit Hilfe einer großen deutschen Tageszeitung die Bevölkerung gegen die Studenten aufzuhetzen. Es gab sogar einen Anschlag auf das Axel-Springer-Verlagshaus in Hamburg im Mai 1972. Diese Studentenbewegung ging in die Geschichte der Bundesrepublik ein, denn die Proteste stürzten Deutschland auf der einen Seite in eine innenpolitische Krise, auf der anderen Seite verhalf die Aufbruchstimmung der Bundesrepublik zu einer gewissen Selbstkritik und zum Umdenken.
© Text: Katharina Appia
