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Bewohner des Deltas

Wer lebt im Delta?

Das Delta ist heute Grenzgebiet zwischen Rumänien und der Ukraine. Doch das heißt nicht, dass nur Ukrainer oder Rumänen im Delta leben. In Tulcea, der größten Stadt am Deltarand auf rumänischer Seite, zählt die Verwaltung viele Nationalitäten. Manche Familiennamen und auch Ortsnamen im Delta sind türkischen Ursprungs. Caraorman zum Beispiel heißt Schwarzwald. Ursprung und Mündung des kilometerlangen Flusses sind also von schwarzen Wäldern umrahmt. Auf dem alten Friedhof von Tulcea stehen sogar Gräber mit arabischen und griechischen Schriftzeichen. Mit den verschiedenen Volksgruppen kamen auch unterschiedliche Glaubensrichtungen: griechisch-orthodox, römisch-katholisch, christlich altgläubig, jüdisch und moslemisch. Und als der Sulina-Arm zum Kanal ausgebaut wurde, kamen im Auftrag der Europäischen Donaukommission Engländer, Franzosen, Deutsche und Italiener nach Sulina. Ein kleines Völkchen hat sich aber nicht in den Hafenstädten am Rand des Deltas angesiedelt, sondern mitten in den unzugänglichen Sümpfen. Claudio Magris beschreibt die Geschichte des Volkes der Lippowener, (er nennt es Lippowaner), in seinem Buch „Donau-Biographie eines Flusses“. Siehe Text.

„Heute ist das Delta, in dem ungefähr 25000 bis 30000 Menschen leben, vor allem die Heimat der Lippowaner, der Fischer mit den langen Patriarchenbärten, die im 18.Jahrhundert aus religiösen Gründen ihre Heimat hatten verlassen müssen und hierhergekommen waren. Die Altgläubigen, Anhänger des Mönches Philipp, (...) lehnten Priesterschaft, Sakramente, Ehe und Militärdienste ab, sie weigerten sich insbesondere, auf den Zaren zu schwören und für ihn zu beten, während sie als höchste Buße den freiwilligen Tod auf dem Scheiterhaufen oder durch Fasten ansahen. In der österreichischen Bukowina gewährte ihnen Joseph II. Freiheit der Religionsausübung und Befreiung vom Militärdienst; der aufgeklärte Kaiser verachtete wahrscheinlich die Prinzipien, die ihnen verboten, irgendeine Medizin zu nehmen, doch schätzte er sicherlich ihre arbeitsame und gesetzestreue Sanftmut und insbesondere ihren praktischen Einfallsreichtum, dank dessen sie sich als technisch hochqualifizierte Handwerker und Bauern erwiesen. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts akzeptierten viele Lippowaner wieder die Hierarchie und hielten die Messe entsprechend der alten Liturgie ab, und gegen Ende des Jahrhunderts konvertierten einige von ihnen zur griechisch-orthodoxen Kirche.“

  • Letea - RumänienLetea - Die Menschen leben von Fischfang und bescheidener Landwirtschaft.
  • Schafe
  • BuchcoverDonau - Biographie eines Flusses, von Claudio Magris, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1996, ISBN 3-552-04811-1, Ladenpreis 25 DM

Mit der immer stärkeren Industrialisierung der Fischerei und der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, ging auch das zurückgezogene Leben der Lippowener im Delta zu Ende – sowohl in Rumänien, als auch in der Ukraine. In Rumänien war das Donau-Delta-Institut seit 1970 für die „Nutzbarmachung“ des Deltas zuständig. 20 Jahre lang planten 400 Wissenschaftler den Umbau großer Teile der Urlandschaft in eine riesige Produktionsstätte für Fisch, Schilf, Getreide, Holz und Baustoffe. Im Jahr 1989 dann die Revolution in Rumänien – das Institut verschreibt sich fortan dem Naturschutz und der Aufgabe, Regeln für die Nutzung des Deltas zu entwerfen. Im Rückblick beurteilt eine Gruppe von Mitarbeitern die Arbeit des Delta-Institutes zu Zeiten des Regimes von Ceausescu so:

„Verschiedene schlecht beratene Versuche, die mächtigen ökologischen Kräfte des Deltas, die seine Produktivität ausmachen, unter Kontrolle zu bringen, führten zu einer enormen Verwirrung unter den Bewohnern des Deltas. Sie konnten nicht mehr unterscheiden, was gut und was schlecht ist. Nach Jahrhunderten, in denen sie in einer gewissen Balance mit der Produktivität der sie umgebenden Natur lebten, zwangen vor 35 Jahren sogenannte Spezialisten, die nicht aus dem Delta stammten, die Deltabewohner, die ,Natur unter ihre Kontrolle‘ zu bringen. In der Folge wurden große und produktive Schilfflächen zerstört, indem die Wasserstände im Frühjahr und Sommer künstlich zu lange angehoben wurden und indem schwere Maschinen für die Schilfernte im Winter benutzt wurden.Den umfassenden Eindeichungen für die Schilfnutzung folgten Eindeichungen für Fischpolder und später auch für die Landwirtschaft. Keine dieser Maßnahmen war ein wirklicher Erfolg, aber sie entfremdeten die Einheimischen vollständig von ihren traditionellen Tätigkeiten wie Fischen und Viehzucht, und auch von der Schilfnutzung für ihre Haushalte und dem Gartenbau auf den höhergelegenen Gebieten des Deltas, die rumänisch ,Grindul‘ genannt werden. Die frühere Gepflogenheit, Reisende zu Hause aufzunehmen und sie in Booten über die Kanäle und Seen zu führen, ging in den letzten 15 Jahren des kommunistischen Regimes verloren. Vogelkundler aus dem Ausland fanden kaum Führer unter den Einheimischen, weil direkter Kontakt zu Ausländern per Gesetz verboten war. Aus diesen und anderen Gründen, verringerte sich die Bevölkerung des Deltas von über 21000 im Jahr 1970 auf weniger als 15000 im Jahr 1992. Geblieben sind vor allem alte Leute.“

Was halten die Deltabewohner vom Biosphärenreservat?

Im ukrainischen Deltastädtchen Vilkovo wehren sich die Fischer gegen Einschränkungen beim Fischfang. Ihr Monatsverdienst liegt bei 10 Mark. Wenn sie weniger fangen dürfen, dann sei zwar der Fischbestand weniger bedroht, sagen sie, aber ihre Familien müssten hungern. Also was tun? Auf der anderen Seite der Grenze, im rumänischen Dorf Caraorman, bedauern viele der Alten, dass das Donaudelta zu einem Schutzgebiet erhoben wurde. Eine Industrialisierung der Region hätte vielleicht Arbeitsplätze für die Jungen in der Familie geschaffen. Als Nationalpark erscheint vielen das Delta als „totes Kapital“, von dem niemand leben kann. Dumitru, der Fischer, den wir im Film nach Caraorman begleiten, sagt: „Die Fabrik war ein bißchen zu giftig, deshalb wurde sie gestoppt. Heute bin ich nicht mehr sicher, ob das richtig war. Die Jugend hat das Dorf verlassen, weil es hier keine Arbeit mehr gibt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird...“ Bei den Städtern im rumänischen Tulcea ist der Monatsverdienst ebenfalls sehr niedrig. Das Durchschnittsgehalt beträgt ca. 100 DM. Der wirtschaftliche Gewinn aus der Industrialisierung des Deltas wird von vielen wichtiger eingestuft als der Schutz des Deltas.

Was bietet ein intaktes Delta den Menschen?

Der World Wide Fund for Nature (WWF) hat in einer Studie den Versuch unternommen, den „Wert des Deltas“ zu berechnen. Das ist eine kitzlige Geschichte, denn wer Argumente aus so einer Untersuchung in die umweltpolitische Diskussion einbringt, muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, das Delta als reines Wirtschaftsgut zu betrachten und nicht als ein Ökosystem, das jenseits aller wirtschaftlichen Betrachtungen zu schützen ist. Das Delta, so heißt es in der Studie, biete durch seine bloße Existenz Erholungsmöglichkeiten für Urlauber, es biete in gewissem Umfang auch Rohstoffe, die ohne Zerstörung des Deltas zu gewinnen seien, und es sei eine hervorragende natürliche Kläranlage für Nitrate und Phosphate im Donauwasser. Das Ergebnis der Studie: Aus jedem Hektar Delta lassen sich durch Tourismus 209 DM, durch Rohstofferträge 127 DM und durch die Klärfunktion 456 ECU pro Jahr erwirtschaften. Und das Delta ist gut 600000 Hektar groß. Gesamterlös pro Jahr also ungefähr 475 Millionen DM.

Der Wert des Deltas

Verwendung Wert
Als Ressource für Rohstoffe 62 ECU pro Hektar
Wert als Erholungslandschaft 109 ECU pro Hektar
Wert als Kläranlage für Nitrat und Phosphor 212 ECU pro Hektar