zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Unterricht: Menschliches Versagen

Menschliches Versagen

  • Ein Mann schaut mit gesenktem Kopf über seine Brille hinweg. Historiker Götz Aly untersucht die Hintergründe; Rechte: WDR

"Der Holocaust wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht alle mitgemacht hätten. Da war dieses billigende Inkaufnehmen: 'Mir schadet es nichts, dass der Jude wegkommt – es kann mir ja nur nützen.'" – Dieses Zitat der Holocaust-Expertin Cornelia Muggenthaler umschreibt treffend die These dieser Filmreihe. Belegt und erklärt wird sie mit einer ganzen Reihe von Beispielen.

Die drei Filme von je etwa 20 Minuten Länge bauen chronologisch aufeinander auf:

  • Folge 1 schildert vor allem die Vorbereitung der Entmachtung und Enteignung der Juden;
  • Folge 2 befasst sich überwiegend mit der Enteignung selbst und den Reaktionen der Nichtjuden.
  • Folge 3 schließlich beschreibt den Zusammenhang zwischen den Deportationen und dem Profitieren der nicht-jüdischen Bevölkerung.
  • Ein Schaufenster mit einem Plakat mit dem Aufruf nur bei Deutschen zu kaufen. Jüdisch Geschäfte wurden boykottiert; Rechte: dpa

Die Folgen sind inhaltlich voneinander unabhängig, so dass je nach Unterrichtsgestaltung alle oder nur ein oder zwei der Filme gezeigt werden können. Die Arbeitsblätter sind überwiegend so konzipiert, dass sie auch eingesetzt werden können, wenn die Schüler nicht alle Folgen gesehen haben. Ausnahmen bilden Arbeitsblatt 6 "Zeitzeugen", das auf einer in Folge 2 gezeigten Episode beruht, und Arbeitsblatt 1 "Schritte der Enteignung", das Wissen aus allen drei Folgen abfragt.

Das methodisch-didaktische Begleitmaterial behandelt im Wesentlichen zwei inhaltliche Schwerpunkte:

1. Arisierung und ihre Folgen (Existenzangst und Verhalten auf jüdischer Seite, Wiedergutmachung)

2. Verhaltensmuster der nichtjüdischen Bevölkerung.

Menschliches Versagen ist von den drei Filmen in diesem Wissenspool "Judenverfolgung im Nationalsozialismus" sicherlich der anspruchsvollste. Ein Teil der Vorschläge eignet sich vor allem für die Sekundarstufe 2, viele Arbeitsblätter können aber auch in der 10. Klasse behandelt werden.

1. Arisierung und ihre Folgen

Um sich die im Film geschilderten Fakten zu vergegenwärtigen, notieren die Schüler beim Schauen des Films oder aus dem Gedächtnis auf Arbeitsblatt 1 "Schritte der Enteignung" die damaligen Geschehnisse und wer jeweils von den Maßnahmen profitierte. Hier wird zum einen deutlich, wie der ausgeklügelte Prozess der Enteignung von der Vorbereitung bis zur Deportation ablief, und zum anderen, wie weitgehend der Staat als Organisator und die Bevölkerung als Nutznießer profitierten. Es wird Wissen aus der gesamten Filmreihe abgefragt. Trotzdem kann das Arbeitsblatt auch eingesetzt werden, wenn die Klasse nicht alle drei Folgen ansieht. Die fehlenden Fakten können auch durch Input des Lehrers/der Lehrerin oder durch Recherche im Geschichtsbuch oder Internet ergänzt werden.

Arbeitsblatt 1 bildet eine gute Grundlage für die Bearbeitung der folgenden Arbeitsblätter, die viel Faktenwissen voraussetzt. Es kann daher auch während des weiteren Unterrichts immer wieder zu Rate gezogen werden.

Arbeitsblatt 2 "Rollenspiel" basiert auf einem in Folge 1 geschilderten Fall, kann jedoch auch ohne Kenntnis dieser Folge eingesetzt werden, weil alle notwendigen Fakten noch einmal aufgelistet werden. Die Schüler sollen in einem Rollenspiel die Diskussion in einer gesellschaftlich wohletablierten jüdischen Familie nachspielen, die mit dem Gedanken spielt, auszuwandern. Die Schüler lernen hier, die Perspektive der jüdischen Bevölkerung einzunehmen, und beschäftigen sich auf sehr persönliche Weise mit der Frage, warum viele Juden nicht auswanderten, als es noch möglich war. Die Schüler reflektieren dadurch die historische Distanz und ihren Wissensvorsprung hinsichtlich der weiteren Entwicklung: 1935 war noch nicht unbedingt absehbar, wie sich die NSDAP-Herrschaft weiterentwickeln würde. Vielen galt Hitler noch als vorübergehendes Übel.

Mit der Aufgabe von Arbeitsblatt 3 "Briefwechsel" wird ein Gegenwartsbezug hergestellt. Die Schüler versetzen sich in die Rollen von Alfred Scharff Goldhaber, Nachkomme eines Münchner Juden, und den Nachkommen einer fiktiven Person, der dessen Besitz ersteigert hat. Die Schüler entwerfen einen Briefwechsel zwischen beiden und bearbeiten aus beiden Perspektiven die Aspekte historische Aufarbeitung, Ursachenforschung, Unrechtsbewusstsein und Möglichkeiten der Entschädigung. Die Präsentation der Ergebnisse kann in verschiedenen Formen erfolgen: Aus den Briefen kann eine Arbeitsmappe zusammengestellt werden, die alle lesen können. Die Briefe können auch in Gruppen oder in der Klasse vorgelesen und besprochen werden.

Die Problematik der Entschädigung und Wiedergutmachung erhitzt oft die Gemüter. Auf Arbeitsblatt 4 haben wir Aspekte und Leitfragen für eine Expertendiskussion des Themas formuliert. Kleine Schülergruppen bereiten sich jeweils auf einen Aspekt vor, etwa auf den moralischen Aspekt der Entschädigung, die Schwierigkeit bei der Beweisführung oder die Rolle der Interessenvertretungen der Opfer. Die Gruppen treten in der Diskussion als Experten für ihren Aspekt auf und formulieren zu Beginn ein kurzes Statement. Der Lehrer oder ein Schüler kann die Rolle eines Moderators übernehmen. Die Schüler sollen Verständnis dafür entwickeln, dass angesichts ungeklärter Besitzverhältnisse und ratloser jüdischer Nachkommen nicht einfach ein Schlussstrich gezogen werden kann, sondern dass auf deutscher Seite eine Verantwortung besteht, moralische wie finanzielle Fragen aufzuklären. Je nach Lerngruppe kann die Expertendiskussion auch ins Unterrichtsgespräch übergehen.

Die Filmreihe zeigt, dass Spuren jüdischen Besitzes und der Enteignung überall zu finden sind – in der eigenen Straße, vielleicht sogar in der eigenen Familie. Insofern können vor dem Hintergrund der Filme eigene lokale Nachforschungen die Geschichte zum Leben erwecken. Arbeitsblatt 5 "Lokale Nachforschungen" bietet eine ausführliche Anleitung für solche eigenen Recherchen. Je nachdem, wie viel Zeit für die Recherche zur Verfügung steht, müssen die Leitfragen und die möglichen Quellen (Stadtarchive, Zeitungsarchive, Geschichtsvereine...) eingegrenzt werden. Es bietet sich an, die Ergebnisse auch öffentlich zu präsentieren: als Ausstellung, Internetseite, Zeitungsartikel oder mit einer Veranstaltung. Dieses Ziel erhöht auch die Motivation der Schüler.

2. Verhaltensmuster der nichtjüdischen Bevölkerung

Die Auseinandersetzung mit dem Verhalten der deutschen Gesellschaft während der NS-Zeit ist und bleibt ein heikles Thema, bei dem auf die richtige Mischung zwischen gebotener Zurückhaltung und legitimer Kritik zu achten ist. Die Schüler können für diesen Balanceakt sensibilisiert werden, indem eine Szene in Folge 2 des Films genauer analysiert wird: Die "bayerisch-jüdische Britin" Beate Green trifft an ihrer ehemaligen Münchner Schule auf ihre Ex-Klassenkameradin Johanna, die damals zum BDM gehörte. Auf Arbeitsblatt 6 werden Fragen zu diesem Zusammentreffen gestellt. Die Schüler reflektieren die Zeitgebundenheit der Aussagen: Wie werden Erinnerungen durch heutige Erfahrungen und Einstellungen verändert? Die Schüler versetzen sich zudem in die damalige Zeit und überlegen, wie Johanna sich verhalten hat bzw. welche Alternativen sie gehabt hätte. Falls nicht bereits im Rahmen von Arbeitsblatt 5 "Lokale Nachforschungen" geschehen, kann dieses Arbeitsblatt den Impuls geben, in der eigenen Familie oder in der eigenen Stadt selbst Zeitzeugen zu befragen.

Am Ende der Unterrichtseinheit kann mit Arbeitsblatt 7 "Simulation" eine begründete historische Bewertung versucht werden. Die Schüler simulieren eine Art Gerichtsverhandlung, bei der die deutsche Zivilbevölkerung auf der Anklagebank sitzt. Die Schüler sollen in Gruppen als Vertreter der Anklage und der Verteidigung Argumente sammeln, sichten und einbringen. Dabei geht es weniger um eine juristische als um eine ethisch-moralische Einschätzung. Ein überzeugender Richterspruch ist sicher schwierig zu formulieren. Wichtiger als das Urteil ist die Diskussion und das quellenkritische und auf Fakten basierende Abwägen. Es geht darum, sich um begründete historische Urteile zu bemühen. Der Arbeitsauftrag fordert von den Schülern durchaus hohe Konzentration und fundiertes Fachwissen. Er kann dafür jedoch zu einem sehr tiefen Verständnis der Geschehnisse führen. Wichtig ist dabei auch der unterstützende Input des Lehrers/der Lehrerin.

Weiterführende Vorschläge

Die Planet Schule-Filmreihe "Orte des Erinnerns" zeigt Plätze in Europa, Deutschland und dem Ruhrgebiet, die Symbole für geschichtliche Ereignisse sind. Mit vielen Zeitzeugen-Interviews und Gegenwartsbezügen werden sie zum Leben erweckt und ermöglichen so einen Blick auf den historischen wie den heutigen Umgang mit ihnen.