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Am 1. Dezember 1918 wird das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ gegründet, das 1929 den Namen Jugoslawien erhält. Der neue Staat ist ein Zusammenschluss einst unabhängiger Fürstentümer mit Teilen des ehemaligen Österreichisch-Ungarischen und Osmanischen Reichs. Somit ist Jugoslawien von Anfang an ein vielseitiges und kompliziertes Gebilde aus unterschiedlichen Völkern: Neben den drei großen Volksgruppen, den Serben, Kroaten und Slowenen, gibt es auch noch die Montenegriner, Mazedonier, Bosnier sowie die Minderheiten der Magyaren, Deutschen und Albaner. Unter den verschiedenen Völkern gibt es trennende aber auch verbindende ethnische Elemente. Slowenen und Kroaten etwa sind Katholiken, sprechen aber unterschiedliche Sprachen. Kroaten, Serben und Bosnier haben dagegen die selbe Sprache, gehören aber unterschiedlichen Religionen an, dem Katholizismus, der serbischen Orthodoxie und dem Islam. Zudem herrschen in dem neuen Staat unterschiedliche Traditionen und Rechtssprechungen, Märkte und Währungen. Hinzu kommt ein starkes soziales Gefälle: Slowenien und Kroatien im Nordwesten Jugoslawiens sind wohlhabender als das Kosovo, Montenegro und Mazedonien im Südosten des Landes.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gewinnt mit Unterstützung der italienischen und deutschen Faschisten in Kroatien eine eigene faschistische Bewegung, die Ustascha, immer mehr an Einfluss. Sie kämpft unter ihrem Anführer Ante Pavelić für einen unabhängigen Staat Kroatien. Im Zweiten Weltkrieg wird das "Königreich Jugoslawien" von Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien überfallen und besetzt. 1941 wird es von den Besatzern aufgelöst und aufgeteilt. Mit Unterstützung Nazi-Deutschlands gelingt es der Ustascha unter der Führung von Pavelić, einen "unabhängigen" Staat Kroatien zu gründen, zu dem auch ganz Bosnien gehört. Die diktatorische Regierung führt unter dem Siegel der "Rekroatisierung" einen brutalen Kampf gegen die serbischen und bosnischen Bevölkerungsteile, dem hunderttausende Bosnier und Serben zum Opfer fallen. Die genaue Zahl der Toten ist bis heute strittig.
Gegen das brutale Regime der Ustascha und gegen die deutsche Besatzung auf dem Balkan regt sich immer stärker werdender Widerstand. Besonders erfolgreich operieren die kommunistischen Partisanen unter ihrem Anführer Josip Broz, genannt Tito. Er wird nach dem Krieg für Jahrzehnte zur Führungsfigur.
1945 wird Tito Ministerpräsident der neu gegründeten sozialistischen Volksrepublik Jugoslawien. Sie besteht aus sechs Teilrepubliken: Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und Serbien. Innerhalb Serbiens entstehen zusätzlich die zwei autonomen Provinzen Vojvodina und das Kosovo. Indem er offiziell die Eigenheiten und Unterschiede der Völker Jugoslawiens anerkennt, hofft Tito, die schwelenden Nationalitätenkonflikte in seinem Land zu entschärfen. Er will eine gesamtjugoslawische sozialistische Identität schaffen. Zunächst scheint das zu gelingen. Auch auf wirtschaftlicher Ebene kann Tito einige Erfolge vorweisen. Die jugoslawische Wirtschaft führt mit einer raschen Industrialisierung und Ausbildung von Arbeitnehmern zu einer zunehmenden Verbesserung des Lebensstandards. Tito geht seit 1950 innerhalb des sozialistischen Lagers einen eigenen Weg zwischen Kapitalismus und sozialistischer Planwirtschaft. 1954 deklariert er zusammen mit Indien die "Blockfreiheit" und die "friedliche Koexistenz" der Völker. Tito will damit die Unabhängigkeit Jugoslawiens gegenüber den Machtblöcken im Ost-West-Konflikt unterstreichen.
Tito als Oberbefehlshaber im Partisanenkrieg gegen die deutsche und italienische Besatzung
Mit der Verschlechterung weltwirtschaftlicher Bedingungen gerät das von internationalen Krediten abhängige Jugoslawien in den 1970er Jahren zunehmend unter Druck. Wachsende Auslandsschulden, das nachlassende Wirtschaftswachstum, zunehmende ökonomische Härten und soziale Ungleichheiten verschärfen die innenpolitische Situation. Die sich anbahnende gesellschaftliche Krise wird von den Menschen als Ergebnis nationaler Widersprüche gedeutet. Die einzelnen Republiken des Landes werfen sich wechselseitig Ausbeutung und nationalen Egoismus vor. Die Führung unter Tito reagiert hierauf mit immer mehr Zugeständnissen an die Interessen und Autonomiewünsche der einzelnen Völker. Sie leistet damit jedoch dem schleichenden Zerfall des Vielvölkerstaats Vorschub, der mit dem Tod der Integrationsfigur Tito 1980 immer schwerer aufzuhalten ist.
Die Unabhängigkeitsbestrebungen in den einzelnen Teilrepubliken werden immer größer, und nationalistische Bewegungen gewinnen immer mehr Einfluss. Einer, der sich nationalistische Parolen auf die Fahnen schreibt, ist der serbische Politiker Slobodan Milošević. Gewaltsam versucht er, die Einheit Jugoslawiens und die Vormachtstellung Serbiens zu sichern. Doch 1990 zerfällt der sozialistische Vielvölkerstaat endgültig.
Die Stadt Dubrovnik nach dem Angriff der jugoslawischen Bundesarmee 1991
Opfer des Massakers von Srebrenica (Bosnien) werden geborgen
Der Zerfall Jugoslawiens mündet in blutige Bürgerkriege. Zu den so genannten Jugoslawienkriegen zählen die Kriege in Slowenien (1991), Kroatien (1991-1995) und Bosnien (1992-1995). Sie eskalieren in dem Moment, als sich die einzelnen jugoslawischen Republiken für unabhängig erklären und zunächst von Deutschland, dann von der Europäischen Gemeinschaft anerkannt werden. Vor allem in Kroatien und Bosnien leben jeweils Volksgruppen, welche die neu gegründeten Staaten nicht anerkennen. Die serbische Minderheit in Kroatien und Bosnien strebt den Anschluss an Serbien an, während sich die kroatische Minderheit in Bosnien mit dem unabhängigen Kroatien vereinigen will. Die Bosnier wiederum wollen den bosnischen Staat mit allen Nationalitäten zunächst erhalten. Die Kriege in Kroatien und Bosnien zeichnen sich durch systematische Vertreibungen von Volksgruppen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung aus.
Grausamer Höhepunkt einer ganzen Reihe von Gewaltverbrechen ist das Massaker in der UN-Sicherheitszone in Srebrenica im Juli 1995. Bosnische Serben ermorden mehr als 7.000 muslimische bosnische Männer, 30.000 weitere Einwohner werden vertrieben. Die seit 1992 in Bosnien stationierten UN-Friedenstruppen können dies nicht verhindern. Im Bosnienkrieg scheitern alle diplomatischen Vermittlungsversuche. Erst der gewaltsame Eingriff der NATO in die Kampfhandlungen kann einen echten Waffenstillstand herbeiführen. Das Dayton-Abkommen von 1995 sieht eine Friedenslösung für Bosnien vor. Es klammert aber andere Konfliktherde in den jugoslawischen Nachfolgestaaten von einer politischen Lösung aus, so unter anderem den zu dieser Zeit bereits schwelenden Kosovo-Konflikt.
Unterzeichnung des Dayton-Abkommens 1995
© Text: Stephan Hensell
