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Hintergrund: Nationalismus im Kosovo

Autonomie

Seit der Kolonisierung des Kosovo durch serbische Siedler hat es immer wieder Autonomiebestrebungen der albanischen Bevölkerung gegeben. Als in den 1970er Jahren in ganz Jugoslawien Forderungen nach mehr Unabhängigkeit und Selbstbestimmung laut werden, reagiert Tito mit einer neuen Bundesverfassung, die den einzelnen Teilrepubliken größere Rechte einräumt. Auch die autonome Provinz Kosovo wird nun an der Verwaltung des Gesamtstaats beteiligt und erhält weitergehende Selbstbestimmungsrechte. So wird zum Beispiel neben dem Serbischen nun auch das Albanische offizielle Amtssprache. Allerdings gehört die autonome Provinz Kosovo weiterhin zur Teilrepublik Serbien. Falls die Verfassungen der einzelnen Teilrepubliken mit Bestimmungen der Bundesverfassung in Widerspruch geraten, hat die jeweilige Verfassung der Teilrepublik Vorrang. Damit haben die Republiken ein Veto-Recht gegenüber Beschlüssen des Bundes. Die Folge: Die Bundesregierung ist nahezu handlungsunfähig.

Mit dem Autonomiezuwachs für das Kosovo erfährt das kulturelle Leben der Albaner in den 1970er Jahren einen Aufschwung. Es herrscht Aufbruchstimmung. Zahlreiche albanischsprachige Bücher erscheinen, die albanische Volkskultur in Musik und Tanz wird wiederbelebt. Albanische Intellektuelle sind bemüht, das Bewusstsein für die eigene Nation zu fördern. Viele Studien behandeln die Geschichte, Literatur und Tradition der Albaner. Dabei werden auch fragwürdige Vorstellungen über den geschichtlichen Anspruch der Albaner auf das Kosovo vertreten. Das Kosovo, so die Behauptung, sei ein uraltes albanisches Siedlungsgebiet, in dem Albaner seit Jahrhunderten unverändert die Bevölkerungsmehrheit stellten. Schon in der Antike sei das Kosovo in großer Zahl von Albanern besiedelt worden. Erst 1913 sei die Provinz unter serbische Herrschaft gekommen. Als es 1981 zu albanischen Massenprotesten kommt, die sich gegen die schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse richten, mischen sich nationalistische Parolen in den Protest. Viele sehen in einer Anerkennung des Kosovo als siebte Republik Jugoslawiens eine Lösung der Krise. Auch der Ruf nach Unabhängigkeit wird laut. Die Unruhen tragen wesentlich zur Verschärfung der Gegensätze zwischen Serben und Albanern bei.

Verhärtung der Fronten

  • 600. Jahrestag der "Schlacht auf dem Amselfeld" (Quelle: dpa) Zehntausende von Serben feiern am 28. Juni 1989 den 600. Jahrestag der "Schlacht auf dem Amselfeld"

Auf den wachsenden Nationalismus der Albaner reagieren die Serben mit zunehmenden Ressentiments gegenüber den Albanern. Die Abwanderung der Serben aus dem Kosovo, die in erster Linie wirtschaftliche Gründe hat, dient als Vorwand für eine anti-albanische Kampagne und wird als gezielte Vertreibung gedeutet. Serbische Medien und Intellektuelle behaupten, Albaner würden serbische Mädchen vergewaltigen, Serben ermorden, ihre Häuser anzünden und ihre Friedhöfe und Kirchen schänden. Die Rede ist von Völkermord. Zu dieser Stimmungslage kommt eine Wiederbelebung romantischer Vorstellungen, in denen vom Kosovo als "Wiege Serbiens" geschwärmt wird.

In der heldenhaften Schlacht von 1389 auf dem kosovarischen Amselfeld hätten die Serben das christliche Europa gegen die anstürmenden Osmanen verteidigt, heißt es. Die Schlacht gilt als Symbol der Opferbereitschaft und zugleich als Schicksalswende des serbischen Volkes. Danach sei das Kosovo zwar unter osmanische Herrschaft gekommen, aber erst später seien die Albaner zugewandert. 1986 erscheint das berüchtigte "Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften", das von einer Gruppe führender Intellektueller verfasst wird. Das Memorandum beklagt scharf die Benachteiligung der Serben in Jugoslawien und beschwört eine von den Albanern im Kosovo ausgehende Gefahr. "Das Schicksal des Kosovo ist eine Lebensfrage für die gesamte serbische Nation", heißt es darin. Einen Höhepunkt findet die nationale Euphorie 1989 auf der 600-Jahr-Feier anlässlich der "Schlacht auf dem Amselfeld". Über eine Millionen Serben kommen zur Gedenkstätte im Kosovo, wo der serbische Präsident, Slobodan Milosevic, sich in einer Rede für die Erneuerung Serbiens stark macht.

Serbische Unterdrückung

Von 1988 bis 1990 unternimmt die serbische Führung unter Slobodan Milosevic verschiedene Schritte, um das Kosovo zu entmachten. Nach der Absetzung der politischen Führung der Albaner wird durch eine Verfassungsänderung der von Tito erweiterte Autonomiestatus von 1974 praktisch aufgehoben. Am 5. Juli 1990 lösen serbische Polizei und Armee das Parlament und die Regierung des Kosovo auf. Diese Maßnahmen werden von einer Welle von Entlassungen begleitet. Mehr als 100.000 Albaner aus dem öffentlichen Dienst, aus Fabriken, Betrieben, Krankenhäusern und Schulen verlieren ihre Arbeit. Die Universität Priština wird durch die Entlassung des nahezu gesamten albanischen Lehrpersonals und durch den Ausschluss albanischer Studenten zu einer rein serbischen Einrichtung gemacht.

Darüber hinaus verbieten die serbischen Behörden albanisches Radio und Fernsehen sowie die wichtigste albanische Tageszeitung "Rilindja" (Wiedergeburt). Albanisch ist nicht mehr offizielle Sprache in den Behörden. Schließlich werden auch albanische Lehrbücher verboten und Albanisch als Unterrichtssprache zurückgedrängt. In den Schulen werden Albaner und Serben durch das Einziehen von Wänden oder durch die Einführung von Vormittags- und Nachmittagsunterricht getrennt. Die Diskriminierung der Albaner nimmt die Form eines Apartheidsystems an. Damit einher gehen zahlreiche Übergriffe der Polizei. Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Verhöre und Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Die Gerichte im Kosovo verurteilen zehntausende Albaner zu langjährigen Haftstrafen mit der Begründung, sie würden die gewaltsame Abspaltung des Kosovo von Serbien anstreben.