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Hintergrund: Das Kosovo

Siedlungsgeschichte

Das Kosovo, seit 1913 Bestandteil Serbiens und seit 1918 auch Jugoslawiens, zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus. Erstens gilt es als sehr arme Region. Zweitens ist die serbisch geprägte Staatsgewalt und die Zugehörigkeit der Provinz zu Serbien immer wieder mit der Ausübung massiver bewaffneter Gewalt gegen die Albaner verbunden. Die Ursprünge dieser gewalttätigen Beziehung reichen zurück bis in die Zeit vor der Gründung Jugoslawiens. Nach den Balkankriegen 1912/13 verstärkt das siegreiche Königreich Serbien seine Machtposition auf dem Balkan. Das Kosovo, bis dahin Bestandteil des Osmanischen Reiches, wird erobert und fällt an Serbien. Das militärisch und machtpolitisch erstarkte serbische Königreich betrachtet das Kosovo als Herzstück Serbiens, in dem über Jahrhunderte Serben unter fremder Herrschaft gelebt hätten und jetzt befreit seien. Im Kosovo leben jedoch 1913 überwiegend Albaner.

Tatsächlich hat das Kosovo in der Vergangenheit immer wieder seine staatliche Zugehörigkeit gewechselt. Im frühen Mittelalter gehörte es zunächst zum Byzantinischen Reich, bis 1018 dann zum Bulgarischen Reich, anschließend für zwei Jahrhunderte wieder zum Byzantinischen Reich. Im 13. Jahrhundert wurde das Kosovo Bestandteil des mittelalterlichen Serbischen Reiches. Mitte des 15. Jahrhunderts bis 1913 geriet das Kosovo dann unter osmanische Herrschaft. Zwar war die Mehrheit der Bevölkerung vor der osmanischen Eroberung serbisch, der albanische Bevölkerungsanteil nahm jedoch seit dem 16. Jahrhundert ständig zu, während sich der serbische durch Abwanderungen stark verringerte. Aufgrund der bewegten Siedlungsgeschichte und der andauernden Vermischung von Völkern im Balkan über Jahrhunderte lässt sich das Kosovo daher historisch keiner Volksgruppe eindeutig zuordnen.

Zusammensetzung der Bevölkerung des Kosovo nach Volks- gruppen 1921 und 2005 (Quelle: SWR)

Serbische Provinz

Die serbische Regierung sieht in der Kolonisierung des Kosovo die Befreiung eines ihrer Meinung nach eigentlich urserbischen Gebietes, die Albaner erfahren sie jedoch als Entrechtung und gewaltsame Unterdrückung. Ihre bis dahin guten Beziehungen zur alteingesessenen serbischen Bevölkerung verschlechtern sich schnell. Die Albaner wehren sich mit Gewalt und greifen aus dem Gebirge heraus serbische Einheiten und Kolonisten an. Auf den von 1918 bis 1924 dauernden bewaffneten Widerstand der Albaner reagieren die Serben mit der Ermordung vieler Albaner und der Zerstörung ihrer Häuser. Von der Kolonisierung profitieren vor allem serbische Armeeangehörige, die in den Balkankriegen das Kosovo erobert haben. Sie erhalten kostenlos Ländereien und das Verkaufsrecht für diese nach zehn Jahren. Und auch der Umzug für sie und ihre Familien ist kostenfrei. Jedoch kehren viele Kolonisten wegen der schlechten Versorgung und den schwierigen Bedingungen Anfang der 1930er Jahre wieder in ihre Heimat zurück.

Ab 1935 tritt die Enteignung des albanischen Landes in eine neue Phase. Dabei entwickelt der renommierte serbische Historiker Vasa Čubrilović Ideen zur systematischen Vertreibung der Albaner, die 1937 dem serbischen Parlament in Belgrad präsentiert werden. Pro Person sollen den Albanern jetzt nur noch 0,4 Hektar Land zur Verfügung stehen, zu wenig zum Überleben. Die Landbevölkerung soll unter das Existenzminimum gedrängt und somit zur Auswanderung gezwungen werden. Schließlich wird mit der türkischen Regierung, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, ein Abkommen über die Auswanderung von 40.000 albanischen Familien in die Türkei unterzeichnet. Die Umsetzung dieses Plans scheitert durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Unmittelbar nach der 1941 erfolgenden Besetzung Jugoslawiens durch Deutschland vertreiben Albaner gewaltsam innerhalb kürzester Zeit 20.000 serbische Kolonisten aus dem Kosovo.

Getrennte Völker

  • Islamische Gebetskette (Quelle: dpa) Islamische Gebetskette

Im Kosovo haben die Albaner und Serben wenig Umgang miteinander. Ehen zwischen ihnen sind äußerst selten. Viele Dörfer sind entweder von der einen oder der anderen Volksgruppe bewohnt. Die Serben sind orthodoxen Glaubens, die überwiegende Mehrheit der Albaner muslimisch. Albaner sprechen durchweg gut Serbisch, umgekehrt gibt es aber kaum Serben, die sich auf Albanisch unterhalten könnten. Während die Serben vorwiegend in den Städten leben, verbleiben die Albaner auf dem Land, wo die Großfamilie weiterhin einen hohen Stellenwert hat. Mehrere Generationen einer Familie wohnen dort in einem Haushalt, der von den ältesten männlichen Mitgliedern geleitet wird. Die überkommene Tradition gilt als heilig, und die Väter bestimmen die Ehepartner der Kinder. Aufgrund der hohen Geburtenrate der Albaner steigt der albanische Anteil an der kosovarischen Bevölkerung von circa 60 Prozent 1939 auf etwa 90 Prozent 1998.

Die Serben, die sich im Kosovo in der Minderheit befinden, befürchten, dass die Albaner ihr hohes Bevölkerungswachstum bewusst anstreben, um die Serben zu verdrängen. Die serbische Wahrnehmung verbindet sich mit gängigen Klischees über die Albaner, die häufig abwertend als Skipetaren bezeichnet werden. Sie gelten als rückständig und wenig qualifizierte Arbeiter, die sich vor allem als Eisverkäufer, Straßenkehrer oder Saisonarbeiter verdingen. Tatsächlich aber ergreifen seit Beginn der 1970er Jahre immer mehr Albaner eine akademische Ausbildung. Die Albaner sehen sich einem latenten Rassismus ausgesetzt und als Menschen zweiter Klasse behandelt. In jedem Vorstoß der serbischen Behörden in Richtung Geburtenkontrolle und Familienplanung sehen sie eine Methode der Ausrottung. Sie entwickeln ihrerseits Misstrauen gegenüber den Serben und weichen den zumeist von Serben besetzten Behörden des Staates aus.

„Armenhaus Kosovo“

Das Kosovo gilt schon immer als das "Armenhaus" Jugoslawiens. Die Provinz liegt abseits der Touristengebiete, und die vorhandene Industrie kann nicht viele Menschen beschäftigen. Die Landwirtschaft ist wenig produktiv und der landwirtschaftlich nutzbare Boden im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gering. Die Aussichten auf Beschäftigung und Sicherung einer Existenz sind schlecht. Zugleich hat das Kosovo mit der hohen Geburtenrate der Albaner eine schnell wachsende Bevölkerung, die sich von 1921 bis 1981 fast vervierfacht hat. Die Menschen drängen auf den Arbeitsmarkt und sind seit Beginn der 1980er Jahre besser ausgebildet als je zuvor. Die 1969 gegründete Universität in der Provinzhauptstadt Priština wächst innerhalb von zehn Jahren zu einer Einrichtung, die circa 30.000 mehrheitlich albanische Studenten ausbildet. Viele Akademiker streben Führungspositionen und eine Anstellung in den staatlichen Einrichtungen und Betrieben der Provinz an.

Das Ungleichgewicht zwischen den lange bevorzugten Serben und den benachteiligten Albanern verändert sich jedoch nur langsam. 1980 hat jeder fünfte Serbe eine Arbeit im öffentlichen Dienst, aber nur jeder elfte Albaner. Serben machen zu dieser Zeit 15 Prozent der Bevölkerung des Kosovo aus, halten aber 30 Prozent der Arbeitsplätze. Die schlechten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt treffen aber beide Volksgruppen. Anfang der 1980er Jahre sind etwa 250.000 Menschen arbeitslos, ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Vor allem die Serben reagieren hierauf mit einer Abwanderung aus dem Kosovo.