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Hintergrund: Irak und die Gewalt

US-Besatzung

  • US-Soldaten bewachen das Ölministerium in Bagdad (Quelle: dpa) US-Soldaten bewachen das Ölministerium in Bagdad
  • Ein Iraker kauft Plastikkanister (Quelle: dpa) Der Wasservorrat wird allmählich knapp. Ein Iraker kauft Plastikkanister, um sich Wasserreserven anzulegen

Am 1. Mai 2003 erklärt George Bush vor einigen tausend US-Soldaten den Krieg für beendet. Doch während Washington den Krieg in allen Einzelheiten vorausgeplant hat, liegen keine Pläne für die Nachkriegszeit vor und der Irak ist von Gewaltlosigkeit und Befreidung weit entfernt. Der rasche militärische Erfolg der US-geführten Truppen steht von Anfang an in Kontrast zu dem Misserfolg auf dem Gebiet der Zivilverwaltung. Die Soldaten der Irakische Arme ergeben sich nicht, sondern gehen samt ihrer Waffen nach Hause. Auch die meisten Polizisten erscheinen nicht mehr zur Arbeit. Die Infrastruktur im Land bricht zusammen, Strom- und Wasserversorgung funktionieren nicht mehr und Plünderungen beginnen. Die stationierten US-Truppen sind Kampfeinheiten, dünn gesät und auf Aufgaben der Friedenssicherung weder vorbereitet noch ausgebildet. Ohne die seit der Saddam-Diktatur vertrauten „Anweisungen“ aus dem Fernseher, fühlen sich viele Iraker allein gelassen. Auf der Suche nach mehr Sicherheit wenden sich Viele verstärkt den traditionellen Anhängern, den Stammesführern und Religionsgelehrten zu. Viele Korangelehrte lenken die Proteste in religiöse Bahnen, rufen die Menschen zum Boykott gegen die Besatzungspolitik auf und versprechen den Anhängern einen Platz im Paradies, falls sie im Kampf gegen die Besatzer den Märtyrertod sterben. Selbstmordattentate nehmen ihren Anfang. Zudem eröffnen überall im Irak unterschiedliche politische Gruppierungen ihre Büros. Die Meisten orientieren sich entweder an der religiösen oder der ethnischen Zugehörigkeit ihrer Zielgruppen – ein Flickenteppich aus Religions- und Volksgruppen. Anhänger des von Saddam im Februar 1999 ermordeten Shiitenführers Sadik al Sadr Bagdads bennen etwa die ehemalige Vorstadt „Saddam – City“ in „Sadr City“ um, organisieren dort eine eigene Miliz und eine eigene Verwaltung.

„Entbaathifizierung“

Die USA will den Irak von Grund auf demokratisieren. US-Zivilverwalter des Irak Paul Bremer erklärt im Juni 2003"Wir werden den Irakern helfen, eine demokratische Regierung aufzubauen. Dann werden wir der neuen irakischen Regierung alle Amtsgeschäfte übergeben und nach Hause gehen." Nach dem Vorbild der "Entnazifizierung" in Deutschland soll die Verwaltung "entbaathifiziert" werden. Wer im Staatsdienst bleiben will, muss auf einem Fragebogen Auskunft über seine Rolle unter dem Baath-Regime geben. Viele Offiziere, Beamte und andere wichtige Stützen des alten Regimes verlieren dadurch nicht nur ihre Anstellung, sondern auch den Anspruch auf eine Rente. Die Baath-Partei wird verboten, die millionenstarke irakische Armee aufgelöst und die Polizei neu rekrutiert.Irakische Intellektuelle warnen Bremer davor, die Erfahrungen mit Nazideutschland auf den Irak zu übertragen. "In Deutschland hatten die Alliierten es mit einer Ideologie zu tun, die von weiten Kreisen der Bevölkerung begeistert unterstützt wurde", kommentiert der 81-jährige Adnan Pachachi, der vor dem Saddam-Regime irakischer Außenminister war. "Aber der Baathismus war unter Saddam nur auf dem Papier noch eine Ideologie." In Wirklichkeit habe es sich um eine versteckte Stammesherrschaft gehandelt. Wer in die Baath-Partei eintrat, sei in der Regel nicht aus Überzeugung Mitglied geworden, sondern aus Furcht. Mit diesem Schritt bestrafe man die Falschen und schaffe neues Unrecht. Viele Iraker sehen das ebenso und fühlen sich durch die neuen Herren ungerecht behandelt und schürt den Hass gegen die Besatzungsmacht.

Kampf den Besatzern

  • Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad (Quelle: dpa) Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad im August 2003. Dabei kam der UN-Sondergesandte Sergio de Mello mit vielen seiner Mitarbeiter ums Leben
  • Demonstration Arbeitsloser im Irak (Quelle: dpa) Am 6. Juni 2003 entlädt sich die Wut gegen die US-Zivilverwaltung. Nach dem US-Einmarsch haben viele Iraker ihre Arbeit verloren. Nun verlangen sie eine Wiederaufnahme ihrer Beschäftigung

Im April 2003 hatte die US-Armee in der Sunnitenhochburg Falludscha Saddam-freundliche Demonstranten erschossen. Entschädigungszahlungen hierfür verweigerte die USA. Seitdem rufen die Stammesführer der Getöteten zu Rache und Vergeltung auf. Zu denjenigen, die dem Aufruf folgen, stoßen über die unbewachten Grenzen des Irak ausländische Kämpfer hinzu: aus Syrien, Saudi Arabien und Jordanien. Doch ihnen geht es nicht um die Stämme in Falludscha: Für sie ist die Situation im Irak ein geeignetes Schlachtfeld, um die USA und ihre Verbündeten insgesamt zu bekämpfen. Auch die internationale Terrororganisation "al Kaida" beginnt jetzt, im Irak zu operieren. Die neue Macht des Terrors zeigt sich zum ersten Mal im Sommer 2003, als der für seine Neutralität bekannte UN-Sondergesandte Sergio de Mello mit vielen Mitarbeitern in seinem Hauptquartier in Bagdad ermordet wird. Am Jahresende 2003 gibt es immer mehr Selbstmordanschläge in Bagdad, unter anderem auf "Ausländerhotels" und das Hauptquartier des Roten Kreuzes. Der Widerstand weist Anzeichen von Planung und Koordination auf. Dass ein halbes Jahr nach dem offiziellen Kriegsende die Infrastruktur noch immer nicht funktioniert, dass es keine Sicherheit und kaum Arbeitsplätze gibt, steigert die allgemeine Frustration – besonders unter den Ex-Soldaten und Ex-Beamten, die durch Paul Bremers Entbaathifizierung arbeitslos geworden sind. Extremisten versuchen, die allgemeine Unzufriedenheit zu nutzen.Am 30. Januar finden im Irak die ersten freien Wahlen für ein Übergangsparlament statt. Das Schiitenbündnis UIA und die Kurdenallianz gehen als stärkste Partei daraus hervor. Im Oktober tritt per Volksabstimmung mit einer Mehrheit von 78 Prozent die neue irakische Verfassung in Kraft. Am 15. Dezember 2006 finden dann die ersten Wahlen nach dem Sturz Saddam Husseins für ein reguläres 4-jähriges Parlament, an denen fast 70 Prozent der Stimmberechtigten teilnehmen.