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Hintergrund: Identität

  • Eine Büste von Platon. Platon gehört zu den Philosophen der Antike, die meinten, dem Menschen wohne ein göttlicher Kern inne; Rechte: Bibi Saint-Pol

Zwei philosophische Grundpositionen zum Ich

Wer bin ich? Was ist das Ich? Wie können wir lernen, uns selbst zu verstehen? Und gibt es so etwas wie das "Selbst" überhaupt? Die Antworten der Philosophen auf diese Frage sind vielfältig. Allgemein gesagt gibt es zwei Ideen dazu: Entweder man nimmt an, dass jeder Mensch so etwas wie ein individuelles "Wesen" besitzt. Die Philosophen nennen das eine "Essenz". Das Wort "Wesen" bezeichnet damit diejenigen Eigenschaften, die eine Sache oder ein Mensch notwendigerweise haben muss, um zu existieren. Oder man glaubt – und dies wäre eine modernere Position – dass es so etwas wie DAS Wesen eines Einzelmenschen gar nicht geben kann.

Im ersten Fall stellt sich die Frage, wie man das Wesen eines Menschen überhaupt erforscht. Wie sollte das gehen? Schließlich kann man das Wesen ja nicht abbilden und untersuchen wie Knochen oder Organe.

Einige Philosophen der Antike und des Mittelalters wie etwa Platon und Thomas von Aquin meinten, dass Menschen als Geschöpfe Gottes zu verstehen seien. Als solchen wohne ihnen ein göttlicher Kern inne, ein göttlicher Funke, der den Menschen erst zum Menschen mache. Schon vor der Geburt gab es diese "Essenz". Eine "Existenz", also die nackte Tatsache, dass wir am Leben sind, hingegen wäre nichts anderes als die Verkörperung dieser geistigen Wesenheit. Demnach wäre die Essenz etwas Nichtmaterielles, das man deshalb auch nicht wie Organe oder Gegenstände untersuchen kann. Sie würde sich in unseren Taten und Handlungen zeigen, etwa in der Fähigkeit, das Gute, Wahre und Schöne zu erkennen.

Doch damit, dass etwas unsichtbar ist – so könnte man einwenden – wäre noch lange nicht bewiesen, dass es etwas Geistiges oder Übersinnliches ist. Unseren Schönheitssinn könnte man durchaus auch auf anderem Wege erklären. Schließlich sind alle menschliche Gedanken unsichtbar und doch würden wir nicht schon deshalb behaupten, sie seinen etwas Göttliches oder Überirdisches.

  • Porträtfoto von Jean-Paul Sartre. Nach Sartre muss sich jeder Mensch sein Wesen selbst geben; Rechte: WDR/AP

Sartre: Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre greift diese Gedanken der platonisch-christlichen Tradition im 20. Jahrhundert in kritischer Weise auf. Sartre war Atheist und vertrat die Ansicht, dass es keinen Gott gebe, der den Menschen beziehungsweise sein Wesen erschaffen habe. Der einzelne Mensch selbst habe die Aufgabe, sein Wesen zu erzeugen. Menschen kommen nach Sartre also ohne ein vorher festgelegtes Wesen auf die Welt. Der Essenz gehe die Existenz voraus. Die Tatsache, dass der Einzelne am Leben ist, liege zwar nicht in seiner Hand, sein Wesen aber durchaus. Hier herrsche absolute Freiheit.

Das, was der Mensch aus sich selbst macht, nennt Sartre deshalb das Ergebnis einer radikalen Wahl. Der Mensch sei dazu verurteilt, frei zu sein. Das heißt, eine Entscheidung darüber zu fällen, wer er sein will. Diese große Freiheit, die Sartre dem Einzelnen zuspricht, entpuppt sich aber bald als eine ebenso große Last. Denn wir alle machen tagtäglich die Erfahrung, wie schwer es ist, Entscheidungen zu treffen. Wollte man alles – sogar die eigene Identität – frei bestimmen, so wäre dies sicher eine qualvolle und zermürbende Aufgabe.

Sartre ist ein Repräsentant der zweiten Gruppe von Philosophen, die bei allen Unterschieden in jener Grundidee übereinstimmen, dass der einzelne Mensch kein vorherbestimmtes Wesen besitze. Diese Idee muss nicht in der für Sartre typischen radikalen Form vertreten werden. Es ist ebenso gut denkbar zu behaupten, wir fänden uns selbst in zahlreichen "Rollen" wieder und unser sogenanntes Wesen sei nichts anderes als die Vielzahl dieser sozialen Rollen, die ganz unterschiedliche Anforderungen an uns stellen – sei es mit Blick auf das Verhalten, die Ansichten oder Prinzipien. So kann man die Rolle der Lehrerin, der Ehefrau, der Mutter, der Freundin einnehmen und trotz der inhaltlichen Unterschiede dieser Rollen durchaus eine einzelne ungeteilte Person sein. Wenn ich etwa mit meinen Freunden die Freizeit verbringe, wäre es wohl kaum angemessen, sie in erzieherischer Absicht auf Normverstöße oder Pflichten hinzuweisen, wie es von Eltern gegenüber ihren Kindern erwartet wird.

  • Richard David Precht sitzt in einem Schaufenster neben mehreren angekleideten Schaufensterpuppen. Wir spielen viele Rollen, die wir uns aneignen; Rechte: WDR

Precht: Der Mensch ist mehr als die Rolle, die er spielt

Ebendies meint auch Richard David Precht, wenn er sagt, dass wir nicht das sind, was wir sind, sondern das, was wir zu sein vorgeben. Wer indessen ganz und gar in seiner jeweiligen Rolle aufgeht oder einen Menschen nur auf eine einzige Rolle reduziert, der vergisst leicht, dass das Individuum mehr ist als seine aktuelle Erscheinung. In einer Hinsicht liegt darin ein zutiefst menschenfreundlicher Gedanke: Wir sind immer mehr als die Rollen, die wir spielen. Individuen gehen in ihren Erscheinungen nicht auf. Ihre Identität sollte nicht darauf reduziert werden, welche Rolle man im Moment wahrnimmt. Und andererseits darf der Wert des Einzelnen nicht vom Urteil der Anderen abhängen. Precht scheint hier eine Synthese der Ideen aus beiden philosophischen Lagern zu favorisieren: In dem Wunsch, anders als die anderen beziehungsweise "individuell" zu sein, unterscheiden wir uns kaum von unseren Mitmenschen.

Aber vielleicht ist dieser Wunsch gar nicht verfehlt, denn er ist der Motor unserer Identitätssuche. Unser individueller Wert sollte daher nicht in der Exklusivität liegen, sondern darin, uns einen eigenen Wert jenseits der Umwelt zu verleihen – ohne dabei zu vergessen, dass es immer diese Umwelt ist, die unsere Persönlichkeit prägt. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen liegt für Precht die individuelle Identität des Menschen. Damit erweitert er den Grundgedanken Sartres: Nicht DAS Wesen geben wir uns selbst, sondern wir spielen viele Rollen, die wir uns aneignen. Unseren Wert jedoch besitzen wir unabhängig vom Urteil der Anderen.