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Die Biologin Lyn Griffiths will das Geheimnis des menschlichen Herztodes lösen, der größte Killer der westlichen Welt. Herzkrankheiten sind zum Teil erblich, zum Teil umweltbedingt, aber die Verbindung zwischen beiden ist für die Wissenschaft noch immer ein Rätsel. Griffiths will das Geheimnis aufdecken und am Ende vielleicht sogar ein Heilmittel finden. Ihre Suche nach Ursachen und Therapiemöglichkeiten führt sie zu einem winzigen Stück Land im Pazifik zwischen Australien und Neuseeland: zur Norfolk-Insel. Die 900 Bewohner dieser abgeschiedenen Gemeinde sind alle Nachfahren der berühmt-berüchtigten Meuterer auf der "Bounty" aus dem 18. Jahrhundert. Der Kopf der Meuterer war damals Fletcher Christian. Wie seine Nachkommen hier schließlich landeten, ist eine eigene Geschichte - von Meuterei, Mord, Ansiedlung in Pitcairn und auf Tahiti, Vertreibung von dort durch die Einheimischen, Flucht und Zwangsansiedlung durch die britische Royal Navy. Das Ergebnis jedenfalls ist, dass die Bewohner von Norfolk für die Wissenschaftlerin ein wunderbares genetisches Labor darstellen. Denn die Gene der Menschen hier sind unberührt vom Stress und den Belastungen des modernen Lebens. Und trotzdem sterben viele Menschen auf Norfolk Island am Herztod.
Auf den ersten Blick ist die Ursache klar: die Ernährung. Die Verwaltungsbehörden von Norfolk Island verbieten jede Einfuhr von Lebensmitteln. Das heißt zwar einerseits: keine BigMacs, kein Coca Cola. Aber andererseits eben auch: wenig frisches Obst und Gemüse. Die Insulaner ernähren sich mit einer landestypischen Mischung aus der polynesischen und britischen Küche des 18. Jahrhunderts: jede Menge Sahne, Fett und Salz. Solche Ernährungsgewohnheiten sind Auslöser von Herzkrankheiten. Wenn man andere Umweltfaktoren wie Stress, Lärm, Schmutz und Gifte ausschließen kann, lassen sich solche Auslöser besser untersuchen. Deshalb sammelt Griffiths DNA-Proben von der gesamten Bevölkerung von Norfolk Island. Darüber hinaus hat sie aber auch noch ein zweites Ziel: Sie hofft, die genetischen Unterschiede zu finden zwischen den Bewohnern von Norfolk und ihren Vorfahren. In diesen Unterschieden könnte nämlich die Lösung des Rätsels liegen: wie Erb- und Umwelteinflüsse beim Herztod zusammenwirken. Das bedeutet aber, dass sie die Vorfahren von Fletcher Christian in einer abgelegenen Gegend Großbritanniens ausfindig machen muss - ebenso wie die Nachkommen der tahitischen Frauen, die den Meuterern von der Bounty zuerst begegneten. Es ist eine Suche, die enorme Auswirkung haben kann für das Schicksal vieler Millionen Menschen.
Todesursache Nr.1 in der westlichen Welt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ausgerechnet ein Kapitel aus der britischen Seefahrtsgeschichte könnte helfen, diese Krankheiten zu besiegen: Die berüchtigte Meuterei auf der "Bounty".
Lyn Griffiths will den Kampf mit dem Herztod aufnehmen. Sie glaubt, dass schlechte Lebensgewohnheiten allein den weltweiten Herztod nicht erklären können.
"Wer den Herzinfarkt besiegen will, muss einen Code knacken", sagt Lyn Griffiths, "den genetischen Code für Bluthochdruck". Allerdings gibt es ein Problem: nicht ein Gen allein ist schuld, es müssen mehrere zusammenwirken.Um die Herzinfarkt-Gene zu finden, braucht Lyn Griffiths Blutproben. Aber Zufallsproben nützen nichts. Gesucht wird eine Gruppe von Menschen, die seit langem isoliert lebt, mit einer gut dokumentierten Geschichte und einer Umwelt, die sich nicht verändert hat.
Jede Blutzelle enthält den genetischen Bauplan für den ganzen Körper, das menschliche Genom. Wir erben diesen Bauplan von unseren Eltern, 23 Chromosomenpaare.
Das Griffiths-Team hat vier Chromosomenbereiche identifiziert, in denen sich die Gene befinden könnten, die den Blutdruck regulieren. Aber Forschung lässt sich nicht bis ins Letzte planen. Plötzlich hatte das Team ein Problem. Beim Herzinfarkt wirken mehrere Gene zusammen. Bei den Inselbewohnern sucht das Team nach einer Kombination von DNA-Markern die parallel mit Bluthochdruck vererbt werden. Aber diese Kombination kann zwischen Bevölkerungsgruppen und -ethnien variieren. Das kompliziert die Suche auch auf Norfolk-Island. So muss Lynn Griffiths noch tiefer in die Medizingeschichte eindringen. Es geht um die englischen und tahitischen Vorfahren der Bewohner von Norfolk.
Die Norfolk-Inseln, auf halbem Weg zwischen Australien und Neuseeland. Die Inselbewohner leben isoliert und sind die Nachkommen der berüchtigten Meuterer der "Bounty". Der Kapitän überwarf sich mit seinem 1. Offizier Fletcher Christian. Man weiß nicht viel von ihm. Nur dass er dunkel und nervös war und dass er heftig schwitzte, wenn er unter Stress geriet. Diese Geschichte gab Lyn Griffiths einen wichtigen Hinweis. Fletcher Christian litt womöglich an Hypertonie.
Viele Fragen sind noch offen. Die Jagd geht weiter. Lyn Griffiths ist an allen Fronten, als Gen-Forscherin, Historikerin und DNA-Detektivin. Eine Gen-Jägerin, die der Medizin neue Methoden und neue Erkenntnisse verschafft.
© Text: Noreen Krespach-Schindler
