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Hintergrund: Wie wertvoll ist unsere Nahrung?

  • Verschiedene Brotsorten, wie Mischbrot, Roggen-Vollkornbrot, Toastbrot und Baguette in einem Mülleimer.

    Brotvielfalt im Müll; Rechte: dpa

  • Kinder strecken ihre leeren Teller in Richtung des Betrachters.

    Warten auf eine Mahlzeit; Rechte: dpa

Die Zahlen sind erschreckend: Jedes fünfte Brot wird heute weggeschmissen, etwa zehn Prozent aller verpackten Lebensmittel wandern hierzulande ungeöffnet in den Abfall der privaten Haushalte, täglich zehn Tonnen Speisereste landen auf dem Kölner Großmarkt im Müll. In ganz Deutschland fallen täglich zwei Millionen Tonnen gewerbliche Speisereste an. Auf der anderen Seite leiden jährlich 860 Millionen Menschen an Hunger. Laut Berichten der Vereinten Nationen müsste das nicht sein, denn es werden genügend Lebensmittel für alle produziert.

Zum Schutz des Verbrauchers

  • Ein Mann wirft eine Kiste mit Hähnchen in den Müll. Auf den Müll statt in den Laden; Rechte: dpa
  • Close-up eines Joghurts mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Auch nach Ablauf genießbar: Joghurt mit Mindesthaltbarkeitsdatum; Rechte: mauritius images

Natürlich sind nicht alle weggeworfenen Lebensmittel noch genießbar, zum Beispiel Gammelfleisch. Deshalb gibt es Nahrungsmittelkontrollen. Milchprodukte, lange Zeit Überträger schwerer Krankheiten, wurden dank der Milchgesetze Anfang des 20. Jahrhunderts sicher. Fleisch unterlag schon im alten Athen einer genauen Beobachtung. Wer verdorbenes Fleisch verkaufte, musste auch im Mittelalter mit hohen Strafen rechnen. Selbst die Kennzeichnungspflicht ist nicht erst eine Erfindung der letzten Jahre. Schon 1887 gab es ein Margarinegesetz, das eine eindeutige Kennzeichnung verlangte. Die Europäische Union und die Bundesregierung setzen heute die Regeln für die Lebensmittelsicherheit der Betriebe fest. Dabei werden neben wichtigen Hygienevorschriften auch Normgrößen von Lebensmitteln wie Äpfel oder Bananen festgelegt.

Aus den Supermärkten landen vor allem Waren auf dem Müll, deren Verfallsdatum abgelaufen ist oder die der Kennzeichnungspflicht nicht entsprechen. Dies regelt ein Bundesgesetz. Wer eine Ware verkauft, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, macht sich strafbar. Wer eine beschädigte Ware ohne leserliche Kennzeichnung verkauft, handelt allerdings nur ordnungswidrig. So kommt es, dass vieles von dem, was auf dem Müll landet, noch genießbar ist. Alleine die Armentafeln verteilen mehr als 100.000 Tonnen Lebensmittel an bedürftige Menschen - alles Waren, die noch gut verträglich sind, aber als Abfall enden würden. Die Supermärkte kalkulieren diese Ausschussware im Preis mit ein. Wie können sie sich das erlauben?

Tomaten zu jeder Jahreszeit

  • Eine Vielzahl von roten Tomaten. Reif zum Verzehr: Rechte: WDR

Von den Regalen der Supermärkte lachen uns zu jeder Jahreszeit frische Tomaten, Erdbeeren, Äpfel, Bohnen oder Salate an. Kaum jemand weiß heute noch, wann Erntezeit für diese Gewächse in Deutschland ist, ganz zu schweigen von Orangen, Bananen oder Mangos, die hierzulande sowieso nicht wachsen. Als Luxus erscheint uns das schon lange nicht mehr.

Auf einer Fläche von 350 Quadratkilometern – das ist fast so groß wie ganz München – erstreckt sich im Süden Spaniens ein Meer aus Plastik, die weltweit größte Konzentration von intensiv angebautem Obst und Gemüse. Unter den Planen wird Obst und Gemüse für den europäischen Markt angebaut, jährlich 2,8 Millionen Tonnen, mit bis zu fünf Ernten im Jahr. Möglich ist dies nicht nur wegen der warmen Temperaturen. Der Einsatz von reichlich Dünger und Pestiziden hilft bei der Produktion. Und so kommt es, dass ein Europäer im Durchschnitt jedes Jahr zehn Kilogramm Treibhausgemüse aus Spanien essen kann.

Die spanischen Tomaten sind bei uns oft preiswerter zu bekommen als Tomaten aus Deutschland. Grund sind vor allem die niedrigen Lohnkosten. Für weit unter fünf Euro pro Stunde verrichten unter den Planen Immigranten aus Marokko die schwere Arbeit. Der Preis, den wir für die Tomaten zu jeder Jahreszeit zahlen, geht auf Kosten anderer: der Arbeiter, der Umwelt und der Steuerzahler, denn gefördert wurde der Aufbau der Intensivkultur mit Geldern der europäischen Union.

Der globale Supermarkt

  • Bananen liegen in einem Supermarktregal. Südfrüchte satt: Bananen aus Übersee; Rechte: WDR
  • Ein Containerschiff legt an einem Terminal im Hamburger Hafen an. Tiefpreis beim Transport dank Container; Rechte: ddp: Marcus Brandt
  • Krabben auf einem Holzbrett. Zum Krabbenpulen nach Marokko; Rechte: mauritius images

Der Apfel – ein deutsches Obst? Weit gefehlt. Der weltgrößte Apfelproduzent ist China. Das Land verkauft seine Äpfel auch nach Deutschland. Und einen Bio-Apfel – den bekommen wir im Sommer aus Argentinien. 17 Tage dauert die Reise, 13.000 Kilometer liegen zwischen Ernte und Verbraucher. Wie kann sich das rechnen? Etwa ein Prozent des Ladenpreises fällt auf die Benzinkosten, besonders preiswert ist der Transport per Schiff. Auf den modernen Containerschiffen finden heute bis zu 11.000 Container Platz. Ein Kilo Obst kann für etwa zehn Cent transportiert werden.

Weitaus teurer ist der Transport mit dem Flugzeug. Dennoch werden Mangos, Ananas und andere Südfrüchte per Luftfracht nach Deutschland geschickt. Möglich ist das, weil die Luftfrachtkosten seit 1950 um über neunzig Prozent sanken. In den Supermärkten werden heute genügend exotische Früchte angeboten, so dass der Kunde sich die besten Stücke herauspicken kann. Die schlechteren landen häufig auf dem Müll.

Billige Arbeitskräfte und niedrige Transportkosten führen auch zu ziemlich absurden Produktionsabläufen. So werden Krabben aus Norddeutschland bis nach Marokko geschickt, wo billige Arbeitskräfte sie pulen, bevor sie den ganzen Weg zurück in die deutschen Supermärkte gehen. Für die gesamte Logistik kalkulieren Industrieunternehmen etwa acht Prozent ein. Auf die Kraftstoffkosten alleine fallen dabei gerade einmal 0,75 Prozent. Steigende Spritkosten sind bei dieser Rechnung also ein vergleichsweise zu vernachlässigender Faktor. Die Co2-Emissionen, die für unseren Klimawandel verantwortlich sind, werden dabei allerdings nicht einkalkuliert. Und die Zahl der LKW-Transporte steigt. Kein Wunder, hat doch schon ein ganz normales Frühstück bei uns mit Joghurt, Wurst, Eiern und ohne Krabben gut 5.000 Kilometer auf der Straße hinter sich.

Die Masse macht den Preis

  • Blick in eine große Halle mit vielen Obstkisten. Großes Warenangebot in der Großmarkthalle; Rechte: WDR

Zwei Stunden lang musste man 1960 durchschnittlich für ein Brathähnchen arbeiten, im Jahr 2000 bekam man es schon nach 13 Minuten Arbeit. Für 47 Minuten Arbeit gab’s 1980 ein Schweineschnitzel, 2004 waren es nur noch 26 Minuten. Der Wert des Essens ist kontinuierlich gesunken, dazu haben auch Chemikalien, Massentierhaltung und Massenverarbeitung beigetragen. 400 Millionen Hühner lassen jedes Jahr in Deutschland ihr Leben. Ein kurzes Leben, denn schon nach 38 Tagen ist ein Huhn reif für die Theke. Ein Schwein, das früher fast drei Jahre bis zur Schlachtreife brauchte, wird heute nach einem halben Jahr zum Schnitzel verarbeitet.

1950 gab eine Durchschnittsfamilie noch fast 50 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, im Jahr 2000 waren es noch 16 Prozent. Um so preiswert produzieren zu können, mussten viele landwirtschaftliche Betriebe aufgeben, zwischen 1975 und 1995 waren es in Europa mehr als 1,4 Millionen. Nur wer bereit war, sich zu vergrößern und industrialisierte Landwirtschaft zu betreiben, hat eine Chance bei den Preisen mitzuhalten. Die Preise aber bestimmen zunehmend die großen Lebensmittellieferanten wie Nestlé oder Unilever oder die großen Handelsketten wie Wal-Mart, Metro oder Rewe. Ihre Filialen liegen nicht nur in Deutschland, sondern sie sind über viele Länder verteilt. Sie kalkulieren mit riesigen Mengen. Und die Menge macht den Preis: Über die Menge können die Unternehmen so preiswert einkaufen und transportieren. Der relativ billige Einkaufspreis hat aber Konsequenzen: Eine industrialisierte Lebensmittelproduktion mit wenigen oder billigen Arbeitern und eine hohe Luftverschmutzung durch wachsenden Transport sind die Folgen. Und auch in den Köpfen der Verbraucher sinkt der Wert unserer Lebensmittel: Das industriell produzierte Hähnchenfilet wird vermutlich eher leichtfertig weggeschmissen, als das teurere Fleisch eines Freilandhuhns vom Bauern nebenan.