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Die Sendung beschäftigt sich mit einem Thema, das für die Geschichte der Nachkriegszeit von besonderer Bedeutung ist, weil es zum einen die Grundlage für die soziale Stabilisierung der bundesrepublikanischen Gesellschaftsordnung legte, zum anderen aber auch als fast unerschöpflicher Schatz von Mythenbildungen diente. Wer die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik verstehen will, muss sich dem Thema des Wirtschaftswunders intensiver zuwenden.
Zentraler Leitgedanke ist die Frage nach den Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Verlierer des Zweiten Weltkriegs so schnell wieder Boden gut machen konnten und zu einer ökonomischen Spitzenstellung auf dem Weltmarkt gelangten. Dabei beschränkt sich die Sendung bewusst auf einige wenige, aber von Schülern nachvollziehbare Gründe, die allerdings der unterrichtlichen Nachbearbeitung bedürfen, da sie in der Sendung aus Zeitgründen nicht erschöpfend genug behandelt werden können.
Auch für diese Sendung gilt, dass die Schüler die wirtschaftliche Entwicklung im Nachkriegsdeutschland zunächst einmal über Bilder unmittelbar erfahren und nachvollziehen können sollen, um selbst Fragen an das Thema zu stellen. Die Sendung schlägt den Bogen von der alliierten Politik der Demontage über den amerikanischen Marshall-Plan und die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft mit ihren fast unglaublichen Zuwachsraten bis hin zur ersten Reisewelle im Automobil, die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre einsetzte. Dabei soll vor allem deutlich gemacht werden, wie sich das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung der Deutschen verändert hat. Deshalb greift die Sendung auch im letzten Drittel die veränderte Haltung eines Teils der Jugend auf, die sich als "Halbstarke" oder Rocker-Gruppen gegen die durch Fleiß, Arbeitsamkeit, Ordnungsdenken bestimmte und auf Konsum fixierte Lebenshaltung wandten.
Weil der Bogen bis zur ersten Wirtschaftskrise Mitte der 60er Jahre gespannt wird, ist es kaum sinnvoll, die Sendung als Ganzes zu präsentieren. Man kann sie am ehesten nach der Sequenz über das soziale Wohnungsbauprogramm Anfang der 50er Jahre (nach ca. acht Minuten) unterbrechen. Denn der zweite Teil wendet sich dann mehr dem Aspekt zu, inwiefern sich die Lebensweise der Menschen in der Bundesrepublik durch das Wirtschaftswunder verändert hat.
Die Auswertung könnte in folgenden Schritten vollzogen werden: Auswertung des 1. Teils der Sendung unter der Fragestellung:
Dabei kann man die Gründe, die zum Wirtschaftswunder geführt haben, in folgenden Gedanken bündeln:
Die Besprechung des zweiten Teils kann durch die Frage erfolgen:
Dabei können folgende Aspekte herausgearbeitet werden: Vor allem der wirtschaftliche Erfolg gab den Westdeutschen ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem Ausland nach der Erfahrung der Nazi-Zeit. Wirtschaftliche Stabilität wurde zu einem hohen Wert innerhalb der demokratischen Gesellschaft, die nicht bereit war, den politischen Kurs Experimenten zu unterziehen. Demokratische Defizite wurden als nicht so wesentlich empfunden. Demgemäß rangierte auch noch lange der Wert der Arbeit über dem der Freizeit.
Durch das Wirtschaftswunder erreichte die Bundesrepublik erstmals einen bis dahin in der deutschen Geschichte unbekannten Massenwohlstand, der zur Ausbildung einer breiten Mittelstandsgesellschaft führte. Mentalitätsgeschichtlich bedeutsam war in Verbindung mit der allgemeinen Motorisierung die Tatsache, dass Auslandsferien nicht mehr ein Privileg der Oberschicht waren. Die Frage, inwieweit durch die Überbetonung von Arbeit und Leistung das mitmenschliche Beziehungsgeflecht zu leiden hatte, ist in der Wissenschaft umstritten, kann aber mit zurückhaltender Vorsicht mit den Schülern erörtert werden.
Der Protest der jungen Generation gegen die fast allein vom Wert der Arbeitsamkeit und Ordentlichkeit geprägten bürgerlichen Welt zeigt, dass von einem bestimmten Punkt an vom Wohlstandsanstieg nicht mehr die Integrationskraft ausging wie in der Anfangsphase des Wirtschaftswunders, wo jede Mehrung der Konsummöglichkeiten unumstritten von der Überzahl der Bürger noch als Fortschritt empfunden wurde. Nicht unwichtig scheint der Hinweis zu sein, dass die Proteste der Halbstarken-Bewegung lediglich ein "anti" waren, ohne eine irgendgeartete Gegenwelt mit Perspektive zu entwickeln. Erst durch die Wirtschaftskrise, die von 1965 an deutliche Schatten warf, wurde die Wirtschaftswunderwelt mit dem Glauben an die ständig steigende Prosperität in Frage gestellt. Doch die Grenzen der unbegrenzten Konsumwelt (Kapitalismuskritik) und die Gefahren für die Umwelt hat erst die 68er Bewegung politisch artikuliert, bzw. die Bewegung, die sich dann in den 70er Jahren zu einer Umweltpartei zusammenschloss. Dies allerdings ist Thema einer weiteren Folge.
Es kann bei der Analyse und Auswertung der Sendung nicht darum gehen, mit den Schülern eine wirtschaftsgeschichtliche Entwicklung nachzuvollziehen, um das Phänomen des Wirtschaftswunders zu erklären. Im Mittelpunkt sollte auch bei dieser Sendung wieder ein alltagsgeschichtlicher Ansatz stehen, da dieser Zugang den Schülern konkrete Vorstellungsmöglichkeiten eröffnet.
Die historischen Rahmenbedingungen für den rasanten ökonomischen Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland, die zum Teil nur am Rande erwähnt werden, müssten von der Lehrkraft oder durch die Arbeit am Schulbuch, bzw. in Materialien erläutert werden (z.B. 1951 Revision des Ruhrstatuts, 1952 Deutschland-Vertrag, 1955 Pariser Verträge; denn der Wirtschaftsaufschwung verläuft parallel und zum Teil verschränkt, bzw. bedingt durch die West-Integration, die innenpolitisch eine lange Phase der Stabilität gewährleistet hat). Zu den Rahmenbedingungen für den Weg in die Wohlstandsgesellschaft, auf die in der Sendung nicht eingegangen wird, gehören auch sozialpolitische Grundsteine wie der soziale Wohnungsbau, das Lastenausgleichsgesetz und die Einführung der dynamischen Rente durch den Generationenvertrag. Diese Faktoren muss die Lehrkraft bei der Auswertung mit einbeziehen.
© Text: Dr. Norbert Zwölfer
