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Die Alpen sind Europas Süßwasserreservoir. Dazu gehören Gletscher, Flusssysteme und Seen. Von der Nutzung des Alpenwassers ist ein großer Teil Europas abhängig. In den Alpen entspringen die großen Flüsse: Rhein, Po, die Zuflüsse zur Donau und die Rhône.
Der Weissensee in Kärnten lädt im Sommer zum Baden ein; Rechte: WDR
Die Kölnbrein-Sperre ist Österreichs höchste Staumauer; Rechte: WDR
Das Maltatal in Kärnten hat malerische Wasserfälle; Rechte: WDR
Trinkwasserversorgung: Bei der Trinkwasserversorgung geht es nicht nur um die Alpenbevölkerung. Vor allem die Metropolen in Norditalien oder im Süden von Deutschland bekommen ihr Trinkwasser in langen Leitungen aus den Alpen oder ihrem Vorland. Der Bodensee versorgt zum Beispiel den Großraum Stuttgart mit circa fünf Millionen Einwohnern. Ähnlich ist es auch in Frankreich. Mineralwasserfirmen haben sich zusätzlich die Nutzungsrechte unterirdischer Wasservorkommen gesichert.
Landwirtschaft: Für die Landwirtschaft ist die Bewässerung durch Alpenwasser unverzichtbar. Stauseen dienen zur Vorratshaltung, damit die wasserintensive Landwirtschaft auch in den wasserarmen Monaten genug Vorräte hat. Davon profitiert vor allem die Landwirtschaft in Frankreich, aber auch im Süden Deutschlands.
Wasserkraft: Wasserkraft dient der Stromgewinnung – vorrangig natürlich der der Alpenländer, im Verbund sind aber die schnell verfügbaren Reserven aus Wasserkraft europaweit abrufbar.
Die Alpen bekommen insgesamt reichlich Niederschläge ab. Doch deren Verteilung ist sehr ungleichmäßig. Wasser "satt" haben die Nordalpen. Anders sieht es teilweise im Süden der Alpen und in einzelnen trockenen Tälern aus. Das hat mit den vorherrschenden Windrichtungen zu tun, die meist aus Nordwest oder Südwest kommen. Niederschläge gibt es in den dem Wind zugewandten Regionen, also eher westlich – Wassermangel im Süden der Alpen, zum Beispiel in der Poebene, die von den Winden abgeschirmt liegt. Das gilt auch für inneralpine Täler, die hinter höheren Bergketten liegen. Künstlicher Wassermangel entsteht auch dort, wo zur Stromgewinnung Bäche und kleine Flüsse in Stauseen abgeleitet werden.
Die Menschen in den Alpen haben die Kraft des Wassers schon früh zu nutzen gewusst. In kleinen Alpentälern wurden Bäche gestaut und kanalisiert, um damit Mühlen anzutreiben. Im Mölltal/Kärnten gab es Systeme, bei denen ein kleiner Bach bis zu sieben Mühlen nacheinander antrieb – ehe er im Tal in den nächst größeren Fluss mündete. Wasserkraft – saubere Energie?
Heute werden fast alle Alpenflüsse mehrfach gestaut und dienen vor allem der Energiegewinnung. Wasserkraft gilt als saubere Energie. Dennoch ist die Debatte um den Ausbau der Kraftwerke in den Alpen entbrannt. Denn auch die Nutzung der Wasserkraft bedeutet Eingriffe in die Alpen-Natur. Täler werden verändert, Wasserkreisläufe in regionalen Umfeldern zerstört. Bei der Kölnbrein-Sperre in Kärnten, der mit 200 Metern höchsten Staumauer Österreichs, werden zum Beispiel Bäche und Flüsse aus der Umgebung in den Stausee umgeleitet. Das hat zur Folge, dass Berghänge, auf denen vorher eine Vielzahl kleiner Gewässer strömten, austrocknen und sich die Vegetation dort verändert. Anlagen in der Größe der Kölnbrein-Sperre, die schon in den 70er Jahren geplant wurde, werden heute nicht mehr gebaut. Es gelten andere Umweltschutzgesetze.
Die Betreiber der Kraftwerke geben an, dass die Wasserkraft der Alpen zu etwa 90 Prozent ausgenutzt wird. Es gibt Lauf- und Speicherkraftwerke. Laufkraftwerke nutzen zum Beispiel die Strömung eines Flusses und produzieren regelmäßig Strom. Der Strom aus Speicherkraftwerken dagegen wird im europäischen Verbund vor allem als Ausgleichsreserve für die Windkraft diskutiert, um Produktionsschwankungen auszugleichen. Wenn das Wasser in hoch gelegenen Seen gespeichert wird, kann es sehr kurzfristig für die Stromerzeugung genutzt werden, wenn zum Beispiel kein Wind geht und die Windräder nicht genug produzieren. Es muss dann nur Wasser aus dem höher gelegenen See durch Rohrleitungen zum Kraftwerk im Tal geleitet werden – die Fallkraft des Wassers treibt die Turbinen an. Dieser Strom aus Speicherseen steht auch in Spitzenverbrauchszeiten "auf Knopfdruck" zur Verfügung.
Die kanalisierte Drau in der Nähe von Lienz; Rechte: WDR
Die rückgebaute Drau hat wieder Platz für Schotterbänke; Rechte: WDR
Der Tagliamento – „König der Alpenflüsse“; Rechte: WDR
Sie gehören zum Bild der Alpen: der wild springende Bach, der rauschende Fluss. Doch der Eindruck täuscht – circa 90 Prozent der Fließgewässer in den Alpen wurden reguliert. Die vermeintlich wilden Bäche führen nur noch einen Bruchteil des natürlichen Wassers, weil der Rest für die Energiegewinnung abgezweigt und umgeleitet wurde. Die Restmengen reichen in einigen Gebieten kaum noch aus, damit das Ökosystem Bach oder Fluss funktionieren kann. Gesetzliche Vorgaben für diese Restmengen sind notwendig, damit Wasserkraft saubere Energie bleiben kann.
Die Drau fließt im Süden Österreichs von Osttirol über Kärnten nach Slowenien – im Zuge des Eisenbahnbaus am Ende des 19. Jahrhunderts wurde ihr Oberlauf weitgehend kanalisiert, um nicht durch Überschwemmungen die Bahntrasse zu gefährden. Überschwemmungen kamen dennoch und mit großer Heftigkeit, die Ufer wurden unterspült – das Grundwasser senkte sich. Seit dem Jahr 2000 wird die Drau wieder rückgebaut. In längeren Flussabschnitten in Kärnten wurden die Ufer ausgeweitet und Altwasserarme geöffnet: dort fließt das Wasser nicht so schnell. Dadurch entstanden Laichplätze für Fische.
Der Tagliamento wird als "König der Alpenflüsse" bezeichnet. Denn der Fluss im nördlichen Italien/Friaul ist der einzige große Alpenfluss, der in weiten Teilen noch sich selbst überlassen ist. An manchen Stellen ist das Flussbett fast zwei Kilometer breit. Immer wieder sucht sich der Fluss zwischen den Schotterbänken einen neuen Weg. Wasserbauingenieure aus ganz Europa kommen hierher, um zu untersuchen, wie sich ein Fluss unter natürlichen Bedingungen verhält. Das Wasser des Tagliamento hat Platz. Doch auch dieser Fluss wird durch Baumaßnahmen bedroht: Kanalisierungen sind geplant, Wasser- und Schotterentnahmen bringen den Lauf durcheinander.
Ein großer Teil der alpinen Gletscher wird jährlich vermessen – dazu gehört die Pasterze, der Talgletscher unterhalb des Großglockner in den österreichischen Ost-Alpen. Im sehr warmen Sommer 2003 ging dort die Gletscherzunge um 48 Meter zurück – ein Vorgang, der auf alle Alpengletscher zutrifft: Sie schmelzen. In der Schweiz hat die vergletscherte Fläche zwischen 1985 um 2000 um 20 Prozent abgenommen, die Mächtigkeit des Eises sogar um 25 Prozent. Der Klimawandel ist in den Alpen mit bloßem Auge nachzuvollziehen. Langfristig gehören im Sommer weiße Bergspitzen in großen Teilen der Alpen der Vergangenheit an.
Die Gletscherschmelze bringt Gefahren für die Menschen mit sich: Die ungeheuren Wassermengen müssen irgendwohin, die Schmelzwasserseen unterhalb der Gletscher fließen über, Staudämme könnten überfordert sein und das Schmelzwasser mit Geröll und Erde auch die tiefer gelegenen Täler fluten. Eine weitere Folge betrifft die Permafrostgrenze: Permafrostböden (Dauerfrostböden) sind dauerhaft gefroren und tauen auch im Sommer nicht auf. In den Alpen kommen sie in großen Höhen über 2500 Metern vor. Durch den Klimawandel ändert sich das, die Grenze für den Dauerfrost steigt weiter nach oben. Die Eiskerne der Berge tauen auf, das gespeicherte Wasser taut und friert erneut. Dieser Vorgang sprengt das umgebende Gestein: Risse, Steinlawinen und Bergstürze könnten die Folge sein. Im Bereich der Pasterze waren im Frühsommer 2007 mehrere große Felsstürze zu verzeichnen, solche Abbrüche sind auch von anderen Alpengletschern bekannt.
Mit dem Abschmelzen der Gletscher schmilzt auch das Süßwasserreservoir, das dieses Eis bietet - kurzfristig gibt es Wasser im Überfluss, langfristig wird aber eine Reserve verbraucht, die ewig schien. Ewiges Eis wird es nur noch in sehr großen Höhen geben.
Ein Traum zum Skifahren: blauer Himmel und Sonne; Rechte: WDR
Schneekanonen sorgen für sicheres Wintervergnügen; Rechte: WDR
Der See ist Nachfüllstation für Schneekanonen; Rechte: WDR
Durch die moderne Erschließung des Alpenraums ist der Wasserverbrauch enorm gestiegen. Auch in den Alpen wird es in Zukunft nicht immer selbstverständlich sein, dass es sauberes Wasser gibt.
Tourismus braucht Wasser. Hotels und Restaurants wollen sauberes Wasser – zu jeder Zeit und in Massen. Dazu kommt, dass der - vor allem im Winter - erhöhte Energiebedarf in den Alpenländern durch Wasserkraft befriedigt wird. Durch die intensive Nutzung der Alpen für den Tourismus hat sich auch die Wasserverschmutzung vervielfacht: schuld daran sind, unter anderem, der erhöhte Kohlendioxid-Ausstoß durch den Verkehr oder die Nutzung von Gletscherflächen für den Skitourismus.
Da die Schneefallgrenze immer weiter nach oben steigt, sind von den alpinen Skigebieten auf Dauer nur noch circa 60 Prozent in der Wintersaison schneesicher. Skigebiete unterhalb von 1800 Metern haben auf Dauer schlechte Aussichten. Schneekanonen sollen Abhilfe schaffen – mittlerweile haben fast alle Skiorte künstlich beschneite Flächen, sei es um die Saison zu verlängern, sei es um den mangelnden Schnee im Tal auszugleichen. Um einen Hektar Pistenfläche zu beschneien, werden etwa eine Million Liter Wasser benötigt und das zu einer Jahreszeit, in der Wasser in den Alpen knapp ist. Mittlerweile gibt es 24.000 künstlich beschneite Hektar Skipisten. Um aus Wasser Schnee zu machen, verbrauchen die Schneekanonen im Jahr soviel Energie wie eine Stadt mit 130.000 Einwohnern und so viel Wasser wie eine Stadt mit einer Millionen Einwohnern.
In vielen Regionen darf das Wasser für die Schneekanonen mit chemischen Zusätzen versehen werden, das soll zu schnelles Tauen aufhalten – in den Boden sickert dann chemisch verunreinigtes Wasser. Für den künstlichen Schnee müssen Speicherseen angelegt werden. Um sie mit Wasser zu füllen, werden Bäche umgeleitet: ein Eingriff in den natürlichen Wasserhaushalt.
© Text: Hildegard Kriwet
