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Die Berge als Ort für das Freizeitvergnügen zu betrachten ist eine recht moderne Sichtweise – den Bewohnern der Alpen, die seit 7000 Jahre versuchen in dieser Landschaft ihr Auskommen zu finden, war das ein fremder Gedanke. Berge galten als menschenfeindlich – bewohnt wurden die Täler mit ihrem gemäßigten Klima oder die höher gelegenen Ebenen, die gute Voraussetzungen für Viehwirtschaft boten. Nur zur Ausbeutung von Metallvorkommen wagten sich die Menschen höher hinauf.
Ob die Alpenbewohner ihre Heimat damals als schön empfanden, ist unbekannt – wahrscheinlich waren ihnen andere Kriterien wichtiger, etwa die Fruchtbarkeit des Bodens. Aber das Empfinden für landschaftliche Schönheit wandelte sich: noch im Mittelalter wurde das Gebirge als bedrohlich empfunden, als schrecklich. In der Antike galten die Berggipfel gar als die Wohnsitze von Göttern und Dämonen. Als schön empfand man bis ins späte Mittelalter Parklandschaften mit sanften Hügeln: die gestaltete, nicht die wilde Natur. Das änderte sich erst im 18. Jahrhundert – die Rousseausche Forderung „Zurück zur Natur“ öffnete die Augen der Europäer für natürliche Landschaften.
Die Menschen suchten ihre Wege nicht über die Gipfel, sondern durch die Täler, entlang der Bergflanken, über die Pässe. Die Reisenden waren ja nicht zum Vergnügen unterwegs, sondern um Handel zu treiben oder die Versorgung der Täler aufrecht zu erhalten. Unberechenbar waren Wetter, Schneefälle, Lawinen und Muren – die Menschen waren der Natur ausgeliefert, an das Bezwingen der Gipfel zu sportlichen Zwecken dachte niemand.
Beschneite Gipfel lockten die ersten Bergsteiger; Rechte: WDR
Relikte aus der Belle Époque des Tourismus; Rechte: WDR
Eine Sommerfrische für vornehme Gäste; Rechte: WDR
Es waren die Engländer, die sich Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf den Weg in die wilde Natur der Alpen machten. Sie waren noch keine Touristen im heutigen Sinne, aber die ersten sportlich motivierten Gäste, die zur Verwunderung der einheimischen Bevölkerung auf die Gipfel wollten. Im folgenden Jahrhundert werden alle Alpengipfel bestiegen, alle Routen ausprobiert: die Engländer gründen 1857 den ersten Bergsteiger Verein: den „Alpine Club“. Berühmt geworden ist zum Beispiel Edward Whymper, der Erstbesteiger des Matterhorns und anderer Gipfel.
Erst als Eisenbahnen und Straßen gebaut wurden, konnten auch die weniger sportlichen Menschen die Alpen entdecken. Sie leiteten sie Phase des Belle-Epoque Tourismus um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert ein – mit großen Palast- und Grandhotels an landschaftlich schönen Plätzen. Dorthin fuhren die Reichen und Vornehmen zur Kur, oder um einen Teil des Sommers in gesunder Luft und schöner Umgebung zu verbringen.
Hotelbauten in St. Moritz oder Flims zeugen davon heute noch. Diese Gäste wollten höchstens kleine Spaziergänge in die nächste Umgebung machen, legten aber Wert auf Kulturangebote: Konzerte oder Theater. Auch Sportmöglichkeiten direkt am Haus wurden geschätzt, zum Beispiel Tennisplätze.
Diese Art der Sommerfrische brachte Arbeit für die Bewohner der Berge, denn der Komfort, den die Grandhotels versprachen, brauchte Personal. Erste Zahnradbahnen wurden auf die Berge gebaut, damit die Gäste ohne mühsamen Aufstieg das Bergpanorama genießen konnten: zum Beispiel auf dem Jungfrau-Joch.
Skifahren als Freizeitsport in den 20er Jahren; Rechte: ddp
Museumsstücke: Mit Holzskiern fing es an; Rechte: WDR
Im österreichischen Flims wird ein Skilift gebaut; Rechte: WDR
Winter in den Bergen, das bedeutete für viele Täler und Dörfer monatelange Abgeschiedenheit – Schneestürme, meterhohe Schneewehen. Die Wege konnten nur mühsam freigehalten werden. Mit Pferden und großen Schlitten wurde die Versorgung der Bevölkerung aufrecht gehalten. Die meisten Alpenpässe blieben unpassierbar. Im Bergwinter die Ferien zu verbringen, schien undenkbar.
Skifahren war eine Erfindung aus den skandinavischen Ländern. Dort waren Ski als Hilfsmittel schon lange bekannt. In die Alpen begann der Skilauf erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und auch da nur sehr zögerlich –die Einheimischen benutzten die langen Bretter, um im Winter Wege besser zu bewältigen – Sportgeräte für die Freizeit wurden sie erst langsam. In den zwanziger Jahren machten dann auch die ersten Skischulen auf. Über den Stil - Telemark oder Parallelschwung - stritt man lange.
Heute unvorstellbar, aber die ersten Skiläufer mussten zu Fuß bergan und erst nach dieser Mühe konnten sie bergab gleiten – im Tiefschnee ohne Piste. Skiwanderungen gehörten genauso zum Winterangebot wie Schlittenpartien mit Pferden oder Eislaufen. In Flims fuhr man die Gäste zunächst mit einem Treckerzug in die Höhe. Die ersten Lifte wurden in den zwanziger Jahren gebaut. Damit begann der Siegeszug des alpinen Skifahrens (im Gegensatz zum nordischen: dem Langlauf und dem Skispringen).
Die Technik der Skier wurde mit neuen Bindungen und Materialien immer weiter verbessert –Wettbewerbe ausgetragen: Alpinski ist 1936 erstmals olympische Disziplin. Doch bis zum zweiten Weltkrieg bleibt das Skifahren eine sehr elitäre Sportart, entsprechend sind auch die Unterkünfte eher große und vornehme Hotels.
Die Sonderzüge werden mit der Blaskapelle empfangen; Rechte: WDR
Skikurs für eine Schulklasse aus Köln; Rechte WDR
Typisch für die 70er: Bergstation im Skigebiet Laax; Rechte: WDR
Ab der Mitte der fünfziger Jahre setzt eine neue Welle im Fremdenverkehr ein – der Massentourismus im Sommer. In den meisten Berufen haben die Menschen geregelte Urlaubszeiten, der private Wohlstand steigt. Gerade aus den industriellen Ballungsbieten zieht es die Urlauber in die Natur. Bergorte wie z.B. Ruhpolding setzen schon sehr früh auf Pauschalangebote: Sonderzüge aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland bringen Massen von Sommertouristen die Berge – Heimatabende bedienen das Bedürfnis der Städter nach dem Klischee der heilen Bergwelt, Filme und Fernsehserien vertiefen werbewirksam das Bergidyll.
Der Fremdenverkehr wird zum wichtigsten Wirtschaftszweig in den Alpenregionen. Pensionen und kleine Hotels im Familienbetrieb profitieren von der neuen Touristenschicht. Überall werden spektakuläre Alpenstraßen gebaut, Luftseilbahnen erleichtern die Bergwanderungen. Diese Goldgräberstimmung hält bis zum Anfang der siebziger Jahre. Dann machen südliche Urlaubsregionen – Italien und Spanien - dank billigerer Flugangebote Konkurrenz.
Der große Boom des Wintertourismus beginnt etwa Mitte der sechziger Jahre – Skifahren auch für Normalverbraucher. Die Unterkünfte in kleinen Hotels und Pensionen werden ausgebaut, die Bergbahnunternehmen erschließen immer neue Skigebiete mit immer ausgeklügelterer Infrastruktur: Lifte, Gondelbahnen, Bergrestaurants. Eingriffe in die Natur werden noch nicht diskutiert, wichtig ist das Geschäft – Hänge werden planiert, ganze Wälder abgeholzt, um breite Pistenautobahnen für die Massen zu schaffen. Der Winter wird in vielen Regionen die wichtigere Saison. Die Übernachtungszahlen steigen immer weiter, währende der Sommertourismus abnimmt.
Der Trend bei den heutigen Touristen geht zu Kurzreisen – vor allem im Winter. Die Ansprüche in dieser kurzen Zeit sind hoch: es muss Schnee liegen, es dürfen keine Wartezeiten an den Liften entstehen, die Hotels müssen ein breites Angebot an Sport und Wellness bieten.
Für die Alpenorte bedeutet diese Erwartungshaltung einen enormen Konkurrenzdruck. Sie investieren immer weiter in den Ausbau ihrer Angebote: um Schneesicherheit zu garantieren, werden Schneekanonen eingesetzt, Skilifte in die Gletscherregionen gebaut. Aus Zweiersesselbahnen werden Sechsersesselbahnen – und immer wieder wird neu gebaut. Viele kleine Orte und Anbieter sind in diesem Wettrennen schon auf der Strecke geblieben.
Die Natur der Alpen ist in den letzten 20 Jahren immer mehr zu einer Kulisse für spektakuläre Abenteuersportarten geworden: der Trend geht zum Einsatz von mehr Technik – im Winter sowieso, aber auch im Sommer. Viele Bergorte versuchen durch spezielle Angebote wie Mountainbiketouren, Wassersport (Rafting, Kanu, Kajak etc.) oder andere Event-Sportarten die schwierige Sommersaison zu beleben, so auch in der Region Flims/ Laax in Graubünden.
Der Umweltgedanke spielt zumindest verbal eine Rolle – und zieht dadurch neue Schichten von Urlaubern an, die outdoor-Erlebnisse vor Naturkulisse suchen. Sanfter nachhaltiger Tourismus führt eher eine Nischenexistenz.
Manche Orte, die aufgrund des Klimawandels im Winter keine Schneesicherheit mehr bieten können, versuchen die Kehrtwende: sie haben die Skilifte abgebaut und setzen auf naturverträgliche Angebote wie Schneewanderungen und Langlauf.
In nachhaltigen naturnahen Angeboten sehen auch Neueinsteiger im Bereich des Tourismus, wie etwa Slowenien, eine Chance.
© Text: Hildegard Kriwet
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Grandhotels und Kurhäuser brauchten in der Belle-Epoque des Tourismus viel Personal. Marianne Müller vom Parkhotel „Waldhaus“ in Flims liest aus den Erinnerungen eines Kochs aus dieser Zeit vor.
