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Tief im abgelegenen Hunsrück hat sich in den letzten 15 Jahren ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt entwickelt: der Flughafen Frankfurt-Hahn. Rund 10.000 Passagiere gehen hier täglich an oder von Bord, im Jahr sind es mittlerweile über vier Millionen. Seit Frankfurt-Hahn 1993 als Zivilflughafen in Betrieb ging, hat sich ein touristischer Flugbetrieb entwickelt, der mittlerweile boomt. Low-Cost Airlines - zu Deutsch „Billigflieger“ - starten von hier zu Zielen in ganz Europa. Gleichzeitig hat sich der ehemalige amerikanische Militärflugplatz Frankfurt-Hahn zum viertgrößten Frachtflughafen Deutschlands entwickelt. Zwar liegt Frankfurt über 100 Kilometer von Hahn entfernt, doch der Name soll die Nähe zur Metropole ausdrücken.
Der Flugbetrieb im dünn besiedelten Hunsrück startete bereits viele Jahre früher. In der Nähe des kleinen Ortes Hahn und der umliegenden Gemeinden Lautzenhausen, Büchenbeuren, Bärenbach und Sohren hatte die US-Armee 1953 begonnen, eine Luftwaffenbasis zu errichten. Im Kalten Krieg wurde die Hahn Airbase zu einer der größten in Europa ausgebaut. Hier lebten bis in die 1990er Jahre fast 15.000 amerikanische Soldaten mit ihren Familien. Hahn Airbase war eine Stadt für sich: Mit Kasernen, eigenen Kindergärten und Schulen, Sport- und Freizeiteinrichtungen, eigener Stromversorgung und natürlich dem Flughafen. Auch 800 Deutsche aus den umliegenden Orten waren in dieser Zeit bei den Amerikanern beschäftigt.
1990 beendeten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs den Besatzungsstatus Deutschlands, der Kalte Krieg war zu Ende. Viele militärische Anlagen in Deutschland wurden überflüssig, darunter auch die US-Luftwaffenbasis Hahn. Im September 1993 zog die U.S. Airforce ihre Truppen aus dem Hunsrück ab. Damit verschwand nicht nur die Kaufkraft der Amerikaner, sondern auch der größte Arbeitgeber in der Region. Viele Einwohner verloren nach jahrelanger Tätigkeit bei der Airbase ihren Job und fragten sich, wie ihr Leben in Zukunft weitergehen sollte. Für die strukturschwache Region und ihre Bewohner war der Abzug der Amerikaner ein Schock.
Für Rheinland-Pfalz war die Hahn Airbase die flächenmäßig größte Hinterlassenschaft der amerikanischen Streitkräfte, ihre Umwandlung hin zu einer zivilen Nutzung eine große Herausforderung. Zu diesem Zweck gründete das Land Rheinland-Pfalz eine eigene Betriebsgesellschaft, die sich um die Entwicklung des Geländes und seine weitere Nutzung kümmern sollte. Die größten Chancen rechneten sich die Planer in der Ansiedlung eines Zivilflughafens aus und beschlossen den Umbau zum Flughafen Frankfurt-Hahn. Auch ein Großteil der Bevölkerung war mit diesem Ziel einverstanden: Laut einer Umfrage des eingetragenen Vereins „Bürger für Hahn“ standen fast 90% der Bürgerinnen und Bürger klar hinter dem Konversionsprojekt Flugplatz Hahn.
Die Umwandlung der Airbase in einen Zivilflughafen ist ein Beispiel für erfolgreiche Konversion. Ähnlich dem Quartier Vauban in Freiburg oder der Völklinger Hütte im Saarland mussten sich die Verantwortlichen eine neue und sinnvolle Nutzung für verlassenes Gelände und ungenutzte Gebäude überlegen: Aus den ehemaligen französischen Kasernen des Quartier Vauban zum Beispiel entstand ein neues Wohngebiet. Das frühere Eisenwerk Völklinger Hütte wurde zum Weltkulturerbe erklärt und als Museum und Kulturzentrum eingerichtet. So entstehen aus stillgelegten Militär- und Industrieflächen nach dem Umbau Wohn- und Gewerbegebiete, Naturparks Sport- und Freizeitanlagen oder aber ein Zivilflughafen wie in Hahn.
Schon kurz nach dem Abzug der Amerikaner im Juli 1993 wurde der zivile Flughafen Frankfurt-Hahn in Betrieb genommen. Zunächst gab es eine Genehmigung für den zivilen Tagflugbetrieb, bald schon startete die erste Chartermaschine vom Hunsrück nach Mallorca. Zwar konnte der Flugbetrieb fast übergangslos aufrecht erhalten werden, doch die diversen Betreibergesellschaften erlangten in den Folgejahren keinen nennenswerten Durchbruch. Über die Anfangsjahre musste das Land Rheinland-Pfalz etwa 90 Millionen Euro Zuschuss in den Zivilflughafen investieren.
Die entscheidende Wende brachte 1997 die Genehmigung für den 24-Stunden-Flugbetrieb. Erst diese machte den Standort für Fluggesellschaften interessant, vor allem im Frachtbereich. Kurz darauf stieg die Betreibergesellschaft des Flughafens Frankfurt/Main ein, die heutige Fraport AG. Die Fraport hatte sich schon zuvor um die Ansiedlung der irischen Fluglinie Ryan Air bemüht. Mit der Zusage von Ryan Air 1999 war der Grundstein für den Low-Cost Airport Frankfurt-Hahn gelegt. Heute hält die Fraport AG mit 65 Prozent die größten Anteile am Flughafen Frankfurt-Hahn, die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen sind mit jeweils 17,5 Prozent beteiligt.
Nicht nur das Gelände des einstigen Militärflughafens sollte weiter genutzt werden. Leer standen nach dem Abzug der Amerikaner 1993 auch ihre ehemaligen Wohnungen. Etwa im selben Zeitraum kehrten viele Russlanddeutsche zurück in das Land ihrer Vorfahren – nach Deutschland. Nach dem Mauerfall 1989 und vor allem nach Auflösung der Sowjetunion 1991 lag die Zahl dieser Spätaussiedler bei 200.000 pro Jahr. Ganze Dörfer siedelten sich an bestimmten Orten in Deutschland an, worauf dort der Anteil der Russlanddeutschen an der Bevölkerung gewaltig anstieg.
So war es auch im Hunsrück: Unter den Russlanddeutschen hatte sich herumgesprochen, dass es hier billigen Wohnraum gäbe. Viele von ihnen kamen und bezogen zunächst die verlassenen Kasernen der Amerikaner. Bald bauten sie ihre eigenen Häuser und es entstanden ganz neue Viertel. In Büchenbeuren schnellte die Einwohnerzahl von 1000 auf 2100 nach oben. Statt vier Klassen in der Grundschule gab es 1995 plötzlich vierzehn! Doch anders als die Amerikaner hatten die Zugereisten keine Arbeit. Der Sozialetat der Gemeinden stieg auf ein Vielfaches an, die Integration der Neubürger führte zu erheblichen Problemen. Bis heute sind Gewalt und Drogenkonsum keine Seltenheit. Besonders Jugendliche fassen in der dörflichen Gemeinschaft nur schwer Fuß. Vorurteile prallen aufeinander: Die Zugezogenen fühlen sich ausgegrenzt, die Alteingesessenen vermissen den Willen der Russlanddeutschen zur Integration.
In der Gemeinde Büchenbeuren wurde ein Begegnungsbüro, auch „russisches Büro“ genannt, eingerichtet. Der Verein will vermitteln und bei der Integration der Russlanddeutschen helfen: Seine Mitarbeiter unterstützen die Neubürger bei Behördengängen, Sprachproblemen und bei der Suche nach Arbeit. Auch Traditionen und Bräuche werden gepflegt, am Kirmes-Wochenende führt eine Gruppe des Vereins Tänze aus der alten Heimat auf. Doch trotz aller Bemühungen werden die Problemen kaum geringer.
Arbeit fanden viele der Neuzugezogenen aber auch die Alteingesessenen auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn. Hier entstanden nach der Genehmigung zum 24-Stunden-Betrieb zahlreiche Arbeitsplätze. Im Jahr 2007 arbeiteten bereits über 3200 Menschen in mehr als 100 verschiedenen Firmen rund um den Flugbetrieb. Neben dem Passagierverkehr wurde der Bereich Cargo ausgebaut und brachte Jobs: Heute ist Frankfurt-Hahn Deutschlands viertgrößter Frachtflughafen nach Frankfurt, Köln und München. Mehr und mehr profitieren die Menschen in der Region wieder vom Flughafen. Allerdings sind bei den wachsenden Beschäftigungszahlen auch die Teilzeitbeschäftigten und Niedriglohnempfänger eingerechnet.
Der Flughafen Frankfurt-Hahn wurde zu Deutschlands erstem „Low-Cost-Airport“. Das Modell des kostengünstigen Flugbetriebs hat sich in den letzten Jahren bewährt, besitzt aber auch seine Kehrseiten. Denn ein Low-Cost-Airport braucht Dienstleistungen und Infrastruktur für wenig Geld. Viele Angestellte der Subunternehmen verdienen daher wenig oder werden vom Arbeitsamt bezuschusst. Damit die Preise für Passagier- und Frachtverkehr so günstig bleiben können, müssen noch weitere Voraussetzungen stimmen: Die Betreibergesellschaft etwa muss extrem kostengünstig bauen. Das Land Rheinland-Pfalz hat den Ausbau der notwendigen Infrastruktur zügig zu ermöglichen – gegen so manchen Widerstand aus der Bevölkerung.
Während die US-Airbase ein räumlich begrenztes Gelände war, benötigt der neue Zivilflughafen immer mehr Fläche. So wird die Bundesstraße, die zur Autobahn führt, vierspurig ausgebaut. Der riesige Parkplatz beansprucht immer mehr Grünfläche. Und für die Verlängerung der Startbahn sollte ein Waldgebiet gerodet werden, was Naturschützer auf dem Plan rief: Auf dem Rodungsgebiet war die geschützte Mopsfledermaus entdeckt worden. Die Flughafen-Betreiber mussten sich deshalb bereit erklären, im Rahmen des Ausbaus einige Baumstümpfe stehen zu lassen. Auch die hohe Lärmbelastung durch den Flugbetrieb sorgt für Widerstand aus der Bevölkerung. So hat sich eine Bürgerinitiative formiert, die sich gegen den 24-Stunden-Betrieb des Flughafens wehrt.
Einstellungen und Meinungen zum Flughafen Frankfurt-Hahn gehen weit auseinander. Die einen profitieren vom zunehmenden Flugbetrieb, die anderen erleben vor allem die Nachteile der hohen Lärm- und Umweltbelastung. Bei allem Für und Wider: Fest steht, dass der Flughafen weiter ausgebaut werden soll. Auch die Stufen des Ausbaus sind bereits geplant. Wo jetzt noch letzte Überreste der einstigen amerikanischen Militäranlage zu sehen sind, werden bald neue Terminals und Lagerhallen stehen.
© Text: Claudia Heidenfelder
