zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.
Das chinesische Symbol für Yin und Yang. Rechte: Mauritius
Tai-Chi, eigentlich Tai-Chi Chuan, bezeichnet eine Bewegungslehre, die sich aus den seit Jahrtausenden in der chinesischen Kultur bekannten Kenntnissen über die Energien des Körpers entwickelt hat. Wörtlich bedeutet Tai-Chi "großer Balken" – damit ist in der chinesischen Mythologie der riesige Pfeiler gemeint, der am unteren Ende tief in der Erde verankert ist, während er am oberen Ende den Himmel wie ein Dach trägt. Sinngemäß steht dieser Balken für das "oberste Prinzip", auf dem die universalen Kräfte Yin und Yang in der chinesischen Philosophie des Taoismus basieren. Chuan heißt "Faust", da es sich bei Tai-Chi Chuan ursprünglich auch um eine Kampfsportart handelt. Dieser Aspekt geht in der langen Entwicklungsgeschichte mehr und mehr verloren, so dass am Ende nur noch Tai-Chi steht, das im Westen auch "Schattenboxen" genannt wird.
Tai-Chi geht auf von taoistischen Mönchen entwickelte Übungen zurück, mit denen das Atmen und die körperliche Bewegung (Yang) bewusst gesteuert werden. Die innere Ruhe (Yin), die aus diesen Übungen resultiert, fördert und steigert das Körperbewusstsein. Ziel ist es, eine Einheit von Körper, Geist und Seele zu schaffen, um dadurch ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen.
Ursprünglich war Tai Chi ein Kampfsport. Rechte: dpa/Michael Reynolds
Vom Kampfsport zum Volkssport. Rechte: Mauritius/Steve Vidler
Wie so oft in der chinesischen Kultur existieren auch bei Tai-Chi mehrere Legenden zur Entstehungsgeschichte. In einem der bekanntesten Mythen erscheint im 13. Jahrhundert dem Priester Zhang-Sang-Feng im Traum der legendäre Kaiser Xuan-Wu und unterweist ihn im Tai-Chi Chuan. Höchstwahrscheinlich ist es aber erst der General Qui-Ji-Guang, der im 16. Jahrhundert in seinem "Quan Jing" ("Buch des Boxkampfs") die ersten systematischen Grundlagen für Tai-Chi Chuan definiert. Im 18. Jahrhundert orientiert sich dann der Kampfsportmeister Wang-Zong-Yue an den wichtigsten Inhalten des "Quan Jing" und prägt in seinem Buch "Tai-Ji-Quan Lun" ("Abhandlung über das Tai-Ji-Quan") erstmals den Begriff Tai-Chi Chuan.
Die Familie Chen nimmt den neuen Begriff Tai-Chi Chuan auf und sorgt ausgehend von der Provinz He-Nan ab 1850 dafür, dass sich der neue Sport in ganz China schnell verbreitet. In dieser Zeit entwickelt sich Tai-Chi Chuan schließlich weg vom harten, athletischen Kampfsport hin zur weichen, lockeren Bewegungslehre, wie sie auch heute bekannt ist. Diese wesentlichen Änderungen sind die Basis für Tai-Chi als Volkssport, den auch Kinder, Kranke und ältere Menschen ausüben können.
Bei der Ausübung des Tai-Chi spielt der "Yang-Stil" in der heutigen Zeit eine bedeutende Rolle. Die auf Yang Cheng Fu zurückgehende Schule gilt als maßgebliches Bindeglied zwischen den historischen und modernen Stilen, weil sie in besonderer Weise durch Entspannung und weiche, sanfte Bewegungen charakterisiert ist. In China wird diese Schule auch als "Mian Quan" ("Sanftes Boxen") bezeichnet. Im Rahmen dieses sanften Stils formuliert Yang Cheng Fu zu Beginn des 20. Jahrhunderts die zehn wichtigsten Grundregeln, die beim Tai-Chi weltweit auch heute noch beachtet werden.
Mit den folgenden zehn Grundregeln wird eine Grundhaltung definiert, die beim Tai-Chi eingenommen werden soll:
1. Halte den Kopf auf leichte und natürliche Weise aufrecht
2. Die Brust und der Rücken sollen entspannt sein
3. Lockere deine Taille
4. Unterscheide zwischen Fülle und Leere
5. Entspanne die Schultern und lasse die Ellenbogen fallen
6. Gebrauche die Vorstellung und nicht rohe Kraft
7. Oben und unten folgen einander
8. Geist und Körper sollen im Einklang sein
9. Deine Bewegungen sollen ohne Unterbrechung sein
10. Suche die Ruhe in der Bewegung und die Bewegung in der Ruhe
Diktator Mao Zedong vereinheitlichte die Lehre. Rechte: dpa
Es gibt eine Vielzahl von Tai-Chi-Stilen, die sich im Laufe der Jahrhunderte an den verschiedenen Orten Chinas aus den alten Übungen der Mönche entwickelt haben. Zu den bedeutendsten historischen Schulen gehören neben dem bereits erwähnten "Yang-Stil" die "Chen"- und die "Wu-Schule". Der in China und mittlerweile weltweit verbreitetste Stil ist jedoch die erst in den 50er Jahren entstandene "Peking-Form".
Unter dem Vorsitz von Mao Zedong verbietet die "Kommunistische Partei Chinas" vor allem während der Zeit der "Kulturrevolution" in den 60er Jahren viele Tai-Chi-Schulen und Kampfsportarten. Nahezu alles, was durch die Jahrtausende alte chinesische Kultur geprägt worden ist, gilt als alt, überkommen und passt nicht in das Weltbild der kommunistischen Machthaber. Da Tai-Chi aber ein ungemein populärer Volkssport ist, berät das "Nationale Sportkomitee" bereits 1956 darüber, wie die verschiedenen Tai-Chi-Stile im Sinne einer staatlichen Kontrolle vereinheitlicht werden können, und definiert schließlich die "Peking-Form". Sie besteht aus 24 Bewegungsfolgen, die auf allen historischen Tai-Chi-Stilen basieren, hauptsächlich aber auf die "Yang-Schule" zurückgehen. Durch die staatliche Ausbildung der Lehrer für diese nur augenscheinlich neue Bewegungslehre lässt sich Tai-Chi landesweit kontrollieren, um die in den Augen der Machthaber zu individualistischen Ausprägungen der traditionellen Schulen vollständig verschwinden zu lassen. Dies gelingt nur zum Teil, denn mutige Großmeister praktizieren die historischen Stile weiterhin heimlich und tragen somit wesentlich zur Erhaltung dieser Formen bei.
Schattenboxen par excellence; Rechte AKG/Nelly Rau-Haering
Tai-Chi im Fitness-Center; Rechte: WDR/Photom, Pedro Citoler
Trotz oder gerade wegen der staatlichen Reglementierungen erfreut sich die "Peking-Form" als leicht erlernbarer Volkssport einer großen Beliebtheit. Die auch im heutigen China immer wieder öffentlich zu beobachtenden "Schattenboxer" praktizieren in der überwältigenden Mehrheit die "Peking-Form". Die 24 Bewegungsfolgen sind pädagogisch strukturiert und bauen logisch aufeinander auf. Sie dienen einer guten Organisation des Körpers und tragen zu einer Entspannung von Körper und Geist bei. Daraus soll auch eine Stärkung der Gesundheit resultieren.
Ob Tai-Chi tatsächlich die Gesundheit fördert, ist wie so häufig auch Glaubenssache. Es spricht jedoch einiges dafür, dass sich die unterschiedlichen Bewegungsfolgen positiv auf das menschliche Wohlbefinden auswirken, da alle Muskeln, Sehnen und Gelenke in sanfter und fließender Weise beansprucht werden. Dadurch bewahrt Tai-Chi die Flexibilität des Körpers. Darüber hinaus sorgt das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung für eine Ausgewogenheit, die die Basis für die Erhaltung der Gesundheit darstellt. Dies wird auch in westlichen Ländern mehr und mehr erkannt. Aus diesem Grund haben viele Fitness-Center Tai-Chi – meist die "Peking-Form" – in ihr Angebot aufgenommen. Und mitunter raten sogar Krankenkassen ihren Versicherten dazu, die fernöstliche Bewegungslehre als besonders gesundheitsfördernde Sportart auszuüben.
© Text: Frank Schütze
