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Die Idee zur Verfilmung des Gedichts "Bye-Child" aus der Feder des nordirischen Poeten Seamus Heaney stammt vom Filmproduzenten Andrew Bonner. Nachdem er die Zustimmung des Dichters zur Realisierung des Projekts erhalten hat, fragt Bonner einen seiner Lieblingsschriftsteller, Bernard MacLaverty, ob er das Drehbuch zu dieser Variante des Kasper-Hauser-Themas schreiben kann. Der Heaney-Bewunderer MacLaverty bezeichnet "Bye-Child" als wichtige Inspirationsquelle für die Entstehung seines Romans "Cal" und sagt sofort zu. Zudem bietet er sich als Regisseur an, obwohl er noch nie zuvor Regie geführt hat.
MacLaverty macht sich im Sommer 2003 als Autodidakt an die Regiearbeit und bittet bei Problemen immer wieder befreundete Filmemacher um Rat. Er beherzigt deren Tipps, verlässt sich aber auch auf die eigene Intuition und kann den Film innerhalb von einer Woche fertig stellen. Der mitunter sehr bedrückende Kurzfilm mit der bekannten britischen Schauspielerin Susan Lynch in der Hauptrolle hatte im Oktober 2003 Premiere beim "London Film Festival".
Das dem Kurzfilm zugrunde liegende Gedicht "Bye-Child" von Seamus Heaney ist 1972 in dem Lyrikband "Wintering out" erschienen. Dabei geht es um ein Kind, das ohne menschliche Zuwendung und Sprache in einem Hühnerstall versteckt aufwachsen muss. Im Gegensatz zum Film wird im Gedicht das Motiv für diese aufgezwungene Einsamkeit nicht offen gelegt. "Bye-Child" basiert auf einer wahren Begebenheit ("The Hen House Boy"), die sich im ländlichen Nordirland tatsächlich ereignet hat.
Zwischen den Schriftstellern Bernard MacLaverty und Seamus Heaney gibt es zahlreiche biografische Parallelen: Beide sind in Nordirland geboren, sie studieren beide an der Queen’s University in Belfast und beide befassen sich in ihren Werken auch mit dem nordirischen Konflikt, ohne sich jedoch politisch vereinnahmen zu lassen. Sowohl MacLaverty als auch Heaney ziehen es schließlich vor, ihre nordirische Heimat zu verlassen, um abseits der dort wütenden Gewaltexzesse zu leben und zu arbeiten.
Der britische Schriftsteller Bernard MacLaverty führte Regie; Rechte: MacLaverty
Ein Filmplakat zum Spielfilm "Cal" (Großbritannien, 1984); Rechte: Prokino
Bernard MacLaverty wird am 14.09.1942 in Belfast geboren, wo er bis 1975 lebt, bevor er mit seiner Frau Madeline und den vier Kindern nach Schottland übersiedelt. In seiner Zeit in Nordirland arbeitet er zunächst als medizinischer Labortechniker, gibt diesen Job dann jedoch auf, um sich in seiner Heimatstadt an der Queen’s University eingehend mit englischer Literatur zu befassen. Nach dem Ende seiner Studienzeit ist er als Englischlehrer tätig. Heute lebt MacLaverty mit seiner Familie in Glasgow und leitet derzeit auch Kurse für "Kreatives Schreiben" an der Universität von Aberdeen.
MacLaverty widmet sich bereits frühzeitig dem Schreiben, veröffentlicht aber erst 1977 mit "Secrets And Other Stories" seine erste Sammlung von Kurzgeschichten. Es folgen vier weitere Sammlungen sowie vier Romane, von denen "Lamb" und "Cal" zu den bedeutendsten zählen und später verfilmt werden. Zu beiden Spielfilmen schreibt er auch die Drehbücher. Durch die Arbeit an weiteren Drehbüchern für Kino- und Fernsehfilme bildet sich eine besondere Liebe zum Medium Film. Zudem produziert er eine Vielzahl von Hörspielen und veröffentlicht zwei Kinderbücher. MacLaverty ist sowohl für seine Bücher als auch seine Drehbücher und Hörspiele mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.
In der Mitte der 1970er Jahre ist es "in Belfast sehr ungemütlich" geworden, merkt Bernard MacLaverty in einem Interview mit der "taz" 1991 nicht ohne Bitterkeit an. Die hohe Arbeitslosigkeit sowie der Ausbruch brutalster Gewalt veranlassen den Schriftsteller und seine Familie dazu, Nordirland zu verlassen. Diese Gewalt, aber auch wieder einmal eine Vater-Sohn-Beziehung, stehen im Mittelpunkt des 1983 veröffentlichten Romans "Cal". Der gleichnamige 19-jährige Protagonist und sein Vater leben als Katholiken in einem protestantischen Viertel Belfasts und werden sehr schnell in die um sich greifende Gewalt verstrickt. Der Roman endet ebenso hoffnungslos wie die bis heute andauernde Tragödie in Nordirland zu sein scheint. MacLaverty ist dabei eine authentische Beschreibung des damals mörderischen nordirischen Alltags gelungen. "Cal" wird 1984 mit John Lynch und Helen Mirren in den Hauptrollen verfilmt.
Seamus Heaney (stehend 4. von links) in der Schule; Rechte: picture-alliance/ dpa
Seaumus Heaney mit Jerry Hall; Rechte: picture-alliance / dpa
Seamus Heaney wird am 13.04.1939 in Castledawn geboren. An der Queen’s University in Belfast studiert er zunächst englische Philologie und absolviert anschließend ein Lehrerstudium. Schon frühzeitig verfasst er unter dem Pseudonym "Incertus" Gedichte. Durch den 1966 veröffentlichten Lyrikband "Death of a Naturalist" findet er eine größere Aufmerksamkeit beim Literaturpublikum. "Preoccupations", "Wintering out", "North" und "Electric Light" zählen zu seinen weiteren bedeutenden Gedicht-Anthologien. Das Gesamtwerk wird 1995 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Heaney lebt und arbeitet heute überwiegend in Dublin, ist aber immer wieder auch als Gastdozent an Universitäten in England und den USA tätig.
In dem 1975 erschienenen Gedichtband "North" befasst sich der Katholik Heaney – wie MacLaverty in seinem Roman "Cal" – künstlerisch mit der besonderen Situation Nordirlands. Er thematisiert das Ungleichgewicht zwischen irischer Tradition und britischer Herrschaft und beschreibt das zwischen Katholizismus und Protestantentum zerrissene Land. Heaney schafft in "North" eindeutige politische Bezüge, lässt sich aber von keiner politischen Seite vereinnahmen. Neben den verheerenden Zuständen in Nordirland widmet sich der Autor auch Themen wie "Liebe", "Landschaften" und "Mythen", so dass die Lyrik in diesem Buch eine poetische Allgemeingültigkeit jenseits des politischen Tagesgeschehens gewinnt.
Seamus Heaney hat den Nobelpreis für Literatur "für ein Werk von lyrischer Schönheit und ethischer Tiefe, das die Wunder des Alltags und die lebendige Vergangenheit hervorhebt" erhalten, wie es in der offiziellen Begründung heißt. Kritiker wenden immer wieder ein, dass Heaney den Nobelpreis weniger für die herausragende Qualität seines literarischen Gesamtwerks bekommen hat, als vielmehr aus politischen Gründen. Dabei wird dem für die Verleihung zuständigen Komitee vorgeworfen, Nordirland sei als Thema einfach "dran" gewesen: Die Auszeichnung gehe also eher an dieses Thema als an den Dichter. Sowohl in der Republik Irland als auch in Nordirland reagiert man auf diese Kritik eher gelassen und betrachtet Heaney in der künstlerischen Nachfolge des großen irischen Dichters William Butler Yeats, der 1923 ebenfalls den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.
© Text: Frank Schütze
