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Hintergrundwissen

Das Marmelspiel

Wie es noch heute ist und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit sein wird, so war es damals schon: ein Kinderspiel fing plötzlich wie auf Kommando an, dauerte eine gewisse Zeit und wurde ebenso plötzlich von einem anderen Spiele abgelöst. Wenn heute das Drachensteigen an der Reihe war, kam morgen das Bogenschießen, übermorgen das Marmelspiel, darauf das Stockspiel, das Tauspringen, Hüpfen, "Trilleband" und so fort. Zwischen heute und morgen und mogen und übermorgen lagen aber oft viele Wochen.

Wer die Marmel zuerst in der Tasche hatte, während noch mit dem Flitzebogen geschossen wurde, war nicht zu sagen; meist waren es viele. Es war wie eine geheime Abmachung; und doch hatten sich alle gewiß nicht miteinander verständigt, daß heute gerade das Marmeln beginnen sollte. Es fiel auch keinem Kinde ein, beim alten Spiel zu bleiben und das neue etwa nicht mitzumachen. Einige Nachzügler waren ja immer dabei, die entweder die geheime Stimme, die zu den Marmeln rief, nicht verstanden hatten oder nicht in der Lage gewesen waren, sich die Marmel zu kaufen.

Das waren überhaupt nicht die richtigen Kinder, die sich alles erst "kaufen" mußten. Ehe so ein langweiliger Junge oder so ein dösiges Mädchen sich den Groschen zusammengebettelt hatte, war das Spiel oft schon vorbei, und wenn sie endlich mit ihren nagelneuen Marmeln auf dem Spielplatze erschienen, war die Ware längst im Kurse bis zum Nullpunkt gesunken, da die Spieler jetzt nur für das Neueste Sinn hatten.

Wer mitten im kindlichen Leben stand, hatte Vorrat an allem, was zum Leben gehörte. Der Flitzbogen hing auf dem Boden, neben ihm der Köcher mit den Pfeilen, der Drache stand in der Ecke, in dem braunen Kasten mit dem Schiebedeckel, wo früher einmal Farbe drin gewesen war, lagen die Marmel. Und was waren das für Dinger! Nichts von diesem neumodischen bunten Kram, der in blau und rot, gelb und grün so protzig aussah und - von Lehm war; nicht die kleinen weißen Picker, die kein Mensch zwischen den Fingern halten kann, - sondern große, graue Marmelsteine, ungefärbt, unverfälscht, schwer und "schmissig".

Wenn ich meine Kasten hernahm und mich zum Spiel ausrüstete, suchte ich mir zum Werfen die ältesten und schwersten aus, die sich schon rauh anfühlten vom vielen Gebrauch und zum Teil schon meinem Bruder Ferdinand, der doch neun Jahre älter war als ich, gehört hatten. Das Erbe war treu gewahrt und, wenn ich hinzurechnen wollte, was ich den Schwestern geschenkt und guten Freunden geliehen, aber nie wiederbekommen hatte, beträchtlich vermehrt worden. Es gab Zeiten, wo ich dreihundert Stück besaß. Das Marmelspiel hielt, wenn ich mich recht entsinne, am längsten von allen Spielen an. Knaben und Mädchen beteiligten sich daran gleichstark und gleich leidenschaftlich. Oft wurde es später Abend, wo vor der Dornhecke, die unser Garten von der Landstraße trennte, immer noch Spieler ihre Läufer nach der Kuhle warfen und sich um jeden Marmel stritten, der nicht ganz in die Kuhle gerollt war und nur "klebte".

Von Johannes Thiessen (1867-?) Zitiert aus: "Was wir gespielt haben". Erinnerungen an die Kinderzeit. Herausgegeben von Ingeborg Weber-Kellermann und Regine Falkenberg. Insel Taschenbuch, 1992