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Hintergrundwissen

damals und heute

Geht man von Überresten aller bekannten Kulturen aus, dann finden sich neben Geräten zur Lebenserhaltung auch Dinge, die kaum dem Broterwerb zuzuordnen sind. Für Bälle, Kreisel, - Puppen, Tierskulpturen in historischen Gräbern gibt es zwei - Erklärungen: sie dienten entweder kultischem Zweck oder waren einfach "nur" Spielzeug. Eine Trennung beider Bereiche mag - häufig möglich sein. Allerdings würde man dabei den Gegenständen nicht immer gerecht, da, was zunächst religiöser Brauch war, später auch Spiel sein konnte. Seilziehen und Fingerhakeln z.B. gelten heute als sportliche Gaudi; ursprünglich, zumindest in Burma und bei den Eskimos, stand beim Wettkampf die Regen- gegen die Dürre-Partei. Das Kräftemessen war Prognose über Ernte, Regen, Jahreslauf. Das regelmäßig wiederkehrende Ritual wurde selbstverständlich nur von den kräftigsten Männern durchgeführt. Frauen nahmen höchstens als Zuschauer teil. Das bedeutet, daß Spielen zwar zu allen Zeiten Gegenstand menschlichen - Lebens war. Aber schon in den Frühzeiten gab es eine Trennung zwischen den Geschlechtern. Auch unbeschwertes Kinderspiel - ein Ziel moderner Pädagogik - war nicht selbstverständlich. Bis weit ins 18. Jh. galt, was der Basler Ratsherr Ryff in seiner - Lebensbeschreibung über seine Kindheit schrieb: "Denn wo ich ein Häuflein Sand und Grund auf der Straße gewußt, dabei hat man mich gefunden, daß ich Löcher gegraben und mit Steinen hohe Mauern gebaut hab. Obwohl ich darum dick und oft geschlagen worden, hat es mir das doch nicht verleiden können dieses Bauen." Niemand nahm daran Anstoß, daß ein Kind "dick und oft" geschlagen wurde, weil es so gern im Sande spielte, denn bei unseren Vorfahren besaß Spiel eigentlich einen schlechten Ruf. Besonders Erwachsene, die sich ein Spielchen gönnten, galten als Faulenzer und Tagediebe.

Es waren dabei nicht immer die Glücksspiele, die verurteilt wurden. Heute unumstrittene Spiele für Jung und Alt paßten gleichfalls nicht in das Weltbild von Zeitgenossen und Moralisten. Für die bürgerliche Welt des 17. und 18. Jahrhunderts war z.B. der Gedanke, mit dem Schlitten einen Hang hinunter zu sausen unvorstellbar. Wer die würdevollen Gestalten auf den Bildern aus dieser Zeit betrachtet, wird dies auch leicht nachvollziehen können. - Allerdings ist wiederum zu sehen, daß neben der Geschlechtertrennung im Spiel hier Unterschiede in den sozialen Klassen zu beobachten sind. Im 14. und 15. Jahrhundert - zählten Schlittenfahren und Eislaufen zu den allgemeinen Volksbelustigungen. In der Vita der heiligen Lydvina aus dem Jahr 1498 wird berichtet, daß sie als junges Mädchen auf dem Eis unglücklich stürzte. Durch den Bruch der Rippen wurde sie bettlägerig und setzte von dort ihre Umwelt durch außergewöhnliche Frömmigkeit in Erstaunen. Der gravitätische Ernst des Bürgertums und die manierierte Lebensweise das Adels im 17. und 18. Jahrhundert setzte dem fröhlichen Treiben zumindest in der Stadt dann ein Ende. Von der Kanzel herab predigte Hans Heinrich Trüb in Zürich: "Wie schändlich ist es, die ganze Nacht mit Schlittenfahren die Kirchgaß hinab." Unschicklich war wohl besonders, auf dem flachen Schlitten den Körper zu erniedrigen. In Collins "Christlichen Gedanken von guter Kinderzucht" aus dem 18. Jahrhundert heißt es daher: "Die Eltern bringen ihre Kinder um gerade Glieder und - Gesundheit, wenn sie ihnen gestatten, des Winters auf dem Eise zu rutschen." Erst als in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Philanthropen dafür eintraten, daß die Kinder spielend lernen und sich freier bewegen durften, fand man auch freundlichere Worte für winterliche Vergnügen. Klopstock dichtete später Oden auf den Eislauf und Goethe führte, als er 1777 nach Weimar kam, dort den Eislauf ein. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis sich die Unbefangenheit der bäuerlichen Gesellschaft dem Wintersport gegen- über in der bürgerlichen Welt durchsetzte. Bis in 19. Jahrhundert galt Eislaufen für Damen unschicklich. Sie ließen sich im Schlitten sitzend von Kavalieren übers Eis fahren. Im zaristischen - Petersburg rümpften die ehrbaren Bürger bis zur Revolution die Nase über die Leute, die sich solch läppischen Kindervergnügen bzw. solch profaner Belustigung niederer Stände hingaben.

Im Vordergrund vieler Urteile der Neuzeit zum Spielen stand, wie sich gezeigt hat, zunächst ein moralisches Urteil. Obwohl bereits Erasmus von Rotterdam um 1500 daran erinnert hat, daß bei den Römern das Wort Schule ("ludus") eng mit Spiel verbunden ist, dauerte es in der europäischen Geschichte lange, bis sich allgemein die Einsicht durchsetzte, daß Spielen menschliches Lebensbedürfnis ist. Sobald der Verstand beim Menschen erwachte - nach dem 7. Lebensjahr -, war ein für seine Zeit doch recht - moderner Mensch wie John Locke allenfalls bereit, Spielen als - allgemeinen Tätigkeitsdrang zu sehen. Es galt bei der Erziehung, diesen möglichst schnell so zu lenken, daß er in Produktives - mündete. Erlaubt sind nur Spiele zur körperlichen Ertüchtigung und - erstaunlicherweise - Lernspiele, die zur effektiveren Vermittlung schulischen Stoffes dienen. Mit Rousseaus "Emile" - änderte sich die Einschätzung von Kindheit generell. Er weist zum ersten Mal darauf hin, daß der Mensch ein Recht darauf hat, glücklich zu sein. Glücklich macht aber nur das frei gewählte Spiel und nicht das vom Lehrer oktroyierte. Es dauerte über 200 Jahre bis sich solche Gedanken allgemein verbreiteten. Besonders ungünstig dafür mußte die - Situation in Deutschland gewesen sein. Die französische Schriftstellerin Madame Necker de Saussure beobachtete zu Beginn des 19. Jahrhundert nämlich Folgendes: "Die Franzosen spielen intensiv mit ihren Kindern. Die deutschen Mütter pflegen ihre Kinder zur Ruhe anzuhalten." Es verwundert kaum, daß fast gleichzeitig mit den Freiheitsbestrebungen im 19. Jahrhundert man aber auch in Deutschland anders zu denken begann. Ein bildungsfreudiges Bürgertum zeigte sich dem Spiel - vor allem im privaten Bereich - gegenüber aufgeschlossener. Davon zeugen die vielen Sammelwerke und Spielebücher, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen. Diese Bücher haben mit dazu beigetragen, daß die alten Spiele bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben sind. - Parallel entwickelte Friedrich Fröbel eine Schultheorie, in der Spiel als freiheitliche und notwendige Darstellung des Inneren gilt, welche das Bedürfnis hat, sich zu äußern. Eltern und Erzieher waren nun angehalten, das Spiel nicht als unnütze, abzugewöhnende Spielerei zu betrachten. "Darum ist das Spiel so wichtig für das Kind, es lehrt dasselbe sich selbst, seine Innenwelt in allseitiger Richtung und Beziehung, in Hinsicht seiner Kräfte, Anlagen, Neigungen, wie seiner Hoffnungen, Wünsche usw. kennen. Es vermittelt ihm die Annäherung und Kenntnis der ihm als getrennt, als fern und fremd gegenüberstehenden Außenwelt. Das Spiel lehrt das Kind in der Außenwelt die Mittel zur Darstellung seiner Innenwelt kennen und sich aneignen."