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Im 18.Jahrhundert hatten Sexualität und Erotik in der Öffentlichkeit keinen Raum mehr. Zunehmend wurden sie nicht nur privater, sondern auch heimlicher und versteckter. Die Körper wurden unter weiten Kleidern verhüllt, es galt als unschicklich, die Formen zu betonen.Sexuelle Praktiken wurden verheimlicht, sprachliche Tabus überwucherten den gesellschaftlichen Diskurs. Gleichzeitig entstand pornographische Literatur, die Ende des 18.Jahrhunderts einen beträchtlichen Teil der literarischen Produktion ausmachte und erstmals wieder Sexualität und intime Gesten öffentlich machte.
Auch der Marquis de Sade schrieb in dieser Zeit. Er schrieb auch philosophische Werke aber berühmt und berüchtigt machten ihn Bücher, wie Justine oder Die hundertzwanzig Tage von Sodom. Das Private nimmt hier einen sehr speziellen Platz ein. "Es ist der Ort, wo Frauen (manchmal auch Kinder und darunter auch Jungen) zum sexuellen Nutzen der Männer eingesperrt und gequält werden (...) Frauen sind Objekte männlicher Aggression und haben keinerlei physische Identität. (zitiert nach: Ariés / Duby, 1991, S.46) Die Isolierung und Abdrängung der Frau ins Haus und ins Private ist bei de Sade natürlich ins Extrem getrieben aber gerade dadurch wirft er ein interessantes Licht auf das Frauenbild und die Funktion des Weiblichen in seiner Zeit. Die Frau wurde zunehmend zum zerbrechlichen, schwachen Geschlecht stilisiert, des männlichen Schutzes bedürftig und zu zart für die Außenwelt. Die Trennung von Öffentlichkeit und Privatleben, eine Entwicklung, die im 18. Jahrhundert ihren Ausgang hat, verstärkt sich im Lauf des 19. Jahrhunderts immer weiter. Die Literatur zelebriert die romantische Liebe, das gemeinsame Verschmelzen in Leidenschaft und Gefühlen. Gleichzeitig weiß man um die Unerreichbarkeit des romantischen Ideals. Liebe und Tod verbinden sich in der Literatur dieser Jahre sehr eng. Der Alltag bietet für romantische Liebe wenig Raum.
Das 19.Jahrhundert ist auch die Zeit der bürgerlichen Familie. Sozial adäquate Heiraten sind wichtig und weit verbreitet. Man heiratete innerhalb des eigenen Standes oder versuchte mit Hilfe einer geschickten Heirat gesellschaftlich aufzusteigen. Komplizierte Verhandlungen gingen oft einer Eheschließung voraus. Wer kein Vermögen in die Waagschale werfen konnte, der versuchte andere Trümpfe auszuspielen. Sozialer Stand, Herkunft, Verbindungen, Zukunftsaussichten, alles waren wichtige Punkte, die es auf dem Heiratsmarkt zu bedenken galt. Natürlich hatte man auch manchmal Glück und Familienpolitik und persönliche Gefühle stimmten überein. So beschreibt ein Zeitgenosse den bürgerlichen Heiratsmarkt: "Die jungen Leute kamen in den Familien zusammen, und dabei fand sich auch zusammen, was sich liebte. Das Mädchen machte dann die Mutter oder die Muhme zu seiner Vertrauten, und es begann ein Hin- und Herreden, die Väter werden endlich auch sondiert, alles wird reiflich überwogen, bis nach vielen Umschweifen und Verhandlungen die Verlobung zustande kommt. Der nun beginnende Brautstand währt oft 4-5 Jahre, denn man übereilt sich nicht und nimmt sich Zeit."(Zitiert nach: Weber-Kellermann, 1984, S.117)
Doch "unpassende Verbindungen" wurden von der Familie verboten. Häufig resultierten Familientragödien und Ehedramen aus aufgezwungenen oder verbotenen Verbindungen Gesellschaftlich verweigerte Liebe konnten zur völligen Verzweiflung und zur Katastrophe führen. Viele Kriminalfälle im 19.Jahrhundert erzählen die Geschichte aussichtsloser Liebe. Gefühle und persönliche Zuneigung wurden immer wichtiger, Leidenschaft sollte die Partnerwahl bestimmen, nicht mehr rationale und soziale Erwägungen. Romantische Ideen verbreiten sich, Frauen und Männer fangen an sich von der Ehe Liebe und Glück zu versprechen. Eine Entwicklung, die nicht das Wohlgefallen der Älteren und der Familien fand. Es gab solche Ehen, in denen Mann und Frau sich liebevoll und in gegenseitiger Achtung zusammentaten. "Wenn ich um mich herum sagen höre, 'Ehe(...) ist Knechtschaft', rufe ich aus, Nein! Ehe ist Seelenfrieden und Glück, sie bedeutet Freiheit. Durch sie und durch sie allein erlangt der vollkommen entwickelte Mensch (und ich meine damit beide Geschlechter) wahre Unabhängigkeit. Denn durch die Ehe wird er zu einem vollständigen Wesen, da er durch diese Zweiheit zur in sich ruhenden menschlichen Persönlichkeit wird.", so preist Eugène Boileau in einem Brief an seine Verlobte die Ehe.
Oft aber regierten Unterdrückung und Lieblosigkeit in einer Ehe, besonders wenn sie von anderen arrangiert worden war. Frauen aber, die keinen Mann fanden oder keinen wollten hatten es schwer. Sie wurden ausgegrenzt, verarmten oft und bezahlten mit Einsamkeit und Leid für ihre Unabhängigkeit. Besonders, wer auf dem Land lebte und nicht heiraten wollte oder konnte, hatte keinen leichten Stand. Witwen wurden in die Armut und Isolation gedrängt, da man sie wegen ihrer angeblich sexuellen Gelüste, als Gefahr empfand. "Viele junge Mädchen, sexuelle Beute von Hirten und Arbeitgebern, wurden vergewaltigt - in roher Beweisführung männlicher Legitimität. (...) Schon der Gedanke sich zu beschweren, schien unmöglich zu fassen oder auszusprechen. Die sexuelle Normalität umfaßte all ihre Konsequenzen: Gewalt, Frustration und Tod." (Zitiert nach: Ariés / Duby, 1992, S.144).
© Text: Ulla Rehbein
