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Hintergrundwissen

Bildung und Schule in der Neuzeit

Humanismus, Reformation und katholische Gegenreform, diese drei großen geistigen Bewegungen übten ihren Einfluss auf die weitere Entwicklung des Bildungswesens aus. Bedeutsam für die Bildungsinhalte der neuen Zeit war vor allem eine neue "Geisteshaltung": Erkenntnis blieb nicht mehr alleine auf die Erkenntnis Gottes und die Beziehung des Menschen zu Gott gerichtet.
Die empirische Erfahrung wurde zu einer wichtigen Säule der Erkenntnis. Erfahrung und Betrachtung führten den Menschen zu neuen, wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für die höhere Bildung wurden empirische Wissenschaften wichtig: die Naturwissenschaften, Erdkunde, Teile der Geschichtswissenschaft und Mathematik. Das Sacherkennen rückt zunehmend in den Vordergrund. Dass der Mensch sich als erkennendes und gestaltendes Subjekt begreift, rückt für die Humanisten Bildung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen:

"Die Natur, indem sie dir einen Sohn gab, übergab dir nichts andres als eine rohe Masse, es ist deine Sache, der fügsamen und zu Allem bildsamen Materie die beste Form zu geben: wenn du es unterlässest, erhältst du eine Bestie, wenn du sorgsam bist, erhältst du sozusagen einen Gott." (Erasmus von Rotterdam (1466-1536) zit. nach Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

  • HauslehrerIn dem Bild (um 1770) wird etwas sichtbar von einer neuen Einstellung zum Kind. Nicht strenge Zucht und gewaltsames Zurechtbiegen, sondern behutsames Führen in einer kindgemäßen Athmosphäre bestimmen die Erziehungsvorstellungen.

Die Humanisten sprachen sich für ein Lehrverfahren aus, das der Kindesnatur entsprach. Man forderte individuelle Behandlung des Schülers, die Weckung seines Interesses und seiner Selbsttätigkeit - äußerst moderne Gedanken... Bildung wurde zum "Programm". Was die Vorstellungen der Humanisten und Reformatoren von der Bildungsabsicht des Mittelalters unterschied, war die Überzeugung, dass die Freiheit der Person und die Freiheit des Christenmenschen ohne ein gewisses Maß an Bildung aller Menschen nicht möglich sei. Zum erstenmal versuchte die Idee einer allgemeinen Volksbildung eine Umsetzung zu finden.

Voraussetzungen für diese Entwicklung lieferten die Erfindung des Buchdrucks und der Niedergang des kirchlichen Schulsystems in der Reformation. Nach den Wirren der Reformation übernahm die weltliche Obrigkeit die Verantwortung für das Schulwesen. Unter staatlicher Hoheit entstanden Schulen für die höhere Bildung (Lateinschulen) und für die einfachere Bildung (deutsche Volksschulen). In katholischen Gebieten blieb oft das alte Schulsystem mit der Bedeutung kirchlicher Bildung bestehen.

Lateinschulen gab es meist nur in den Städten. Deutsche Schulen für das einfache Volk verbreiteten sich nun auch über die Dörfer in ländliche Gebiete. Schulische Bildung war für die Landbevölkerung bislang ein Privileg, von der sie weitgehend ausgeschlossen war. Unter dem Einfluss der Reformation dienten die Schulen für das einfache Volk vor allem der Verteidigung und Verbreitung der konfessionellen Glaubenslehren. Sie wurden den Ortspfarreien angegliedert. Oft wurde die Lehrtätigkeit mit dem Mesneramt verbunden. Weil es für den Aufbau eines weitgestreuten Schulsystems an geeigneten Lehrkräften mangelte, blieb die Volksbildung meist weit hinter den formulierten Idealen zurück. Über Lesen und Schreiben lernen und formalisiertes Lernen des Katechismus ging sie nicht hinaus.

  • WinkelschuleSo etwa hat im 16. Jh.ein 6- oder 7jähriger seinen ersten Schultag an einer Winkelschule erlebt.
  • DorfschuleIn vielen Dorfschulen ist der Schulmeister auf die Mithilfe seiner Frau im Unterricht angewiesen, die große Zahl der Schüler aller Altersstufen ist allein kaum zu bändigen.

Eine umfassende allgemeine Volksbildung ließ sich kaum realisieren. Viele Familien waren auf die Mitarbeit ihrer Kinder im Haus, auf dem Feld oder in der Werkstatt angewiesen. Diesem eingebrachten Einwurf entgegnete Luther:

"Knaben könnten täglich 1-2 Stunden zur Schule gehen und die übrige Zeit zu Hause schaffen oder ein Handwerk lernen, die Mädchen könnten täglich eine Stunde zur Schule gehen; die besten, geschicktesten und begabtesten Kinder solle man weiter ausbilden zu Lehrern, Lehrerinnen und Predigern." (zit. nach. Von den Driesch/Esterhues, Geschichte der Erziehung und Bildung, Bd.I)

Jedoch: die Armseligkeit der Verhältnisse der Bevölkerung, die materiellen Möglichkeiten der Gemeinden, aber auch die Stellung und Bezahlung der Lehrkräfte ließen den Gegensatz zwischen Bildungsvorstellung und Wirklichkeit der Schulbildung immer größer werden. Und dies nicht nur für die Bildung an Volksschulen, auch über die Situation an Lateinschulen gab es Klagen:

"...mit ewig knurrendem Magen, in schäbigem Rock sitzen sie (die Schulmeister) in ihrer Schulstube - Schulstube sage ich? Sorgenhaus sollte ich sagen, besser noch Tretmühle und Folterkammer - inmitten einer Herde von Knaben und werden früh alt vom Ärger, taub vom Geschrei, schwindsüchtig von Stickluft und Gestank. Doch meine Gnade schafft, daß sie an der Spitze der Menschheit zu stehen glauben. So wohl tut es ihnen, die ängstliche Schar mit drohender Miene und Stimme einzuschüchtern, mit Rütlein, Stecken und Riemen die armen Opfer abzustrafen. (...) Denn ist es auch heller Unsinn, was die meisten den Knaben eintrichtern ... und eine rätselhafte Taschenspielerei bringt ihnen das Kunststück fertig, daß die dumme Mama und der unwissende Vater den Lehrer richtig für das halten, wozu er sich selber macht." (Erasmus von Rotterdam, Lob der Torheit, zit. nach Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Die politische und religiöse Zerfleischung in Deutschland, (die ihren Höhepunkt im dreißigjährigen Krieg fand), machte Bildung zunehmend zum Gegenstand dieser konfessionellen Auseinandersetzung. Durch die Wirren des Krieges und die nachfolgende Ohnmacht konnte der Bildungsidealismus der Humanisten nicht eingelöst werden. Zur gleichen Zeit erstarkte in Frankreich und England aus dem Empirismus der Renaissance ein Rationalismus und Individualismus, der erst im 18. Jh., im Zeitalter der Aufklärung, auf Deutschland übergriff.