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Hintergrundwissen

Bildung im Mittelalter

Mit den vielzähligen Klostergründungen als "Stützpunkte des neuen Glaubens" entwickelte sich eine Ordenskirche, die die Vermittlung und Verbreitung des christlichen Glaubens und der neuen Kultur zum Ziel hatte. Mit Bischofssitzen und Pfarreien entstand eine zweite, "weltliche" Säule der christlichen Kirche. Beide waren auf eine Unterrichtung ihres klerikalen Nachwuchses an Schulen angewiesen. Klosterschulen - bzw. Dom- und Pfarreischulen entstanden. Die Einübung in das kirchliche Leben und den Glauben, das Erlernen der lateinischen Sprache als die Sprache der Kirche, Lesen und Schreiben, aber auch weltliches Wissen wurde gelehrt.

In der Systematisierung der Lehre spielten auch die "sieben freien Künste" (Septem artes liberales), die schon den Lehrkanon der griechischen und römischen Antike bestimmten, eine Rolle: Als Voraussetzung für die kirchliche Bildung wurden sie mit Ehrfurcht übernommen. In der christlichen Lehre hatten damit die Inhalte der "weltlichen" Wissenschaften der Antike auch im Mittelalter - in modifizierter Weise - weiter Bestand und damit über eine Zeitspanne von über tausend Jahren.

"Die Kenntnis der weltlichen Wissenschaften ist nicht zu verachten, weil sie die Grundlage für das weitere Studium bildet. Darum müssen schon die Kinder im zartesten Alter in der Grammatik und in den anderen Disziplinen subtiler Weltweisheit unterrichtet werden, damit sie imstande sind wie auf einer Stufenleiter der Weisheit die höchste Höhe evangelischer Vollkommenheit zu erklimmen." (Alkuin, Förderer des Schulwesens unter Karl dem Großen, zit. nach Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

  • Unterrichtszene im MittelalterDer Mönch, der einen Text interpretiert und auf einen steinigen Berghang zu deuten scheint, unterrichtet die Geographie, die als Erdbeschreibung ein Teil der Geometrie war.

Manche Klosterschulen hatten neben den Schulen für die Novizen (schola interna) auch eine Schule für Laien (schola externa). Letztere findet man im frühen Mittelalter jedoch noch recht selten, so dass nur wenige, die nicht in ein Kloster eintreten wollten, in den Genuss einer kirchlichen Schulbildung kamen. Die Kenntnisse, die man sich im Innern der Klostermauern erwarb, verliehen geistige Autorität gegenüber der einfachen Bevölkerung, Bildung war ein Privileg. Der Wertschätzung, die "heiligen Schriften" lesen zu können, entsprach im Mittelalter die Achtung des Buches. Das (Ab-)Schreiben und Gestalten eines Buches entwickelte sich in den Skriptorien der Klöster zu einer Kunst. Nicht selten wetteiferten die Klöster miteinander in der Ausstattung ihrer Bibliotheken. Der Reichtum an Büchern war Zeichen des Ansehens und der besonderen Frömmigkeit. Die klösterlichen Schreibwerkstätten arbeiteten auch gegen Bezahlung für fremde Auftraggeber. Bis ins 13. Jahrhundert hinein war die Buchherstellung ausschließlich den Klöstern vorbehalten. Erst dann entstanden in den Städten gewerbliche Buchateliers. (siehe auch Sendereihe: Mittelalterliche Buchkultur (3-94/95))

Neben der geistigen Elite verfügte auch die weltliche Elite, der Adel, im Mittelalter über einen eigenen "Bildungskanon". Der Auftrag des Ritterstandes verlangte besondere Fähigkeiten, denen man mit einer eigens darauf zugeschnittenen Ausbildung entsprach. Der Lehrplan des Klerus war bei den Rittern nicht gefragt, selbst das Lesen und Schreiben lernen war für Ritter nicht unbedingt selbstverständlich. "Bei der Durchführung von Schreibgeschäften bedienten sich die Ritter bis hin zum hohen Adel ohnehin ihres Geistlichen, was u.a. zur Folge hatte, dass für das Handwerk des Schreibers im Mittelalter die Bezeichnung clericus in Gebrauch kam." (Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Der Ritterstand hatte seinen eigenen, ebenfalls siebensäuligen Bildungskanon (Septem probitates), der aus schwimmen, reiten, Pfeile schießen, fechten, jagen, schachspielen und Verse machen bestand. Im Alter von sechs oder sieben Jahren wurden die Knaben oft an einen fremden Hof in die Obhut eines Ritters und seiner Frau gegeben, die ihn zu den feinen Tugenden des Ritterstandes erzogen, untersützt von Klerikern, Zuchtmeistern, Spielleuten und Hofdamen. Mit 14 Jahren begann die Ausbildung in den militärischen Tugenden als Knappe im Dienste des Ritters. Mit der Ritterweihe fand diese Ausbildung nach einigen Jahren ihren Abschluss. Die Entfaltung der literarischen, musischen und ästhetischen Qualtitäten der ritterlichen Kultur ist sicherlich dem Einfluss der Frauen am Hofe zu verdanken.

Mit einer Welle von Stadtgründungen im 11. Jahrhundert fand Erziehung und Ausbildung nicht mehr nur im Einflussbereich von Kirche und Hofstaat statt. Die handwerkliche und berufliche Differenzierung innerhalb der Städte, ihr erwachender Reichtum durch Handel und Gewerbe begründet die Emanzipierung der Stadtbevölkerung vom Einfluss des Klerus und des Adels. Dies fand auch in der Bekräftigung des Anspruchs auf ein eigenes Bildungswesen Ausdruck. In der weiteren Ausdifferenzierung von Handel und Gewerbe bestand hierfür auch eine dringliche Notwendigkeit: "Sie verlangten Fähigkeiten, wie sie noch im 12. und 13. Jh. nur von ganz wenigen erwartet werden konnten, so etwa die Fähigkeit, Briefe zu lesen oder zu schreiben, in Ratssitzungen Protokoll zu führen, Verträge und Urkunden auszustellen, Geld- und Rechnungsgeschäfte abzuwickeln, Münzen, Maße und Gewichte zu berechnen. Nur wo solche Fähigkeiten zur Verfügung standen, konnten die Städte zu wirtschaftlicher, kultureller und politischer Blüte gelangen." (Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Unter der Hoheit der städtischen Magistrate entstanden etwa von 1200 an sogenannte Stadtschulen. Der städtische Schulmeister, der auf seine Kosten auch Gehilfen einstellen konnte, wurde vom Magistrat bezahlt. Er musste kein Kleriker sein, wohl aber ein "Meister in den sieben freien Künsten". Im Gegensatz zu den kirchlichen Schulen wurde in den Stadtschulen auf Wunsch vieler Bürger Lese- und Schreibunterricht nun auch in deutscher Sprache erteilt. Neben den Stadtschulen konnten aber auch freie Schreib- und Rechenmeister gegen Geld ihre Lehrdienste anbieten. Sie vermittelten jedem, der bezahlte, einfache Lese- Schreib- und Rechenkünste. Auf das wachsende Bedürfnis der städtischen Bevölkerung, Lesen und Schreiben zu lernen, konnten diese privaten "Winkelschulen" flexibel reagieren. Mit dem Zerfall der mittelalterlichen Ständeordnung veränderten sich auch die an diesen "hermetischen" Lebensgemeinschaften orientierten Bildungseinrichtungen. Ein neues Welt- und Menschenbild, das sich mit dem Zeitalter der Renaissance etablierte, bestimmte auch die Veränderungen in Bildung und Erziehung.