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Hintergrundwissen

Bildung im 18. und 19. Jahrhundert

Die neuen Territorialstaaten in Deutschland - allen voran Preußen - entdeckten die Schule als ein wichtiges Instrument der "Staatsbildung": So wie Militär, Bürokratie und Volkswirtschaft in den Dienst der neuen Staaten gestellt wurden, wurde auch die schulische Bildung der Untertanen in den Dienst der Entwicklung und Stärkung eines blühenden Staatswesens gestellt. "Mit ihrer Hilfe versuchen sie, die Armut, die Unwissenheit und die Lethargie des Volkes zu bekämpfen und dadurch die Armenkassen zu entlasten, von ihr erwarten sie auch, daß sie das Arbeitskräftepotential für die merkantile Volkswirtschaft und die staatliche Bürokratie heranzieht, daß sie die Untertanen den Zwecken des Staates verfügbar macht, daß sie den Jungen das Lesen und Schreiben lehrt, weil sie es im Militärdienst brauchen - und nicht zuletzt: In den Schulen kann man auch die vielen Kriegsinvaliden als Lehrer unterbringen, damit sie nicht länger der Staatskasse zur Last fallen." (Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

  • Schule für BürgerkinderBürgerkinder lernen in einer städtischen Schule der Biedermeierzeit. Eltern sind bereit und in der Lage, sich die Ausbildung ihrer Kinder etwas kosten zu lassen.

Je mehr die Bildung und Ausbildung für die Erhaltung des Staatswesen bedeutsam war, um so mehr wurde sie zur grundlegenden Notwendigkeit. War sie im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit noch weitgehend Privileg, wurde sie jetzt zur Pflicht. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung war sicherlich die Einführung der Schulpflicht 1794 in Preußen. Im "Allgemeinen Landrecht" wurde hierzu Folgendes festgelegt:

"§1. Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben. §2. Dergleichen Anstalten sollen nur mit Vorwissen und Genehmigung des Staates errichtet werden... §43. Jeder Einwohner, welcher den nötigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht besorgen kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurückgelegtem fünften Jahre zur Schule zu schicken." (zit. nach Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Mit der Aufklärung entwickelte sich auch ein neuer erzieherischer Ethos, der die "Prügel- und Unterwerfungspädagogik" des Mittelalters verabscheute. Jedoch war man auch gegen ein reines Eintrichtern von Fachwissen. Neuhumanistische Leitbilder von Erziehung und natürlichem Unterricht, der Selbstentfaltung und der Bildung von "Kopf, Herz und Hand" bestimmten eine neue große pädagogische Bewegung. Ihr wohl berühmtester Pädagoge: Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Die Unterrichtsmethoden erfuhren in Theorie und Praxis wesentliche Verbesserungen, obwohl auch hier sich die Bewegung ihrem Ideal nur punktuell nähern konnte.

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 18. und 19. Jh. sind sehr vielfältig. Ausgehend von der Aufklärung waren sie vor allem geprägt von der beginnenden Industrialisierung und den durch sie erfolgenden druchgreifenden Umwälzungen der ständischen Gesellschaft. Der fortschreitenden Differenzierung der Lebens- und Arbeitswelt entsprach eine Ausdifferenzierung des Schulwesens.

  • SchulgärtenHolzstich "Im Gemeindeschulgarten zu Friedenau bei Berlin" 1899
  • TurnstundeAls das Gemälde 1880 entstand, ist das Turnen in einer Dorfschule noch keine Selbstverständlichkeit.

Für die "Erfüllung der Schulpflicht" gab es bis 1920 eine Reihe verschiedener Möglichkeiten:

Hofmeister, Hauslehrer und Gouvernanten Für höher gestellte oder begüterte Familien war der Besuch einer Schule oft unter der Würde. Sie beauftragten Hauslehrer - für die Erziehung der Jungen - oder eine Gouvernante, bzw. Hauslehrerin für die Erziehung der Mädchen, die ab dem 6. Lebensjahr begann. Viele, so z.B. auch Goethe, haben ihr Universitätsstudium begonnen, ohne jemals auf eine Schule gegangen zu sein.

Kollegien und Institute Um ihren Einfluss auf Erziehung und Bildung in den Jahren nach der Reformation wieder auszudehen, gründeten die Kirchen Kollegien und Erziehungsinstiute. Auf katholischer Seite war hier besonders der Jesuitenorden aktiv. Jesiutenkollegien wurden aufgrund ihrer Organisation und der Qualität ihrer Arbeit Vorbilder für andere, vergleichbare Erziehungsinstitute. Insbesondere für die Erziehung und Bildung von Mädchen hatten private Kollegien und Institute einen großen Stellenwert. Dort hatte die Bildung der Tugend der Frau jedoch Vorrang vor der intellektuellen Bildung. Die Bedeutung dieser Einrichtungen für die Bildung der Mädchen zeigte ihre Verbreitung: "1836 besuchten (...) in Dresden 1150 Schülerinnen den Unterricht an den 25 privaten Mädchenbildungsinstituten, während nur 100 Mädchen an der Mädchenabteilung der Allgemeinen Bürgerschule unterrichtet wurden." (Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Dorfschulen Die Bildung in Dorfschulen kam immer noch nicht weit über die Vermittlung von Lesen und Schreiben hinaus. Dies wurde durchaus als ausreichend empfunden. Nur wenige besonders begabte Kinder der Landbevölkerung konnten mit Hilfe staatlicher oder kirchlicher Stipendien weiterführende Schulen besuchen. Die Zeugnisse der Zeit zeichnen für Dorfschulen ein eher desolates Bild:

"In vielen Dörfern wird zwar Schule gehalten, aber nicht von einem vorbereiteten, geprüften, förmlich angesetzten und besoldeten Lehrer, sondern die Gemeinde mietet sich, für drei oder vier Wintermonate, irgendeinen leicht zu befriedigenden Schneidergesellen, der dann mit seiner Schule wöchentlich von einem Hause zum anderen wandert, und ebenso in der Reihe von den Hauswirthen gespeiset wird. (...) Oft hütet dann ein und derselbe Mann im Sommer das Vieh, im Winter die Jugend des Dorfes; und die Vereinigung dieser beiden Posten ist immer noch natürlicher und begreiflicher, als wenn, wie dies würklich auf mehreren Dörfern der Fall ist, der Schulmeister, um leben zu können, zugleich der Nachtwächter ist." (zit. nach Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Schulen für Bürgerkinder Die Schulen für Bürgerkinder boten ein ganz anderes Bild, was Ausstattung und Unterrichtsgeschehen betraf. Der Bildungseifer des Bürgertums vor allem im 19. Jahrhundert fand seinen Niederschlag in dem aufwendigen Aufbau von Schulen, für eine lebensnahe und standesgerechte Bildung ihrer Kinder. Neben den Volksschulen und traditionellen Lateinschulen entwickelte sich eine Vielfalt unterschiedlichster Schulformen: Humanistische Gymnasien, Realschulen, Realgymnasien, Bürgerschulen, Oberrealschulen, Rektoratsschulen, Lyceen.... Öffentliche Schulen für Bürgerkinder waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. hinein fast ausschließlich Schulen für Jungen. Nachdem die Voraussetzungen für eine Bildung der Mädchen im Familienkreis weithin fehlten, akzeptierte man auch Mädchenschulen, aber nur bis zum Alter von 14 Jahren. Für eine weiterführende Bildung musste man auf private Unterrichtseinrichtungen oder Hausunterricht zurückgreifen, "was dort aber vermittelt wurde, war mit der gymnasialen Bildung für die Jungen nicht vergleichbar. Erst an der Wende zum 20. Jahrhundert wurden die ersten Mädchen zum Abitur und zum Universitätsstudium zugelassen." (Schiffler/ Winkeler: Tausend Jahre Schule)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schälte sich aus der Vielfalt der schulischen Angebote das dreigliedrige Schulsystem - Volksschule, Mittelschule und Höhere Schule - heraus, das wir heute kennen.