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Im Westen herrscht Überfluß. Vergessen scheinen die 8000 Hungerkrisen, die es in 6000 Jahren Menschheitsgeschichte gab. Aber nicht alle Menschen waren davon betroffen. Hungersnöte gibt es bis heute nur in Ländern, in denen die Agrarbevölkerung in einem Zustand chronischer Armut lebt, wo die Trennlinie zwischen hungrig und satt der Kluft zwischen arm und reich entspricht.
Dies war für den größten Zeitraum westlicher Geschichte der Fall. Aus den freien Bauern der griechischen, römischen und germanischen Kulturen wurden überall in Europa (außer in der Schweiz und in Schweden) Pächter einer Grundherrschaft, die für sich arbeiten ließ und Vorräte anlegte. Das kulturelle und politische Desaster war dann perfekt, wenn die Oberschicht bei Mißernte oder Krieg die Vorräte teuer verkaufte oder gar exportierte, statt mit dem Volk zu teilen. Vielmehr wurden die in Hungersnöten in die Städte strömenden Bauern aus Angst vor Epidemien, die diesen Katastrophen meist folgten, vertrieben und ihrem Schicksal überlassen. So entvölkerten sich ganze Regionen. Nur selten war der Auslöser allein die Natur - die Not war zu zwei Dritteln immer vom Menschen gemacht.Und die außereuropäischen Kulturen, die heute noch mit diesem Problem zu kämpfen haben? Auch dort steht zumeist einer hungernden Mehrheit eine kleine, wohlhabende Elite gegenüber.
Uns scheint das immer so gewesen zu sein. Frühe Berichte über afrikanische und andere außereuropäische Kulturen vor der Kolonisierung belegen aber, daß diese Kontraste jüngeren Ursprungs sind. Sie sind ein Ergebnis westlicher Expansion seit dem Mittelalter. Die Entdecker der Neuen Welt (Spanier und Portugiesen) suchten die Gewürzmärkte in Indien, fanden aber neue Nahrungsmittel, die sie nach Europa und später auch in andere Erdteile brachten: Mais, Kartoffel, Kakao, Erdnüsse, Vanille, Tomaten, Ananas, grüne Bohnen, Paprika und Truthahn. Nach und nach wurden diese exotischen Gemüse- und Obstsorten in europäische Rezepte aufgenommen - je nach Nation unterschiedlich, und jetzt erst entwickelten sich in den einzelnen Ländern charakteristische Eigentümlichkeiten.
In Gegenrichtung, also in die Neue Welt, brachten sie und spätere Siedler Weizen, Gerste, Kichererbsen, Zuckerrohr (aus Asien), Kaffee (aus Afrika), Rinder und Schafe. Die Kolonisatoren des indischen und asiatischen Raumes (vor allem Engländer und Holländer) brachten zunächst den lukrativen Gewürzhandel - ehemals in arabischer Hand - mit blutigen Methoden unter ihr Monopol und folgend den Handel mit Luxusprodukten wie Kaffee, Tee, Tabak und Zucker.
Als im 18. Jahrhundert durch die Entwicklung neuer Wirtschaftstheorien "Liberalismus" und "Intensivierung" die Schlagworte wurden, entsandten die Mutterländer Experten in die Kolonien mit dem Auftrag, eine gut organisierte und auf Überschuß angelegte Plantagenwirtschaft aufzubauen, die die bisherigen Bauern zu Lohnarbeitern oder Sklaven machte. Die Massenverelendung nahm dort ihren Anfang, wo der Bevölkerung der beste Boden weggenommen wurde und ihre eigene Anbaufläche verheerend schrumpfte, während unsere Nahrungspalette stets weiter bereichert und Luxusprodukte nun günstiger wurden. Mit westlichem Profitdenken wurde der Hunger exportiert.
Nach der Entkolonialisierung übernahm die herangezogene Führungsschicht das Plantagenland und ließ weiter für sich arbeiten. So sind bis heute diese Länder die Produktionszone Europas, sind vom Export ihrer meist nur halbverarbeiteten Rohstoffe abhängig (durch hohe Zölle geregelt). Durch Monokultur und - Spezialisierung kaum zum Aufbau einer ökonomischen Unab- hängigkeit fähig, sind sie statt dessen zu Lebensmittelimporten gezwungen. Wie im Film gezeigt wird, gehört Zuckerrohr zu den ersten Kolonialwaren, die die Kolonialherren selbst anbauten und dadurch den Konsum in Europa steigerten. Doch ohne die afrikanischen Sklaven wäre die Zuckerindustrie nie groß und Zucker nicht zu einem (bezahlbaren) Hauptnahrungsmittel des Westens geworden. Dagegen wurde Afrika vorübergehend entleert und seiner wirtschaftlichen Kraft beraubt.
Nach den frühen Exportschlagern Kaffee, Tee und Kakao, die schon im 19. Jahrhundert von den Kolonialherren angebaut wurden, gehören neuere Exporte wie exotisches Obst, Rinder und Palmöl in dieses Jahrhundert. Dank moderner Technik wird dort inzwischen in Masse produziert, und durch den schnellen Preisverfall sind ehemalige Luxusgüter heute preisgünstig zu haben - zum Nachteil der Exporteure. "Entwicklungshilfe" in Form von Nahrungsmitteln hilft oft mehr den westlichen Industrienationen. Sie können ihre eigenen Überschüsse geldbringend loswerden und greifen gleichzeitig in die Eßgewohneiten anderer Länder ein (z.B. mit Weizen). Die vielgepriesene Entwicklung von Hochertragssorten (Weizen und Reis) im Westen hat dagegen zu einer weiteren Abhängigkeit der Entwicklungsländer von Saatgut und Düngemitteln geführt. Nur - einige Großbauern dort profitierten von der "Grünen Revolution", immer weniger Menschen sind immer besser ernährt. Jährlich sterben 7 Mio. Kinder unter fünf Jahren an Hunger und Mangel- ernährung. Auch wenn Kinder den Hunger überleben, sind sie auf Dauer geschädigt, mit geschwächtem Immunsystem sowie körperlichen und geistigen Behinderungen.
© Text: Charlotte Brinkmann
