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Das Herz steht still.
Das Cardiogramm zeichnet keine Kurven,
Hirnströme sind nicht mehr meßbar,
der Mensch ist tot. Exitus.
Der Arzt stellt den Zeitpunkt fest
und den Totenschein aus. Vorschrift.
Die Totenglocke läutet. Der Tod wird verkündet.
Die Botschaft soll gehört werden,
doch die Städte sind zu groß, als daß das Läuten durchdringt.
Und in der Großstadt wird massenweise gestorben,
man käme aus dem Läuten nicht mehr heraus.
Die Zeitung, täglich frisch: Todesanzeigen.
Namen, Daten und manchmal ein Vers.
Man überliest sie, bis man stockt, ein wenig erschrickt:
Der auch.
In überregionalen Blättern sind dieselben Personen mehrfach auf einer Seite gestorben:
als Mensch, als Geschäftsmann, als Aufsichtsrat.
Frauen sterben meist nur einmal;
"unsere liebe Frau, Mutter und Großmutter" ist selten im Vorstand,
mit ihrem Tod kann kein Unternehmen auf sich aufmerksam machen.
"Um den Verstorbenen trauern …"
Immer mehr Anzeigen sind nicht mehr von Verwandten aufgesetzt.
Mit wem kann wer trauern?
In den Städten südlicher Länder wird an der Haustür,
hinter der gestorben wurde, ein Anschlag angebracht.
Die Vorbeigehenden wissen: Ein Totenhaus.
Auch wenn der Tote nicht wirklich in dem Haus gestorben ist.
Zu Hause wird selten gestorben in einer Zeit, in der
der Tod nicht mehr zum Leben gehört.
Häusliches Sterben ist schwer organisierbar, heute.
Berufstätige Kleinfamilien haben das Sterbezimmer in Pflegeheime und Krankenhäuser verlegt.
Denn der Tod ist heute die Folge einer Krankheit -
nicht des Lebens.
Das Natürliche fällt in das Gebiet der Naturwissenschaften,
das Sterben ist das Problem der Medizin.
Solange es noch existiert,
ist der Arzt vor seinen Patienten blamiert.
Das Finale des Lebens ist ein Kunstfehler.
Wenn die Alten eines Stammes in Kamerun wissen,
daß der Tod nahe ist, ziehen sie sich an einen einsamen Platz
am Rande des Dorfes zurück.
An einen großen Stein gelehnt erwarten sie das Ende.
Bei uns ist Vorsicht geboten.
"Unterlassene Hilfeleistung", "fahrlässige Tötung"
könnten Juristen den natürlichen Ablauf des Lebens nennen.
Lebensende.
Der Tod ist Teil des Lebens, war es früher zumindest.
Man hatte seine Lebens-Zeit. Und war in ständiger Lebensgefahr:
Hungersnöte, Seuchen, Krieg.
Man lebte kürzer und starb auch kürzer. Meistens.
Heute wird oft lebenslang gestorben -
Fortschritt der Medizin.
Man tut das Menschenmögliche,
das medizintechnisch Mögliche:
auf hochgerüsteten Intensivstationen kann der meßbare Zeitpunkt des Todes hinausgeschoben werden.
Exzessive Lebensausnutzung
durch Intensivmedizin.
Doch der Sterbende kann immer weniger am Ablauf seines Lebens teilnehmen -
unwissend, bewußtlos, künstlich ernährt.
Künstlich beatmet
haucht er sein Leben aus.
Die Nächsten sind fern -
oder ferngeblieben.
Fremde kommen - freiwillig,
ehrenamtliche Sterbebegleiter.
Sie wachen -
wo das Pflegepersonal nur überwachen kann.
Die Angehörigen werden benachrichtigt,
wenn es vorbei ist.
Bis jetzt konnten sie hoffen, daß es nicht der Tod,
sondern eine Krankheit ist,
daß Ärztekunst und Medizintechnik erfolgreich sein würden.
So wird nicht Abschied genommen.
Als noch zu Hause gestorben wurde,
versammelte sich die Familie um das Sterbebett.
Der Tod versammelte sie.
Man wußte, daß die Zeit gekommen war,
man war vorbereitet. Wen nicht der Schlag traf,
der schlimme, unerwartete Tod,
der beendete sein Leben auf seinem Bett.
Schlafstätte, Liebeslager, Kranken- jetzt Sterbebett.
Der Sterbende nahm Abschied von
seinen Nächsten, Kinder und Enkel waren nicht ausgeschlossen.
Man mußte sich trennen - und wußte es.
Man hatte Trennungsangst - Todesangst.
Man konnte sie mitteilen und die Lebenden nahmen teil.
Das Sterben mußte geleistet werden,
gemeinsam.
Wer Christ war und katholisch,
dem spendete der Priester die Sterbesakramente,
Stärkung auf der letzten Reise.
Im christlichen Abendland hat die Kirche die
Verwaltung des Todes übernommen.
Sie hat Himmel und Hölle anzubieten,
dem Gläubigen verheißt sie ewiges Leben.
Der Mensch ist tot.
Die Zeit steht still, das Leben geht weiter.
Die Welt ist zweigeteilt: Sterbende sind zu Toten geworden,
die Lebenden zu Hinterbliebenen.
Der leblose Körper zwischen ihnen: die Leiche.
Sie muß versorgt werden.
Der Kanon der Riten setzt ein, allerorts und jederzeit verschieden,
abhängig von Lebensbedingungen und Todesvorstellungen;
Leitfaden ist Religion und Weltanschauung, Tradition und Gesetz.
Die Leiche ist ein menschliches, ein räumliches
und ein hygienisches Problem.
Organisation wird gebraucht.
Seit hundert Jahren immer mehr in die Hände der
Bestattungsunternehmer gelegt.
Ein neuer Berufsstand, noch immer um seine
Anerkennung als Lehrberuf ringend.
Früher kam der Sargtischler/Schreiner ins Haus, nahm Maß und zimmerte den Sarg.
Wo man nichts mehr tut kann,
bleibt viel zu tun.
Die Verwandten sorgten sich um den toten Körper.
Schlossen die Augen,
wuschen und kleideten den Toten.
Er blieb im Haus aufgebahrt und
Kerzen wurden entbrannt.
Totenwache.
Still und Tränenreich -
oder auch mit Kartenspiel.
Doch der Tote wurde nicht aus dem Haus geworfen.
Wer "auf Intensiv" stirbt,
bleibt zwei Stunden liegen.
Dann wird abgekabelt, die Schläuche entfernt,
der Tote hergerichtet.
Verwandte können den Verstorbenen noch einmal sehen,
dann wird der Platz zwischen den Maschinen geräumt
und neu belegt.
Kontaktaufnahme mit dem Bestattungsunternehmer:
"Mein Beileid".
Sarg - Form, Farbe, Material, Verarbeitung, Ausschlagung,
Totendecke, Sargschmuck, Blumen, Kränze, Musik bei Trauerfeier - keine Trauerfeier, ist Begräbnisstelle vorhanden …
"und wenn Sie dann noch bitte hier unterschreiben."
Pfarrer, Pastor, oder Trauerredner.
Absprachen über Ansprachen.
Wer war der Tote?
Der Tod macht alle Menschen gleich,
das Begräbnis macht sie ungleich.
Pyramiden oder anonymes Massengrab.
Pomp, Musik, Menschenmassen, Blumenberge,
oder Antrag auf Sozialhilfe für ein anständiges Begräbnis.
1997 übertrugen 187 Fernsehanstalten in aller Welt
die Trauerfeier für eine junge Frau.
Hunderte Millionen Zuschauer hatte der Tod vor den Fernseh- apparaten versammeln können,
großes Publikum.
Noch einmal konnte er die Rolle übernehmen,
die er im Mittelalter und in der Barockzeit spielte:
Die Hauptrolle im Leben.
v
Doch auf der überfüllten Erde wird unbeachtet
im Sekundentakt gestorben.
Wenn Mächtige starben, war die Trauerfeier
Ausdruck ihrer Macht.
Karl der V., der in der Zeit vor der Television starb,
wurde in Augsburg, Brüssel,
Rom und Mexiko mit Totenfeiern geehrt.
Das zog sich über Monate hin.
In Indonesien müssen reiche Stammestote oft jahrelang
auf ihre Bestattung warten. Sie tun es gern.
Denn je prächtiger das Totenfest, so größer die Ehre,
und umso zufriedener ihr Dasein im Jenseits.
Unterkünfte für Trauergäste werden gebraucht.
Ein ganzes Dorf wird errichtet, Reis wird gesät und geerntet,
um die vielen Gäste bewirten zu können.
Büffelopfer sind gefordert.
Die Verwandten müssen sich bis ans Lebensende verschulden,
doch der Tod ist wichtiger.
"Die Zwerglein, wie sie abends nach Hause kamen, fanden
Schneewittchen auf der Erde liegen
und es ging kein Atem mehr aus ihrem Mund, und es war tot …
Sie legten es auf eine Bahre
und setzten sich alle Siebene daran und beweinten es drei Tage lang.
Dann wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus
wie ein lebender Mensch
und hatte noch seine schönen roten Backen.
Sie sprachen: Das können wir nicht in die schwarze Erde versenken -
und ließen einen durchsichtigen Sarg aus Glas machen,
daß man es von allen Seiten sehen konnte."
Der Wunsch der Zwerge: Den Gestorbenen nicht aus den
Augen zu verlieren - in der Kirche wurde er erfüllt.
Die Körper der Heiligen sind sichtbar ausgestellt. - Reliquien.
Doch wie Schneewittchen im Glassarg, unversehrt,
nur Revolutionsführer und politische Heilsbringer, zu denen Gläubige pilgern.
Normal und Norm: Erdbestattung oder - Einäscherung.
Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mit - ansteigender Tendenz:
Verbrennung des Körpers und Urnenbeisetzung.
Raumersparnis.
Vom Feuer, nicht von Würmern verzehrt.
900 bis 1200 Grad, Verbrennungsdauer circa - eineinhalb Stunden.
Der Flachbettofen.
Das Erdgrab. Entweder Familiengruft auf "Lebenszeit",
oder Reihengrab 20 Jahre, nicht verlängerbar.
Bauvorschrift: 90 cm unter dem Beet die Oberfläche des Sargs.
Ausschachtung: mindestens ein Meter fünfzig.
Selten mit der Hand, meistens vom Bagger.
Beerdigung.
Friedhof. Eingefriedete Orte. Ummauert.
Ein Hof, den Toten vorbehalten. Hier sollen sie ruhen -
im Totenacker, seit die Friedhöfe um Kirchen angelegt wurden,
waren sie Gottesacker.
Einfache Leute, Arme, wurden in ein Leintuch eingenäht und in die Erde gesenkt.
Dort waren sie Nahrung für Würmer.
Marmorne Fleischverzehrer - Sarkophage - bleiben den Reichen vorbehalten.
Sie waren in Kirchen auf- und ausgestellt.
Geschmückt mit Reliefs, der Körper zerfiel,
die Kunst blieb übrig.
Ruhe in Frieden.
Ewige Ruhe.
Beruhigung für die Lebenden.
Wer ruht, der lebt.
Hoffnung.
© Text: Monika Buscher
