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War der letzte Atemzug getan, so war das erste, die Augen und den Mund des Toten zu schließen, eine Handlung, die als letzter Liebesdienst der nächsten Angehörigen am Toten betrachtet wurde. Das Schließen der Augen bezog sich auf die Angst vor dem bösen Blick, wohingegen für das Schließen des Mundes die Auffassung stand, daß die Seele den Körper unmittelbar nach dem Tod durch den Mund verläßt, dann aber durch den offenen Mund wieder in den Körper zurückkehren konnte. Dieses mußte unbedingt verhindert werden, da eine zurückgekehrte Seele den Toten zu einem gefährlichen Wiedergänger machen und sogar Lebende nachholen konnte. Oft wurden die Fenster des Sterbezimmers geöffnet, um der Seele die Möglichkeit zum Entweichen zu geben. (...)
Zahlreiche Abwehrriten sollten verhindern, daß die Seele des Verstorbenen zurückkehrt und den Lebenden schadet. Die Menschen glaubten nicht, daß nach dem letzten Atemzug der Tote schon vollkommen von der Welt geschieden und seine Rückkehr ausgeschlossen sei. So versuchten sie, sich vor dem Toten und seinen möglichen Ansprüchen zu schützen. (...)
Zu den ersten Handlungen nach Eintritt des Todes gehörte das Läuten der Sterbeglocke. Meist konnte an der Art des Geläuts Geschlecht, Alter und Stand des Gestorbenen entnom- men werden. Das Sterbegeläut hatte drei Aufgaben: es verkündete den Tod, rief zum fürbittenden Gebet auf und verscheuchte durch seine magische Kraft dämonische Einflüsse. Es wurden schwarze Tücher über der Haustür befestigt, Kerzen angezündet, Weihwasser versprengt und die Todesnachricht öffentlich bekannt gegeben. (...) Der Leichnam wurde zur Aufbahrung von Angehörigen, Freunden, Nachbarn, oder besonders dazu bestimmten Personen, z.B. "Totenweibern", "Seelen- weibern" und nur ausnahmsweise "Totengräbern" oder "Seelennonnen" gewaschen, angekleidet und hergerichtet. (...) Das je nach Gegend weiße oder schwarze Sterbehemd, Grab- oder Leichentuch aus Leinen lag häufig schon lange bereit. Der Tote wurde im Bett oder im Sarg zwischen brennenden Kerzen mit Blick auf die Tür aufgebahrt. Das Kruzifix stand an seinem Kopf oder an der Seite und Weihwasser zu seinen Füßen, damit die Besucher den Toten besprengen konnten. Es war üblich, den Toten zu besuchen und für ihn zu beten. Freunde und Nachbarn des Verstorbenen hielten die Totenwache und zeigten damit (...), daß der Tote noch zum Kreis der Familie gezählt wurde. (...)
Im Bild rechts ist ein besonderes Beispiel alpenländlicher Trauerkultur zu sehen: über 1000 gebleichte und kunstvoll bemalte Schädel in einem Beinhaus (Karner) in Hallstadt (Österreich). Nach einer Zeit von mehreren Jahren wurden Gebeine und Schädel naher Verwandter ausgegraben und zu besonderem Gedenken und Verehrung der Toten in Beinhäusern nahe der Kirche aufbewahrt.
Die laute Totenklage um den Dahingeschiedenen war allgemeine Sitte. (...) Eigens dazu bestellte Leichenweiber oder Klageweiber, die gut bezahlt wurden, begannen zuerst ein dumpfes Stöhnen und leises Klagen, das sich langsam zu lautem Heulen und Schreien steigerte. Dabei zerkratzten sie sich das Gesicht, zerrauften sich die Haare und wälzten sich auf em Boden. Das Heulen und Jammern drang bis in die Nachbarhäuser. Danach sangen sie eine Litanei und zum Schluß einen Totengesang. Diese Totenklage fand statt, weil stille Trauer als verächtlich und pietätlos betrachtet wurde. Wer nicht weinen konnte, wurde als gefühllos angesehen. Von seinen Mitmenschen nach dem Tod beklagt zu werden, galt als Zeichen des besonderen Ansehens eines Verstorbenen. Auch die Zahl der Teilnehmer an der Totenwache entsprach dem Ansehen des Verstorbenen und der Angehörigen. In vielen Dörfern dauerte die Totenwache mehrere Tage und Nächte. Totenwachen wurden bis tief in die Nacht hinein gehalten, wobei die Zeit mit Murmeln von Rosenkränzen und Geschichtenerzählen verbracht wurde. Die Totenwache war jedoch keine ernste Trauerrunde, die ununterbrochen im Gebet verharrte. Es wurde geredet, gespielt, gelärmt, getanzt und es gab Brot, Kuchen und reichlich Branntwein oder Bier. Je nach Wohlstand oder Freigiebigkeit des Hauses artete die Totenwache mitunter in ein Trinkgelage aus, und die Kirche beklagte sich in bezug auf Totenwachen und Beerdigungsfeiern heftig über heidnische Unsitten. (...) Der Leichnam wurde im Sarg mit den Füßen voran aus dem Sterbezimmer getragen und oft dreimal auf der Hausschwelle abgesetzt. Der Tote verabschiedete sich so von seinem Haus. In manchen Gegenden wurde das Feuer gelöscht, Türen und Fenster verschlossen und dem Sarg Wasser nachgeschüttet. Damit sollte die endgültige Trennung symbolisiert und eine Rückkehr des Toten unmöglich gemacht werden. (...)
Auf dem Weg zum Friedhof übernahmen es Freunde und Nachbarn, den Sarg zu tragen. An den Begräbnisprozessionen nahmen auch Kinder teil. (...)
Während der Beerdigungsfeier in der Kirche wurde die Totenglocke geläutet. Die kirchliche Zeremonie am Grabe beschränkte sich auf einige Gebete, Weihrauchspenden, eine letzte Einsegnung und die Grabrede. Sie konnten von Laienansprachen ergänzt, von Gesang und Musik umrahmt werden. (...) Der Sarg wurde ins Grab gesenkt und von allen Anwesenden, beim Pfarrer angefangen, mit Weihwasser besprengt und mit drei Schaufeln Erde als Symbol der körperlichen Vergänglichkeit beworfen. Das Kondolieren am offenen Grab ist eine städtisch-bürgerliche Sitte, die erst später auf dem Lande nachgeahmt wurde.
Nach dem Begräbnis versammelte sich die Trauergemeinde zu einem Totenmahl. Die Funktion des posthumen Festmahls - "Leichenschmaus" genannt - war nach damaliger Auffassung folgende:
Die Seele des Toten war darauf angewiesen, daß die Lebenden für sie beteten, und die Mahlzeit, die nach dem Begräbnis gereicht wurde, kann als Entgelt für die Gebete gesehen werden. Die Trauergemeinde mußte mit einer vorgeschriebenen Speisefolge bewirtet werden. Der Leichenschmaus hatte darüber hinaus eine soziale Funktion, er festigte den Zusammmenhalt unter den Familienmitgliedern, Nachbarn und Freunden des Toten. Außerdem war er das Zeichen, daß das Erbe angetreten werden konnte. Die Teilnahme an Aufbahrung, Totenmesse und Beerdigung wurde als Christenpflicht empfunden. (...)
© Text: Monika Buscher
