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Hintergrundwissen

Tischzuchten

Jedem bleiben vermutlich die Erlebnisse am Tisch am längsten in Erinnerung, die uns peinlich berührten - delikate Situationen. Wir sind ständig bemüht, sie zu vermeiden. Wie kommt es zu dieser Scham beim Essen? Im Laufe der Sozialisation lernen wir, was als gut und passend für diese Zusammenkünfte eingestuft wird. Es stellen sich folgende Fragen, die unsere Eßgewohnheiten später bestimmen: Ist die Menge, das Wieviel der Nahrung ausschlaggebend (Quantität) oder ist der Inhalt, das Was wichtiger (Qualität)? Wird beim Essen mehr Wert gelegt auf den Stoff der Speise (Materie) oder auf die Art und Weise, wie es in den Mund gelangt (Manier)? Und wie sieht es mit der Zubereitung aus: Wird dem Nahrungsmittel lediglich sättigende Funktion zugesprochen, somit einfache und gewohnte Verarbeitung zugebilligt (Substanz), oder wird der Gestaltung phantasievoller Speisen besondere Aufmerksamkeit geschenkt (Form)? Die aus diesen Fragen resultierenden Eß- gewohnheiten markierten in früheren Zeiten wesentlich deutlicher die sozialen Unterschiede als sie es heute tun: Die, die täglich dankbar sein müssen, überhaupt etwas zu essen zu haben, sorgen sich am ehesten um die Quantität, die Materie und die Substanz. Trafen sich die Bauern und Gehilfen zur gemeinsamen Mahlzeit, war keiner überrascht, daß es tagaus, tagein dasselbe gab - Ziel war, den täglichen Hunger ausreichend zu stillen, um die Arbeitskraft zu erhalten. Auf welche Weise man auch seinen täglichen Brei oder Eintopf aus der gemeinsamen Schüssel in den Mund bekam - meist ging es sehr grob zu: es wurde geschlungen, gespuckt, geschnäuzt, gekratzt und mit dem Messer in den Zähnen gebohrt.

  • kleines Mädchen mit Puppe und Löffel in der Handgnaz Rungaldier - Gräfin Emma Fries (um 1842, © Springer Verlag, Wien 1997)

Noch im Mittelalter war das Eßverhalten der europäischen Adligen ähnlich ungeschliffen - verglichen mit den chinesischen und arabischen Gepflogenheiten zu dieser Zeit. Erst später wurde der höfische Nachwuchs zunehmend mit "Tischzuchten" diszipliniert, und als die Bürgerschaft zu Beginn der Neuzeit zu erstem Reichtum gelangte und "Tischzuchten" für den Bürger kursierten, war die Etikette an den Höfen schon übertrieben detailliert und kompliziert. Die Frage, ob die Suppe mit der Spitze oder der Seite des Löffels zu essen sei, trennte den britischen vom deutschen Adel. Die lerneifrigen Bürger, die glaubten, mit der Übernahme höfischer Etikette den Zutritt in ihre Kreise zu bekommen, beschleunigten diese Entwicklung noch: schnell war ein Emporkömmling entlarvt, wenn er in vornehmer Gesellschaft die Regeln nicht kannte und etwa zum falschen Zeitpunkt das Trinkgeld unter den Teller legte. Nicht nur das verstand man unter delikaten Situationen "Delikatessen" -, sondern auch mangelndes Feingefühl in der Konversation. Aber auch das Bedürfnis, sich von den ärmeren Schichten nach unten abzugrenzen, führte schließlich zur peniblen Einhaltung der Tischzuchten in bürgerlichen Kreisen, die für die Kinder zur reinsten Tortur wurden. Mit den Aufstiegschancen für die unteren Schichten wuchs auch deren Bereitschaft, Etikette und Peinlichkeitsgefühle zu übernehmen. Doch wie neuere soziologische Studien zeigen, hat die gemeinsame Mahlzeit in bäuerlichen Kreisen nach wie vor sättigende und reproduktive Funktion, während im kleinbürgerlichen Milieu inzwischen großer Wert auf die Regeln bürgerlicher Tischzucht gelegt wird - trotz locker gestalteter Speisepläne. Nach wie vor dienen also die "feinen Unterschiede" im Eßverhalten zur Brand-markung sozialer Herkunft. Benimmkurse boomen wieder.

  • adlig anmutende Gesellschaft am AbendtischJean Michel Moreau gen. d. J. (1741 - 1814) - Das Ende des Soupers

Rossauer Tischzucht (Variante zu Tannhäuser) - Das ist von der Tischzucht

Wer nun solches Wissen hat, so daß er Erziehung und Ansehen erreicht hat, den bitte ich mir zuliebe, daß er es ohne Unwillen mir überlasse, die jungen Leute zurechtzuweisen, diejenigen, die etwa sieben Jahre alt sind und solches Wissen noch nicht haben und denen noch keine Erziehung bekannt ist.

Wer nun gern von Erziehung hört, der soll Ungesittetheit ablegen. Merket: Wenn ihr zu Tische geht, dann laßt die Hände nicht ungewaschen. Schneidet die Nägel von den Fingern, wenn sie lang sind, daß sie euch nicht Schande bringen. Wollt ihr nicht sitzen wie ein Narr, so lockert den Gürtel um den Bauch. Wollt ihr bei Hofe Brot schneiden, so sollt ihr folgendes vermeiden:

  • Familie am Tisch beim GebetAbraham Bach - Eine schöne Tischzucht (2. Hälfte 17. Jh.)

Setzt es nicht an die Brust, nach Art schwacher Weiber, die ihre schwache Kraft dazu zwingt, - das ist bei Hofe eine große Schmach. Niemand soll mit einem andern benutzen denselben Löffel beim Essen, das ist gutes Benehmen. Aus Schüsseln trinken ziemt sich nicht. Wer das auf so furchterregende Weise macht und in sich hineinschlürft, als wenn er nichtbei Verstand ist, (obgleich auch die ungehobelte Art doch mancher lobt), der kann eben nicht zu Verstand kommen. Der hat durchaus kein ehrenhaftes Verhalten, der sich über die Schüssel lehnt und so unsauber schnaubt mit dem Munde wie ein Schwein -, der soll bei anderm Viehzeug sein. Einige beißen vom Geschnittenen ab, und nach ziemlich bäurischer Art und Weise stoßen sie es wieder in die Schüssel. Diese Unsitte kennen die Höfischen nicht.

Einige sind gar so verfressen, daß sie auf ihren Mund nicht achten und sich in die Hand beißen. Solche Gier unterlassen die Höfischen. Wer so schnauft wie ein Wasserdachs und schmatzt wie ein Lachs wenn er ißt, wie es mancher tut, wie der sich über gutes Benehmen hinwegsetzt! Wer rülpst, wenn er essen soll und sich in das Tischtuch schneuzt, dem sei gesagt, beides gehört sich nicht, wie ich das jedenfalls verstehe. Kein guterzogener Mann macht es so, daß er sich auf den Tisch lümmelt oder sich zurücklehnt; dort steht's nicht zum besten, wo das geschieht. Stützt euch nicht auf den Ellenbogen, sitzt aufrecht und nicht zusammengekauert. Faßt euch nicht an mit bloßer Hand, sondern nehmt dafür euer Tuch, wenn ihr zufassen müßt, während man euch bei Tische sieht. Legt nicht die Finger auf die Messerklinge, wie oft ihr auch schneiden müßt, bevor ihr aus der Schüssel eßt, diese Regel sollt ihr nicht vergessen.

Bevor ihr trinkt, so wischt den Mund: diese höfische Sitte paßt jederzeit. Ihr sollt den Mund langsam in den Becher bringen. Einige blasen in den Trank, dafür hat man euch keinen Dank. Wenn euer Geselle trinken möchte, so eßt nicht, das gehört sich so. Folgende Sitte seht als eine Missetat an, nämlich wer im Munde Speise hat und wie ein Vieh dazu trinkt. Bei dem ich diese Unsitte sehe, dem rate ich das bei meiner Treu, daß er das fernerhin vermeidet. Ich denke, daß es sich auch nicht gehört, daß man den Knochen benagt hat und ihn wieder in die Schüssel tut; davor sei höfische Sitte bewahrt!

Wer reden und zugleich essen will das bedeutet im Schlaf viel sprechen; wer also beides gleichzeitig tun will, der kann selten gut ruhen. Wer Senf und gesalzene Brühe gern zu sich nimmt, soll die Unsitte lassen, die Finger hineinzustoßen. Man soll sich auch daran gewöhnen, daß niemand reiche das Salz mit bloßer Hand; seid eingedenk dieser höfischen Sitte! Wenn ihr Eier essen wollt, dann, ehe ihr sie aufschlagt und schält, sollt ihr vorher klugerweise das Brot mit dem Finger anspitzen, damit ihr es nicht ständig nachher mit dem Mund spitzen müßt. Greift auch nicht mit dem Finger in die Eier hinein, wie es oft geschieht, vermeidet solche Unart. Legt die Schalen wieder in die Schüssel.Laßt , meine lieben Gesellen, das Schnalzen mit der Zunge im Munde sein, das gehört sich nicht, wenn ihr vom Tische geht. Hier hat die Tischzucht ein Ende.

Gott behüte uns vor allem Unheil. Amen.