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Vielleicht wegen des egoistischen Triebs eines jeden Menschen, satt zu sein - was ich gegessen habe kann kein anderer mehr essen - müssen bereits Kinder ihre Selbstsucht zügeln und sich an die Tischgemeinschaft gewöhnen. Dabei lernen sie, sich in die Ordnung der Familie und später der Gesellschaft einzufügen, gewöhnen sich an den Geschmack von Speisen und an die Art, jene aufzunehmen. Die Tradition der "gemeinsamen Mahlzeit" ist in allen menschlichen Kulturen zu finden, ja macht menschliches Zusammenleben vielleicht gerade erst aus. Nur hier ist man bereit zu teilen, wird die gemeinschaftsstiftende Kraft betont und Zusammenhalt und gegenseitige Abhängigkeit ökonomischer und emotio- naler Art demonstriert.
Am selbstverständlichsten ist die Tischgemeinschaft dort zu finden, wo sie Arbeits- und Lebenseinheiten eint, etwa im Mittelalter das "große Haus": die Großfamilie als Wirtschaftsbetrieb. Und womöglich gerade durch die spätere - Trennung von Arbeit und Familie erhielt der Familientisch große Bedeutung und wurde zum "heiligen" Ort, zur Keimzelle der - Gesellschaft. Tischsitten und Sitzordnung spiegeln die Hierachie, im kleinen, ausgerichtet nach dem Wirtschaftsvorstand "Vater" am Kopfende des Tisches, wie im großen, an Festtafeln und Staatsbanketten.
Die Essenszeiten werden von der Arbeitswelt vorgegeben, und mit zunehmender Industrialisierung im 19. Jahrhundert und individueller Lebensgestaltung im 20. Jahrhundert lösen sich die festen "Mahl-Zeiten" allmählich auf.Verstärkt übernehmen funktionale Einrichtungen die Versorgung. Schon im 11. Jahrhundert wurde in Regensburg die erste Würstlbude eröffnet, gewissermaßen als Arbeiter-Zwischenmahlzeit, ohne feste Tischgemeinschaft. Kantinen, die in der Bundesrepublik von einem Drittel der Bevölkerung in Anspruch-genommen werden, machen inzwischen aus Arbeitskollegen Tischgenossen. Dies war in der DDR sicher beabsichtigt und sogar gesetzlich garantiert. Schülern, Arbeitnehmern und Rentnern wurde dort täglich eine warme Mahlzeit angeboten, was 80% der Bevölkerung auch nutzten. Mit zunehmender Integration der Frauen in die Arbeitswelt löst sich der Familientisch mehr und mehr auf und wird zu einer Wochenend- und Festtagssitte. Aber auch die frühe Loslösung von der Familie und die verstärkte Orientierung in altershomogenen Gruppen bringt neue und selbstgewählte Tischgemeinschaften hervor: Arbeitskollegen, Freunde und Lebenspartner sind die Speisegenossen der Moderne. An welchem Ort diese Tischgesellschaften sich treffen, ist von Zeit, Geld, Zweck und Alter abhängig. Insgesamt aber werden alle öffentlichen Einrichtungen - Restaurants, Gaststätten, Bistros, Imbisse, Stehcafes - die sich der Lebensstil-Vielfalt rasant anpassen, flexibel genutzt.
© Text: Charlotte Brinkmann
