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Hintergrundwissen

Andere Zeiten...

Bis ins 14. Jhd. war es auch in Europa üblich, ausschließlich mit der Hand zu essen. Hatte man für größere Brocken immer ein Messer dabei, so wurde allmählich der Gebrauch des Löffels üblich. Doch erst seit 400 Jahren ist die Gabel als Eßgerät in Benutzung, die bei den Griechen und Römern bereits als Küchenwerkzeug gebraucht wurde. Als sie im 16. Jhd. am französischen Hof eingeführt wurde, gab es folgende anonyme Spottschrift: "Sie führten das Fleisch mit Gabeln zum Munde, streckten dabei ihren Hals und ihren ganzen Körper zum Teller hin aus ... Danach gab es Artischocken, Spargel, Erbsen, Bohnen, und es war ein Vergnügen zu sehen, wie sie das mit den Gabeln aßen. Denn die es nicht ganz so gut konnten, ließen das meiste in die Schüssel fallen, auf die Teller oder unterwegs auf dem Weg zum Mund." Obwohl noch Ludwig XIV. es ablehnte, mit der Gabel zu essen, machte sie doch ihren Weg, von Süden nach Norden, gesellschaftlich von oben nach unten. Wie Goethe berichtet, mußte man aber noch im 19. Jahrhundert Messer und Gabel in französischen Gaststätten selbst mitbringen, und auch auf dem Land führte man sein Besteck ständig bei sich. Das im Gepäck der Kolonisatoren in die ganze Welt getragene Eßgerät wird heute überall dort benutzt, wo Oberklassendenken westliche Manieren verlangt. Und meist nur dann setzt man sich an einen hohen, gemeinsamen Tisch. Die Mehrheit der Welt sitzt zum Essen auf dem Boden. Bei den Ägyptern, Römern und Griechen kann man beobachten, wie aus Tabletts mit Füßen kleine Einzeltische wurden, bis schließlich ein gemeinsamer Eßtisch eingeführt wurde. Noch im mittelalterlichen Europa bekam man sein Mahl auf harten Brotscheiben serviert, die anschließend verzehrt oder für die Armen beiseite gelegt wurden. Noch saß man an Einzeltischen, bis sich mehr und mehr große Tische durchsetzten - oft in Form von gedeckten Platten, die auf Böcke gestellt und wieder abgetragen wurden. Damit wurde die Rangfrage wichtig: die Tafel wurde in oben und unten eingeteilt, das Salzfaß, in der Mitte markierte die Trennung. Zunehmend wichtiger wurde dann auch die Ausstattung.

  • Martin van Meytens (1695-1770) - Essen anläßlich der Hochzeit Josephs II mit der Prinzessin von Parma 1760
  • Drive-In Indiana
  • Anonym - Frankreich - 17. Jahrhundert nach A. Bosse - Fünf Sinne - Der Geschmack

Porzellan, das "weiße Gold", gab es in China seit 700 n. Chr. und gelangte über arabische Händler auch nach Europa. Um Reichtum und Macht zu zeigen, wurden von den europäischen Fürsten vom Mittelalter bis zum Barock ausladende Festessen öffentlich veranstaltet, wobei das darbende Volk das Publikum spielen mußte. Mit steigender Kritik an solchen Schauessen, die im Gegensatz zu - antiken und außereuropäischen Herrschafts- und Opferfesten die Geste des Teilens nicht vorsahen, zog sich der Adel ins Private zurück und veranstaltete erlesene Diners für seinesgleichen. Die Gastronomie in der heutigen Form - Eßlokale mit der Möglichkeit, genußvoll in Gesellschaft abwechslungsreiche Speisen zu sich zu nehmen - könnte man als bürgerliche Kopien dieser adligen Zusammenkünfte sehen. Erst im Gefolge der französischen Revolution nahm sich der selbstbewußte Bürger das Recht auf sinnliche Vergnügungen, dem arbeitslos gewordene Hofköche entgegenkamen. Nun konnte der zu Einfluß gekommene Stadtbewohner seinen Wohlstand demonstrativ in einem der überall eröffneten "Restaurants" zeigen. Der Namensgeber für diese Einrichtung war ein Suppenkoch namens Boulanger, der seine Bouillons als "göttliche Restaurants" anpries ("restaurant" heißt stärken, wiederherstellen). So verstand man eine ganze Weile unter "Restaurants" die echten Brühen, die zusammen mit anderen Speisen zu jeder Zeit am Tag serviert wurden. "Damen dürfen dort verkehren und sich Speisen zubereiten lassen," aber lange nur in Herrenbegleitung. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts übernahm man in Europa die russische Sitte, jeweils nur eine Speise (Suppe oder Fleisch) nacheinander in Gängen zu servieren. Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert bestand ein Menü in Frankreich, Italien und Deutschland ebenfalls aus verschiedenen Gängen (meist drei), aber es wurden pro Gang verschiedene Speisen gleichzeitig serviert und gemeinsam auf den Tisch gestellt. Jeder Gang bot eine große Auswahl, doch die Speisen wurden schnell kalt und der Appetit war schwer zu zügeln.

  • Arbeiter in einer Fabrikkantine um 1895
  • Die Fernsehfamilie 80er Jahre

Es wird serviert

Am ausladensten wurde natürlich an Kaiserhöfen gespeist. Am Kaiserhof von Mexiko wurden täglich 300 Gerichte allein für Montezuma II (16. Jhd.) gekocht, und König T'ang von China (18. Jhd.) beschäftigte 2271 Bedienstete in seiner Küche. Auch in Europa sparte man selten am gastronomischen Personal. König Richard II. beschäftigte in der Küche 1000 Köche und 300 Diener, um bis zu 10 000 Besucher des Hofes täglich bewirten zu lassen. Heute sind die Staatsbankette der demokratischen Staaten zwar bescheidener in ihrem Angebot an Speisen, doch an Aufwand - stehen sie der Herrschaftsküche kaum nach. Köche waren in der Antike, in China und Europa sehr geachtet - oft spottete man sogar über deren Selbstbewußtsein. Das traf nicht jene, welche die Speisen auftrugen. Im Mittelalter aßen die Bediensteten noch mit den Herrschaften, doch später wurden sie an den "Katzentisch" geschickt und bekamen nur noch die Reste. Nicht nur die Machtverhältnisse spiegeln sich im Eßverhalten, sondern auch die Geschlechterbeziehungen. Obwohl Frauen in Afrika und Asien zu 60-80% die tägliche Nahrung für die Familien beschaffen und auch zubereiten - sie sozusagen die "Hinterfüße des Elefanten" sind, wie die Thailänder sagen - werden sie am Tisch in der Regel nicht gleichberechtigt behandelt. Meist essen die männlichen Familienangehörigen zuerst und in Mangelzeiten die Fleischration, und von ihrem Wohlwollen ist abhängig, was für die Frauen übrig bleibt. Frauen sind weltweit die Köche des Alltags, doch wo es Geld und Prestige zu verdienen gibt, wird von Männern gekocht.