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"Ein schöner Körper muß nicht mehr unbedingt eine Täuschung sei: Er kann auch eine schöne Seele beherbergen. Das Schöne ist Gott nahe, gehört Gott an, strahlt von Gott aus. Das Häßliche dagegen wird nun als diabolisch empfunden." (Zitiert nach: Lessing, Sollers, 1994, S.231).
Die antiken Götter kehren in die Kunst zurück und dienen als allegorisches Personal für viele Szenerien der Schönheit und Sinneslust.
Besonders die Göttin Venus, die Gottheit der Liebe und Schönheit, gewinnt eine besondere Bedeutung. Sie wird zur eigentlichen Verkörperung der Frau, ist die verführerische, fruchtbare Schönheit selbst. Sie erscheint in unterschiedlicher Gestalt auf vielen Bildern. Die Künstler der beginnenden Renaissance nutzen den reichen Schatz sinnlicher Episoden, den Mythen, Heiligenlegenden und nicht zuletzt auch das alte Testament bieten, um erotische Bilder der Schönheit und Lebensfreude zu schaffen.
Nicht nur die Kunst wird freizügiger, sondern auch im alltäglichen Leben betont man die Schönheit. Sie ist nichts Verbotenes, Sündiges mehr. Antike Kleiderschnitte kommen wieder in Mode, die Frauen schmücken sich wieder üppiger und kunstvoller, pflegen Haut und Haar sorgfältig. Im Lauf der Zeit entwickelt sich ein neuer Schönheitskult. Die äußere Erscheinung wird immer wichtiger. Frisuren und Kleidung werden raffinierter. Die Wirklichkeit der Körper, das Natürliche wird überlagert, besiegt von künstlich geschaffener Schönheit. Schönheitspflege und Mode wird auch wieder zur männlichen Angelegenheit, ist nicht mehr allein der Frau vorbehalten. Schönheit wird zur bewußten Inszenierung, ein sehr artifizielles Schönheitsideal etabliert sich. Die Natur mit ihren Unregelmäßigkeiten wird ersetzt durch ein Kunstprodukt, das repräsentativen Zwecken dient. Alles Ursprüngliche sollte möglichst überdeckt werden.
Die Schmink- und Perückenkunst erreicht besonders in Frankreich, das zum modischen Vorbild wurde, neue Höhepunkte. Im 17.und 18.Jahrhundert wurden die kunstvoll gelockten Perücken und die weißgepuderten Gesichter zum Kennzeichen der oberen Schichten. Weiße Haut, mit Rouge gerötete Wangen, rote Lippen, geschwärzte Brauen und schwarze Schönheitspflästerchen, diese Farben bestimmten das schöne Gesicht. Wer sich gar nicht oder nur dezent schminkte, wurde als vulgär verachtet. "Der gute Ton will, daß Rouge sehr dick aufgetragen werde und die inneren Augenlider berühre", beobachtete der Graf von Vaublanc. (Zitiert nach: Sehensucht nach Vollkommenheit, (Hg.) Schwarzkopf GmbH, S.56)
Männer und Frauen machten sich so zurecht und auch die prächtigen, bunten Kleider wurden von beiden Geschlechtern getragen. Kinder wurden ebenso gekleidet und geschminkt wie die Erwachsenen. Haare und Perücken wurden mit Haarpuder gepflegt. Da man auf Wasser und Seife ja verzichtete, war das fettaufsaugende Puder die einzige Möglichkeit die Haare einigermaßen sauber zu halten. Wer keine Diener zur Puderpflege hatte ging zum Perückenmacher und ließ sich dort mit Puderquasten und anderen Instrumenten verschönern. "Am Sonntagmorgen wird der Andrang der Leute, die sich ihr Haar verkleistern lassen wollen, jeweils derart heftig, daß der Meister nach Verstärkung Ausschau halten muß,... und in jeder dieser Buden schneien an die 60 Pfund des feinsten Stärkemehls auf die Scheitel der rundum wohnenden Handwerker hernieder und wirbeln wolkenweise auf die Straße hinaus. Und die Quaste verwandelt die Gesichter ihrer Opfer in weiße Masken.", berichtet 1788 ein Reportage aus Paris. (Zitiert nach: Sehnsucht nach Vollkommenheit,(Hg.) Schwarzkopf GmbH, S.105)
Im Volk nahm die Kritik an der Putzsucht des Adel, besonders in Zeiten der Not, zu. Für den vom Adel reichhaltig benutzten Haarpuder wurde Weizenmehl verwendet; eine Verschwendung, die beim hungernden Volk mehrmals zu Unruhen führte. Erst die gesellschaftlichen Veränderungen nach der Französischen Revolution, sorgten in der Mode für mehr Einfachheit und Natürlichkeit und dämmten so den Puder-und Schminkeverbrauch ein. Kleider und Frisuren wurden schlichter und für eine Zeitlang auch bequemer. Die modernen, freiheitlichen Strömungen drückten sich auch in der Mode aus und verbreiten sich von Paris aus europaweit.
Im Lauf des 19.Jahrhunderts mußten sich Frauen wieder in unbequeme Kleider und Korsetts zwängen. Nicht nur die Politik, sondern auch die Mode unterlag restaurativen Tendenzen und orientierte sich an historischen Vorbildern. Der Gebrauch von Puder und Schminke ging aber weiterhin zurück, die Zeiten exzessiven Schminkens schienen für immer vorbei. Dekorative Kosmetik galt zunehmend als unhygienisch und später auch als unmoralisch. Männer schminkten sich sowieso nicht mehr, in den neuen bürgerlichen Zeiten war kein Raum mehr für männliche Verspieltheiten und Körperverschönerung. Die männlichen Haare wurden kurz und die Kleidung schlicht und ernsthaft. Erst seit einigen Jahren fangen Männer wieder an sich bewußt der Schönheitspflege ihrer Körper zu widmen. In Fitnessstudios werden männliche Körperformen aufgebaut, modische Herrenkleidung findet viele Abnehmer und auch in Kosmetikstudios und Parfümerien gehören Männer mitlerweile zur Kundschaft.
Das 20. Jahrhundert hat die Welt der Schönheit revolutioniert. Kosmetik und Mode wurden, in gewissen Grenzen, für alle zugänglich und finanzierbar, so daß Schönheitspflege kein Privileg der Reichen mehr ist. Frauen traten nach den Kriegen verstärkt ins Berufsleben ein, so daß Schönheitspflege und Kleidung eine ganze Zeitlang vor allem praktisch sein mussten. Mit wachsendem Wohlstand sind in Europa in den letzten Jahrzehnten aber auch zunehmend luxuriöse Bedürfnisse entstanden und der Wunsch sich zu verwöhnen und die eigene Attraktivität zu erhöhen, bescheren der Kosmetikindustrie gute Geschäfte. Auch im späten 20. Jahrhundert gibt es Schönheitsideale, denen viele nacheifern. Internationale Models geben die idealen Körperformen vor und die Werbung definiert, wie weibliche und männliche Schönheit auszusehen hat. Gleichzeitig etablieren sich aber auch immer mehr Subkulturen, mit eigenem Schönheitsverhalten, die sich bewußt von gesellschaftlichen Trends absetzten und eigene Maßstäbe setzen. Auch bleiben die Schönheitswerte nicht konstant, Modetrends lösen sich immer schneller ab, verschwinden, kehren wieder und existieren oft auch gleichzeitig und widersprüchlich nebeneinander.
© Text: Ulla Rehbein
