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Hintergrundwissen

Mittelalter

Im Lauf der nächsten Jahrhunderte, in der Zeit des Übergangs von der Antike ins christliche Mittelalter, veränderte sich mit der Gesellschaft auch die Mode. Die Kirche erlangte zunehmend kulturelle und geistige Vormachtsstellung in Europa. Zur christlichen Forderung nach Verhüllung des Körpers passten die antiken Gewänder nicht recht. Die Herstellung von Kleidern wurde immer mehr Aufgabe der Klöster, sie übernahmen das Erbe der antiken Tuchmacher und Schneider. Röcke, Beine und Ärmel an den Kleidern wurden länger, um möglichst überall die Haut zu bedecken, lange Untergewänder und Hemden wurden üblich. Germanische und antike Trachten vermischten sich. Zunehmend verbargen Frauen ihr Haar unter Tüchern und Schleiern, ein Brauch, der anfangs vor allem in der Kirche gefordert wurde, sich dann aber auch auf das Alltagsleben ausdehnte.

Gleichzeitig liebte der Adel kostbare Gewänder, Schmuck und andere Luxuswaren, trotz der Mahnungen der Kirche zur Mäßigung. Männer wie Frauen statteten sich mit teuren Stoffen und kostbarem Geschmeide aus, der Körperschmuck diente der Schönheit und signalisierte Erfolg. Die Fürsten verteilten als Zeichen der Anerkennung goldene Armreifen an verdiente Krieger, aber auch an Sänger und Dichter.

Die unteren Schichten konnten sich diesen Luxus nicht nur nicht leisten, es war ihnen sogar verboten, die gleichen Kleider und Farben zu tragen wie der Adel. Auch die Vertreter der Kirche waren von Luxusgelüsten und Eitelkeiten nicht frei. So prangert der Erzbischof von Reims in einer Predigt aus dem Jahr 972 an, dass auch Mönche:

  • Gesellschaft in festlichen Gewändern

"gern um hohen Preis gekaufte Röcke mit weiten Ärmeln und großen Falten" trugen und diese so fest um den Leib zusammenzogen, "daß die eingeschnürten Hüften den Hintern hervortreten lassen, und man sie von hinten eher für unzüchtige Weiber als für Mönche halten könnte....Was aber soll ich von ihren unanständigen Beinkleidern sagen? Ihre Hosen haben eine Weite von sechs Fuß und entziehen doch wegen der Feinheit des Gewebes nicht einmal die Schamteile den Blicken. Ein einziger ist nicht zufrieden mit einem Stück Zeug, welches für zwei vollkommen ausreichen würde."(Thiel, 1989, S.98)


Mit der zunehmenden Entfaltung von Städten, Universitäten und unter der zentralen Herrschaft des französischen Hofes, entwickelte sich eine weltlichere Mode, die sich von den keuschen christlichen Werten entfernte. Auch wenn die in Frankreich entstandene höfische Mode sich nicht überall durchsetzte, wurde Frankreich doch zur führenden Modemacht in Europa, ein Zustand der noch für viele Jahrhunderte Geltung behalten sollte.

Die Kleidung wurde elegant und sinnlich, die Körperformen wieder stärker betont und durch einen neuartigen Kleidungsschnitt hob man die schlanke Form der Taille hervor. Das Obergewand lag eng am Oberkörper und betonte Busen und Hüften. Der weite Rock mit Schleppe verstärkte die erotische Wirkung. Bänder, Knöpfe und Ösen hielten die Kleidung zusammen.

"Ihr wißt, wie Ameisen pflegen
Um die Mitte schmal zu sein,
Noch schlanker war das Mägdelein."
(Wolfram von Eschenbach)


Das Haar wurde weniger streng verborgen, auch wenn ab dem 13.Jahrhundert eigentlich nur noch unverheiratete Frauen ihr Haar offen tragen durften. Aber die modisch gewordenen Tücher, Schleier, Hauben und Hüte, die oft mit Pfauenfedern geschmückt waren, dienten oft nur pro forma als Hülle und waren eher Schmuck. Die Kleidung wurde immer enger und der Körper immer stärker entblößt, wobei man den Körper zum kunstvollen Objekt stilisierte und in schlanke und spitze Formen presste. Erst später in der Zeit der Renaissance wurde die Kleidung wieder den Formen des Körpers angepasst und das Ideal der natürlichen Körperschönheit gefeiert.

Die mittelalterliche Männerkleidung entwickelte sich ähnlich wie die der Frauen, auch hier betonte man die Formen des Körpers und sparte nicht mit kostbarem schmückenden Beiwerk. Männer verwandten in dieser Zeit kaum weniger Sorgfalt auf ihr Äußeres als die Frauen. Durch Kreuzzüge und blühenden Handel verfügte Europa über kostbare Stoffe, Farben und Schmuck. Handwerker spezialisierten sich auf das Schneiderhandwerk und andere Textilzweige, wie Spinnen, Weben und Färben. Sie schlossen sich in Zünften zusammen und setzten genaue Regeln für die Herstellung und den Verkauf ihrer Waren fest. Wer es sich leisten konnte, kaufte seine Kleidung dort und verzichtete auf hausgewebte und hausgeschneiderten Kleider.

Zunehmend wollten auch die Bürger in ihrer Kleidung nicht mehr hinter dem Adel zurückstehen. Kleiderordnungen, die den Bürgern das Tragen von Luxusgewändern verboten und die Privilegien des Adels sichern sollten, kamen auf. Sie sollten dem Schwinden der Standesunterschiede in der Kleidung entgegenwirken.

Nicht nur der Adel und der Klerus sorgten sich darum. In den Städten selbst bildeten sich neue Hierachien, neue soziale Schichten, die sich durch Kleidung voneinander absetzten sollten. Es sollte klar zwischen Arm und Reich unterschieden werden und die Berufsstände wollten sich als feste Gruppe deutlich nach außen abheben. Viele Moden wurden auch verboten, weil sie gegen das herrschende Sittlichkeitsempfinden verstießen oder als hoffärtig, also als über den Stand hinausstrebend, empfunden wurden.

Nicht nur die Oberbekleidung bekam viel Aufmerksamkeit in den Verbots- und Gebotslisten, sondern auch das Schuhwerk. So standen die mit Baumwolle ausgestopften Schnabelschuhe im Mittelpunkt vieler Kleiderordnungen, die die Länge der Schuhspitzen je nach Rang und Stand festzulegen versuchten. Eine Kleiderordnung schrieb folgende Maße vor: für Fürsten und Prinzen 2 ½ Fuß, für höhere Adlige 2 Fuß, für einfache Ritter 1 ½ Fuß, für reiche Leute 1 Fuß, für gewöhnliche Leute ½ Fuß (Thiel, 1989, S.129) Unsere Redensart "auf großem Fuß leben" ist auf diese mittelalterliche Schuhmode zurückzuführen.