zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.
Die nächsten Jahrhunderte leiteten das Ende der höfischen Mode ein. Die Zeit der bürgerlichen Mode begann. Der Adel musste viele seiner Privilegien aufgeben und die Führung dem Bürgertum überlassen. Während und nach der Französischen Revolution passte sich die Kleidung den Idealen und Bedürfnissen der republikanischen Gesellschaft an, die Begeisterung für die Revolution führte europaweit zu einer Verbreitung der neuen Mode. Die Revolutionäre lehnten sich bewusst an die einfache Kleidung der Bauern und Matrosen an. Ihre langen Hosen, die oft in den Farben der Revolution gehalten waren, wurden zum Kleidungssymbol einer ganzen Epoche. Man nannte ihre Träger Leute "ohne Kniehose", Sansculotten.
Männer und Frauen kleideten sich schlichter, verachteten den früheren Pomp und griffen auch mit langen, fließenden Gewändern die antiken Moden wieder auf. Die Schnitte waren einfach und das Material billig wie nie zuvor. Unter Napoleon kleidete man sich wieder aufwendiger, aber die Zeit des höfischen Prunks war ein für allemal vorbei.
Je stärker sich im Lauf des 19. Jahrhunderts restaurative Tendenzen durchsetzten, desto aufwendiger wurde wieder die Mode. Während die Männer mit Geldverdienen beschäftigt waren und ihrer Garderobe wenig Zeit widmen konnten - was außerdem zunehmend als unmännlich galt - stellten die Frauen den Besitz und Reichtum ihrer Männer aus. Am Hof entstand eine Art neues Rokoko mit aufwendigen Reifröcken, Krinolinen genannt, und kostbaren Hofkleidern. Seide und Taft wurden wieder zu begehrten Materialien. Die Bürgerinnen ahmten den höfischen Stil nach und schätzten exklusive Kleidung. Modemacher gaben den Ton an und die ersten Vorläufer der späteren Haute Couture erschienen. Im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen, die das 19. Jahrhundert mit sich brachte, gab es allerdings auch Kritik am neuen aufwendigen Modestil. Forderungen nach einer schlichteren, zweckmäßigeren Frauenkleidung wurden laut.
Eine frühe Feministin schlug schon 1851 in den USA die Hosentracht vor, eine Idee mit der sie jedoch viel Spott erntete.Erst im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt in Zusammenhang mit der Frauenarbeit während der beiden Weltkriege, konnte sich die Frauenhose durchsetzten.
Aber die Befürworter einer reformierten Frauenkleidung, die schlichter und bequemer sein sollte, als die häufig zur Ohnmacht führenden Mieder und Korsetts, gewannen an Einfluss. Häufig waren diese mit sozialreformerischen und emanzipatorischen Kreisen verbunden. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Industrialisierung nahmen Frauen vermehrt am öffentlichen Leben teil und begannen Berufe auszuüben.
"Die Reform der Frauentracht ist eine Mitbedingung und wahrlich nicht eine geringe bei der Befreiung der Frau; denn die Modesklavin ist für die Wiedergeburt der Menschheit unbrauchbar", schrieb ein Verfechter der Kleiderreform. (Thiel, 1989, S.361)
Auch die Sportbewegung, die sich von England aus in Europa verbreitete trug dazu bei, einfachere und praktischere Kleidung zu tragen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nach dem Ersten Weltkrieg etablierte sich die moderne Frau, die selbstbewusst ihre Rechte reklamierte und häufig ihren eigenen Lebensunterhalt verdiente. Die Umbruchzeit der Jahrhunderte hatte besonders in den Großstädten die traditionellen Rollenmuster erschüttert, die alten Konventionen galten als überholt. In der Vogue wurde die moderne Frau folgendermaßen charakterisiert:
"Schöne Berlinerin, du hast bekanntlich alle Vorzüge. Du bist tags berufstätig und abends tanzbereit. Du hast einen sportgestählten Körper und deine herrliche Haut kann die Schminke nur erleuchten." (Vollmer-Heitmann,1993, S.10)
Die Röcke und Haare wurden kürzer, die sportlichere Mode betonte die schlanken Körperformen. Elegante Kleider und enge Mäntel, die mit Zuchtpelzen und Stolas geschmückt wurden, prägten das Straßenbild. Modern sein galt als Lebensgefühl und war erstrebenswerter denn je.
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Modebegeisterung der 20er Jahre. Die Frauen mussten sparen und neue Kleider ließen sich höchstens aus alten erstellen. "Neu aus alt für groß und klein - spart Dir viele Punkte ein.", lautete eine deutsche Kriegszeitbroschüre mit Haushaltsratschlägen.
Erst nach dem Krieg entstand langsam wieder eine Modeindustrie mit neuen Modellen. Es dauerte, bis die Menschen sich wirtschaftlich wieder soweit erholt hatten, dass sie Geld für Kleidung und Schmuck ausgeben konnten. Vieles wurde in den 50ern und 60ern noch in Heimarbeit hergestellt. Filmstars wurden häufig zum Vorbild für die neuen Kleidungstrends, Illustrierte brachten Bilder von den Modellen in jeden Haushalt.
Eine neue Entwicklung war die Entstehung von Jugendkulturen mit eigener Kleidung, über die die Jugendlichen sich definierten. Bis in die 80er brachten diese unterschiedlichen Jugendkulturen, ob nun die Beat-Generation nach dem Krieg, die Hippies der 60er oder die Alternativen der 80er ihre jeweiligen Ideale noch recht ungebrochen zum Ausdruck. Wer sich als Teil einer Gruppe verstand, trug auch deren Kleidung. Die Signale, die man mit seinem Äußeren signalisierte, waren eindeutig.
Heute ist das anders. Es gibt kaum noch einheitliche Kleidungsstile, die eindeutige Botschaften transportieren. Die Modetrends sind enorm schnellebig geworden, Medien und Modeindustrie greifen jeden neuen Trend begierig auf. Die Mode liefert Stilelemente aus allen möglichen Zeiten und Kulturen. Alles scheint zu gehen. Die Zeichen, die Kleidung aussendet, sind eher spielerische Zitate. Ob sich über die gewählte Kleidung nun Persönlichkeit ausdrückt oder einem neuen Markttrend gefolgt wird, ist kaum zu unterscheiden. Andererseits standen dem Einzelnen noch nie soviele verschiedene Kleidungsstile zur Auswahl und sowenig Stilvorgaben im Weg. Wie jemand auf andere wirkt, das kann er heute selbst inszenieren.
© Text: Ulla Rehbein
