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Hintergrund: Versorgung

Staatliche Handelsorganisation (HO) und Konsumgenossenschaft

  • Fassade des Centrum-Warenhauses in Suhl (Quelle: Gerald Syring) In den 14 Bezirksstädten und in Ost-Berlin unterhielt die HO Centrum-Warenhäuser. Diese Kaufhäuser boten oft ein umfangreicheres Warenangebot und zogen Kunden auch von weiter her an
  • Schaufenster der HO-Verkaufsstelle „Chic“ in Eisenach (Quelle: Gerald Syring) Obwohl das HO Bekleidungsgeschäft mit dem Namen „Chic“ warb, stieß das Angebot selten auf Gegenliebe der Kundschaft

Der Großhandel war vollkommen verstaatlicht, der Einzelhandel zu großen Teilen verstaatlicht oder genossenschaftlich betrieben, nur wenige Geschäfte waren in privater Hand belassen. Vom Zentrum Warenhaus, das in jeder der 14 Bezirksstädte und in Ostberlin zu finden war, bis zum Getränkestützpunkt auf dem Lande, vom Hotel bis zur Bahnhofsgaststätte, vom Bekleidungsladen Jugendmode bis zum Autoersatzteilhandel war die HO die Eigentümerin. Kaufhallen für Lebensmittel wurden sowohl von der HO als auch von der Konsumgenossenschaft betrieben. Bäckereien und Metzgereien, da und dort kleine Gaststätten, der Laden für Malerbedarf und das Gardinengeschäft, sie konnten als private Unternehmungen geführt werden, allerdings an staatliche Preisvorgaben gebunden und im weitesten Sinne in das allumfassende Planungssystem integriert. In solchen Verkaufseinrichtungen galten für die Waren des täglichen Bedarfs niedrige stabile Preise.

Exquisit- und Delikatläden

Wer an Produkte und Waren höhere Ansprüche stellte, fand zuweilen den gewünschten Artikel im Exquisit- oder Delikatladen, ersterer für Kleidung, letzterer für Lebens- und Genussmittel. Hier konnte der Wunsch nach dem besonderen Schuh – zum Beispiel ein Modell aus Italien oder die Suche nach dem Kleid, dessen Schnitt eleganter war als die Massenware aus der volkseigenen Kleiderindustrie, zum Erfolg führen. Vorausgesetzt man war bereit und in der Lage, sehr viel Geld zu investieren. Gleiches galt für hochwertige Lebens-und Genussmittel. Die Salami aus Döbeln, die überwiegend in den Export ging und deshalb in der HO nicht zu finden war, konnte hier erstanden werden, genauso wie die Ananas in Dosen. Der Preis war hoch, für manche zu hoch. Der Staat als Eigentümer dieser Versorgungseinrichtungen schöpfte hier überhängende Kaufkraft ab. Mit diesem Trick konnte die Behauptung aufrecht erhalten werden, dass die Waren des täglichen Bedarfs vom Preis her stabil blieben. Luxus aber sei bekanntlich immer etwas teurer.

Intershop und Interhotel

Im sozialistischen Meer der Versorgungseinrichtungen gab es kapitalistische Inseln genannt Intershop. Der Zutritt zu diesen Läden, die in der Regel keine Schaufenster hatten und ihr Warenangebot zumeist hinter Milchglasscheiben versteckten, war jedermann gestattet. Kunde konnte aber nur sein, wer über westliche Devisen verfügte. Ursprünglich als günstige Einkaufsquelle für Besucher aus westlichen Ländern gedacht, entwickelte sich der Intershop zu einer flächendeckenden Einnahmequelle für dringend benötigte westliche Devisen. DDR-Bürger durften über westliche Devisen verfügen, mussten keine Rechenschaft darüber ablegen, wie sie an das Geld gekommen waren – Hauptsache es floss in die Staatskasse. Das Angebot der Intershops setzte sich überwiegend aus Westwaren und nur wenigen sehr hochwertigen DDR-Produkten zusammen. Genussmittel, Toilettenartikel, Kleidung, Unterhaltungselektronik – das Warenangebot glich einem westlichen Supermarkt, wenngleich nicht in der Fülle des Angebots. Interhotels waren vornehmlich Gästen aus dem Westen vorbehalten, die die hohen Übernachtungspreise in Devisen zu zahlen hatten. Für DDR-Bürger öffneten diese Hotels hin und wieder ihre Türen, der geminderte Zimmerpreis war in DDR-Währung zu begleichen.

HO – Lebensmittelgeschäft in Eisenach (Quelle: Gerald Syring)

Die staatliche Handelsorganisation (HO) unterhielt Einzelhandelsgeschäfte, Kaufhallen, Gaststätten und Hotels. Private Einzelhandelsgeschäfte waren die Ausnahme. Die Warenpreise waren staatlich festgesetzt, so dass Preisvergleiche unnötig waren

Allgegenwärtiger Mangel

  • Plakat der HO „Wir kaufen auf“ (Quelle: Gerald Syring) Um das immer zu knappe Angebot an Frischobst und Gemüse zu mildern, wurden Kleingärtner aufgefordert, überschüssige Erträge an die HO zu verkaufen. Die Aufkaufpreise waren höher als der Verkaufspreis. Subventionen aus dem Staatshaushalt machten es möglich
  • Großer Drahtkorb mit Brötchen in einer HO-Kaufhalle in Wernigerode (Quelle: Gerald Syring) Grundnahrungsmittel waren sehr billig. Das Brötchen kostete von Anfang bis Ende der DDR 5 Pfennige. Die Kehrseite war, dass subventionierte Nahrungsmittel auch als Futtermittel verwendet wurden

Der Volksmund in der DDR fand heraus, dass die DDR ein Bergstaat sei: Ein Engpass reihe sich an den nächsten. In der Tat war der Alltag in der DDR durch Versorgungsprobleme gekennzeichnet. Es traf zu auf heimische Produkte und besonders auf Importwaren. Es betraf Lebensmittel ebenso wie Möbel, Kleidung ebenso wie Fahrzeuge, Urlaubsplätze ebenso wie Unterhaltungselektronik. Nein, hungern musste niemand, frieren auch nicht, Kartoffeln und Brot gab es immer, Sommer- und Winterschuhe waren auch zu haben. Aber wer den besonderen Pfiff suchte, die Stiefel mit dem hohen Absatz, die modische Bluse, den erlesenen Ledersessel, das besondere Stück Fleisch oder den frischen Fisch, die saftige Südfrucht oder den ausländischen Cognac, der konnte bei der vergeblichen Suche leicht verzweifeln. Es waren oft die tausend kleinen Dinge, derer man nicht habhaft werden konnte: der kleine Stahlnagel, die besondere Schraube, das Messingscharnier, der Druckspüler für die Toilette und so weiter und so fort. Sehr viel Zeit musste aufgewendet werden, um solchem Mangel abzuhelfen.

Bückware

Wo Mangel im Warenangebot herrscht, bilden sich Beschaffungsstrategien aus. Im Metzgerladen das rare Schweinefilet, im Malerladen die knappe Raufasertapete, im Pkw-Ersatz-teilhandel die Auspuffanlage für den Trabi – sie liegen unter der Verkaufstheke. Um sie zu verkaufen, muss sich das Verkaufspersonal bücken. Die Fachverkäuferin in der Metzgerei braucht dringend einige Rollen Raufasertapete. Der Angestellte im Malergeschäft sucht für das Familienfest ein festliches Stück Fleisch. Beide Verkäufer haben sich gegenseitig versichert, an einander zu denken, wenn die Mangelware eingetroffen sein wird. Auch der Verkäufer der selten zu findenden Auspuffanlage kann sich unschwer in dieses Beziehungs-geflecht einbringen. Das Nachsehen hatten die vielen, die beim Verwalten des Mangels nichts wirklich Gesuchtes anzubieten hatten.

Mangel erzeugt soziale Nähe

Erstaunlicherweise erzeugte der Mangel nicht in erster Linie Egoismus, allenfalls Gruppenegoismus. Stieß man beim Einkaufsbummel unerwartet auf ein Angebot länger vermisster Waren, griff man zu, gleich ob für den Eigenbedarf oder zur Hortung oder zur Versorgung jener Nachbarn, Freunde und Bekannten, die nicht zur gleichen Zeit vor Ort sein konnten. Dieses Mitdenken beruhte auf Gegenseitigkeit. Es machte die oft frustrierend verlaufende Jagd nach der Mangelware etwas erträglicher. Statt von einer Ellbogengesellschaft konnte in der DDR von einer Gesellschaft des sich unter die Arme Greifens, des sich gegenseitig Helfens gesprochen werden. Grundsätze für den Gang in die Stadt waren: immer genug Geld bei sich haben und genügend Transportmittel in Form von Netzen oder Stoffbeuteln, die schnell den Namen Hoffnungsbeutel trugen. Mit der Wende sind Mangelverwaltung und Bückwarengeschäfte verschwunden, nun zählt nur noch, ob genügend Geld vorrätig ist, um sich die materiellen Wünsche erfüllen zu können. Die einst erfahrene soziale Nähe ist verschwunden oder sehr viel rarer geworden.

Eingang eines Delikat-Ladens in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt). (Quelle: Gerald Syring)

Delikat-Läden warteten mit Lebens- und Genussmitteln auf, die nur hier zu finden waren. Neben hochwertigen Produkten aus DDR-eigener Produktion und Importen aus befreundeten Ländern waren auch Westprodukte zu erhalten – allerdings zu überhöhten Preisen

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DDR - Kommunalpolitik 2

Eine Bürgerin benennt Probleme bei der Versorgung, die vom Bürgermeister bestätigt werden. Am Beispiel einer LPG für Frisch- und Treibgemüse wird über Planwirtschaft informiert. Der LPG-Vorsitzende stellt sich einem Interview. An den Handel gegebene Ernteüberschüsse aus privaten Kleingärten sollen die Versorgungsprobleme mindern. (06:13)