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Hintergrund: Interview mit der Produzentin

"Die haben ganz Lübbenau aufgerollt"

Brandenburg ist für Migranten eine Gegend, die sie lieber meiden. Berichte über Rechtsextremismus laden Migranten nicht in den Spreewald ein. Die Brandenburger hingegen fühlen sich dort ganz wohl – und kämen nicht auf die Idee, in ein türkisches Viertel wie Berlin-Neukölln zu ziehen. "Warum eigentlich nicht?" fragte sich Elle Langer und drehte zusammen mit ihrer Kollegin Heike Raab den Dokumentarfilm "7 Tage -. Wir tauschen unser Leben", in dem eine türkische und eine deutsche Familie eine Woche lang ihr Leben austauschen. Produzentin und Regisseurin Elle Langer im Interview über dieses Filmexperiment der unterschiedlichen Lebenskulturen.

  • Porträtaufnahme von Elle Langer. Produzentin und Regisseurin Elle Langer; Rechte: pimento

Wie kamen Sie auf die Idee für diesen Film?

Beim Rundfunk Berlin Brandenburg war der Wunsch entstanden, ein Projekt zu machen, in dem Menschen miteinander ausgetauscht und dadurch mit außergewöhnlichen Situationen konfrontiert würden. Wir kamen dann auf die Idee Migranten mit Deutschen auszutauschen, die sonst kaum Kontakt zu Migranten haben. Und Brandenburg bot sich da sehr schnell an, denn wenn man bei Google "Brandenburg" und "Ausländer" eingibt, dann kommt sofort das Stichwort "Ausländerfeindlichkeit". Und da war uns klar: "Das ist genau der Punkt, den wollen wir gerne testen!"

Wie haben Sie das gemacht?

Wir wollten extreme, aber authentische Situationen schaffen, daher war ein Hauptkriterium, dass die beiden Familien mit der jeweils anderen Kultur noch nie etwas zu tun hatten. Also die Türken in Berlin, die fahren in der Regel nicht in den Spreewald, weil die einfach Angst vor Rechtextremismus haben – den es dort auch tatsächlich gibt. Und die Brandenburger werden einen Teufel tun und nach Berlin in die typischen Türkenviertel fahren. Dafür gibt es gar keinen Anlass. Wir haben nach Extremen gesucht, die zwei komplett gegensätzliche Lebenswelten darstellen und die haben wir aufeinander los gelassen.

  • Ein Kamerateam steht an einem Fluss, auf dem ein Floß mit zwei Frauen schwimmt. Spannende Dreharbeiten: Auf die Altioks wartet eine für sie völlig neue Welt; Rechte: pimento

Ist das nicht riskant?

Mir war klar, dass es schwierig werden würde. Das hat sich schon bei der Auswahl der Familien gezeigt. Wir haben mit sehr vielen türkischen Familien über das Projekt gesprochen und alle sagten: "Vergesst es, das hat keine Chance. Kein Türke geht nach Brandenburg." Es war wahnsinnig schwierig, Leute zu finden.

Wie verlief denn das Casting?

Wir haben im Spreewald mehr als 200 Menschen angesprochen und gefragt, ob sie Lust hätten, für eine Woche in die türkische Welt Berlins einzutauchen und in Berlin war es ganz ähnlich. Nach zwei Monaten hatten wir immer noch niemanden gefunden und da stand das Projekt extrem auf der Kippe. Ich befürchtete, dass wir nicht die richtigen Leute finden würden, um glaubwürdig und gut rüber zu kommen. Wir wollten ja nichts inszenieren. Letztlich waren dann aber doch vier, fünf Familien daran interessiert, mitzumachen.

Das sind nicht besonders viele…

Da war natürlich viel Skepsis: "Wie soll das denn gehen, eine Woche lang nicht Haus und Hof zu hüten und auch den Arbeitsplatz zu verlassen?" Und mir sind auch tatsächlich ausländerfeindliche Sprüche entgegengekommen: "Wenn es sich um Türken handelt, mache ich nicht mit!"

  • Ein brünettes Mädchen im Vordergrund und ein blondes im Hintergrund. Şeyda war anfangs skeptisch; Rechte: pimento

Wie war das bei den beiden Familien, die dann im Film auftauchen, den Schwerdtners und den Altioks?

Bedenken gab es auch bei denen von Anfang an, ganz klar. Damit haben wir aber auch gerechnet. Teil des Auswahlprozesses war daher, dass wir mindestens zwei, drei Mal mit den Familien intensiv sprechen. Das Besondere an diesem Film ist ja, dass das ganze Umfeld mit integriert wurde. Wir brauchten also nicht nur die Familien selbst, sondern auch Verwandte, Freunde und Kollegen, die mitmachten. Denn wir wollten den Alltag so authentisch wie möglich darstellen. Wir waren dabei immer offen für deren Skepsis und deren Bedenken. So wurden zum Beispiel bestimmte Sachen, die einzelne Teilnehmer nicht wollten, im Vorfeld abgesprochen. Am Ende waren aber beide Familien ganz offen und waren auch zu allem bereit.

Auch Şeyda, Selçuk und Romy, die Kinder der Familien?

Şeyda, die Tochter der türkischen Familie, hatte große Skepsis, die wollte erst nicht mitmachen. Aber ihr Bruder Selçuk war sofort begeistert. Die beiden sind zwei völlig unterschiedliche Typen: Şeyda geht sehr mit dem Kopf an alles ran und Selçuk sehr mit dem Bauch. Und Romy, die Tochter der Schwerdtners, ist einfach mitgegangen. Das war sehr sympathisch, weil die so eine Einstellung hatte: "Ok, ich hab‘ keine Ahnung auf was ich mich da einlasse, aber ich geh` da einfach mal mit."

Wie war das bei den engen Freunden von Şeyda, Selçuk oder Romy?

Interessant war Tom, ein enger Freund von Romy. Der hat uns anfangs abgesagt. Wegen seiner negativen Erfahrungen mit Türken in Berlin wollte er erst nicht. Und ich sagte nur: "Wir brauchen dich aber, das wäre eine ganz tolle Geschichte, wenn du auf Selçuk und Şeyda triffst." Als es mir gelungen war, ihn ins Projekt zu holen, da war ich wahnsinnig froh. Und das hab ich ihm auch am Ende nochmal gesagt, das war wirklich ein Gewinn für den Film.

  • Vier Schüler stehen auf einem Schulhof. Die neuen Mitschüler haben viele Fragen an Şeyda und Selçuk; Rechte: pimento

Haben Sie Lieblingsszenen?

Es gibt diese Szene auf dem Schulhof, in der die Jugendlichen miteinander ins Gespräch kommen. Mir hat auch sehr gefallen, wie sich Tom plötzlich öffnet und anfängt über seine Erfahrungen zu sprechen, die er mit Ausländern gemacht hat. Und dann reagiert Selçuk darauf und sagt, wie froh er ist, dass sie über diese unangenehmen Erfahrungen sprechen können. Denn Selçuk wollte nicht, dass Tom generell schlecht über Türken denkt, das war ihm ganz wichtig. Das kam ganz spontan, die Szene finde ich sehr gelungen.

Eine tolle Szene finde ich aber auch den Frauenstammtisch. Als der Vorwurf kommt: "Ihr seid so lange in Deutschland, aber noch gar nicht richtig integriert!" Die Dame aus dem Spreewald war auch dabei sehr mutig, genau die Vorbehalte, die ja viele Deutsche haben, direkt anzusprechen – vor laufender Kamera, das fand ich großartig. Dieser Vorwurf hat auch lange die Runde innerhalb der türkischen Familie gemacht, weil alle ganz erstaunt waren, dass sie nach so vielen Jahren in Deutschland noch mit so einer Frage konfrontiert werden. Für die Spreewälder Frau war das gar nicht verwunderlich: "Was soll ich denn denken? Ich kenne ja keine Türken. Deswegen denke ich halt so." Das sind wirkliche Schlüsselszenen für mich in diesem Film.

Glauben Sie, der Film kann zu einem besseren Verständnis von Migranten und Deutschen führen?

Zumindest für die teilnehmenden Familien hat er das schon. Nejla, die türkische Mutter, fing am zweiten Drehtag plötzlich an zu weinen. Wir waren alle ganz überrascht: "Warum weint die jetzt? Ist irgendwas Schlimmes passiert?" Und sie sagte nur: "Nein, nein, ich habe gerade nur das erste Mal seit über 20 Jahren wieder eine Katze gestreichelt." Die Erfahrungen in Lübbenau hatten sie an das Leben in der Türkei erinnert. Nejla war oft ganz aufgelöst und am Weinen, fühlte sich aber sofort auch zu Hause und hatte Spaß mit den Leuten und sie ist auch voll in ihrem Job in der Pension aufgegangen. Sie hat zum Beispiel das Trachtenkostüm von Iris angezogen, ganz spontan, das wollte sie unbedingt. Die beiden Familien sind immer noch miteinander befreundet, die feiern zusammen Silvester, die feiern zusammen irgendwelche Geburtstage – seit den Dreharbeiten sind die eigentlich unzertrennlich.

Nur die Eltern oder auch die Kinder?

Bei Romy, Şeyda und Selçuk ist das nicht der Fall. Romy ist nach Shanghai gegangen und macht dort eine Ausbildung bei ihrem Onkel. Selçuk und Şeyda gehen noch zur Schule. Da ist also im Moment kein Kontakt. Tom und Selçuk haben aber zum Beispiel eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut, sie telefonieren und chatten miteinander.

Wie erklären Sie sich den Wandel, gerade bei Tom?

Ganz klar durch den direkten Austausch. Die vielen Gespräche, die waren das A und O. Nur so erkannten zum Beispiel viele Spreewälder: "Hey, die sprechen ja Deutsch!" Es ist doch so: Nur durch das direkte Gespräch kann ich wissen, was zum Beispiel ein Türke über ein bestimmtes Themen denkt. Ich öffne mich ja ein Stück weit in einem persönlichen Gespräch, setze mich dann automatisch auch mit der anderen Kultur auseinander. Nur durch persönlichen Kontakt kann man seine Meinung ändern.

Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang Ihres Tausch-Experiments?

Absolut. Dass das so endet hätte ich nicht gedacht. Wir hatten am Ende auch alle Gänsehaut weil wir dachten: "Was haben wir da angestiftet, dass die Familien sich hier in der Tat anfreunden? Ist das auch alles echt?" Das hätten wir nie im Leben gedacht.

Über die Produktionsbedingungen

Das Produktionsteam war multikulturell zusammengesetzt. Warum?

Wir wollten nicht die deutsche Brille aufhaben bei diesem Thema. Wir wollten türkische Kollegen haben, die uns sagen: "Und so ist die türkische Realität!" Durch sie haben wir auch Kontakte in die türkische Community in Berlin bekommen. Wir dachten auch, mit einem türkischen Kollegen wäre es einfacher, falls jemand der Türken schlecht Deutsch sprechen würde. Im Endeffekt haben wir das aber gar nicht gebraucht. Alle konnten hervorragend Deutsch.

  • Zwei Frauen mit Kamera und Tonangel stehen vor einem Auto. Kamera läuft: offene Dreharbeiten ohne Drehbuch; Rechte: pimento

Wie verliefen dann die Dreharbeiten?

Wir haben mit allen Beteiligten vorher gesprochen, wir haben Interviews geführt und wussten welche Meinung jeder hat – auch die Kollegen und die Familienmitglieder. Wir wussten also grob, wie die drauf sind und was deren Thema sein könnte, aber ganz viel hat sich von selbst entwickelt. Also diese Gespräche zum Beispiel am Frauenstammtisch oder auf dem Schulhof, die Freundschaft zu Tom, es hat sich alles von alleine entwickelt.

Wir haben auch allen Leuten von Anfang an gesagt, dass sie jeder Zeit aussteigen können. Das heißt, wenn einer der Teilnehmer entschieden hätte: "Ich halte es hier nicht aus, das ist überhaupt nicht meine Welt" – das hätte ja durchaus passieren können, dann wäre das Teil des Films gewesen. Und wir hätten das dann dokumentiert. Unser Ziel war absolute Offenheit. Es gab kein Drehbuch, es gab nur den Alltag der Leute, der anhand von Tagesabläufen recherchiert wurde. Der Rest kam spontan.

Wie haben Sie persönlich das Tauschprojekt erlebt?

Ich habe viele Jahre in Berlin Kreuzberg gelebt und ich war während der Recherchen ganz erstaunt darüber, wie viel ich selbst noch neu entdeckt habe. Die Arbeit war angenehm. Wir mussten eigentlich nur die Kamera anschalten, es passierte so viel spontan und von ganz alleine. Wir sind auch gar nicht so als Kamerateam wahrgenommen worden, sondern eher als Kumpel, Freunde, die dieses Projekt durchführen.