zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Inhalt der Sendung

Der 4. Stand - die Industriearbeiter

Das 19. Jh. ist das Jahrhundert einer neuen Klasse. Die Geburtsstunde der Industriearbeiter, des 4. Standes. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die industriellen Zentren, suchten Arbeit und fanden nur Armut und Elend. Die Kirche fühlte sich durch die gesellschaftliche Umwälzung bedroht und schloss sich enger an die Macht. Konnte sie so Antworten auf die soziale Frage finden? Ist das Kreuz für die Arbeiter Trost oder Last?

Im 19 Jh. kam es zur immer stärkeren Konfrontation zwischen überkommenem Glauben und materialistischer Weltsicht. Der rasante Fortschritt schien das alte Gottesbild mit Volldampf zu überrollen.

  • Arbeiterfamilie mit vielen Kindern

1785 meldete der Schotte James Watt (1736-1819) das Patent Nummer 1306 an: Die universale Kraftmaschine. Diese Erfindung, die Dampfmaschine, hat den Rhythmus einer neuen Zeit bestimmt. Sie hat den Fortschritt gebracht, die Steigerung der Produktion, die Mobilität. Sie hat aber auch die Ordnung zerstört, den überkommenen Glauben in Frage gestellt.

  • Großaufnahme einer Dampfmaschine
  • Großaufnahme einer Dampfmaschine

Die Zeit um den Wiener Kongress (1814/15)

Der Kongress tanzte. So galant soll der Adel nach Napoléons Niederlage beim Wiener Kongress die Neuordnung Europas und die Versöhnung mit der Kirche betrieben haben. Der Adel brauchte die Kirche, denn sie legitimierte die Herrscher von Gottes Gnaden. Eine Allianz aus Zepter und Kreuz. Die Völker Europas hatten im Kampf gegen Napoléon zunehmend ihren Nationalismus ausgeprägt, mit denen sich die Kirche verbunden hatten.

  • Mit Edelsteinen verziertes Kreuz
  • Aufgeschlagene Bibel
  • Spielszene aus "Menschen und Maschinen"

Das 19. Jh. begann für die katholische Kirche mit einem Desaster. Klöster und Kirchengüter wurden in Deutschland verstaatlicht (Säkularisierung). Napoléon bot den deutschen Fürsten kirchliche Ländereien als Ersatz für französische Eroberungen. 10000 qkm Land mit 3 Mio. Menschen wurden den Fürsten geschenkt. Die Besitztümer wurden teilweise geplündert. Kelche und Monstranzen wurden eingeschmolzen und zu Münzen geschlagen. Wertvolle Handschriften wurden geraubt, versteigert oder gingen in Staatsbesitz über.

Demütigung des Papstes

Napoleon setzt sich selbst die Kaiserkrone auf.

Wehrlos musste der Papst zusehen, wie sich Napoléon am 2. Dezember 1804 selbst den goldenen Lorbeerkranz aufsetzte. Die Kirche brauchte er dazu nicht mehr. Napoléon diktierte, der Papst musste zuhören.

Karte

Die Staaten Europas zur Zeit des Wiener Kongresses

Die Dampfkraft brachte die industrielle Revolution auf den Weg. Sie sorgte für verbesserte Mobilität (1830 erste Eisenbahnstrecke in England) und für effektive Mechanisierung der Arbeit. Der Schritt von der Agrar- zur Industriegesellschaft schien zunächst Vielen zu nützen. Die Massenarmut in Europa ging zurück. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg sogar kurzfristig. In den Industriezentren wich der anfangs euphorische Fortschrittsglaube jedoch bald einer bitteren Ernüchterung.

Die Abwanderung in die Industriestädte und die Bevölkerungsexplosion erzeugten eine Welle der Verelendung. Besonders verheerend waren die Zustände in den Bergwerken. Die Arbeitsbedingungen wurden immer härter, an Sicherheitsvorkehrungen wurde gespart. Die Arbeitszeit betrug 16 Stnden und mehr. Oft mussten Kinder schwere Kohlewagen durch die Transportschächte ziehen, die manchmal nur 50cm hoch waren. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Arbeiters im englischen Leeds lag bei 19 Jahren.

  • Dampfmaschine in Großaufnahme
  • Kinder schieben eine Lore durch ein Bergwerk.
  • Silhouette einer Arbeitersiedlung
  • Obdachloser sammelt Müll
  • Stadtsilhouette

In den Großstädten wucherten Slums wie Krebsgeschwüre. Ringsum veränderte die Industrie die Landschaft. Arbeitslose, Obdachlose und Bettler prägten das trostlose Bild der Straßen. Die Menschen waren haltlos, verzweifelt. Was hatte die Kirche ihnen zu bieten?

Inhalt: Menschen und Maschinen

Die Romantik träumt sich in ein legendäres Mittelalter zurück. Die katholische Kirche mit ihren Bräuchen und sinnenfrohen Inszenierungen kommt wieder in Mode, zumindest bei Künstlern und Literaten. Sie trauert jedoch den verlorenen Privilegien nach und sieht im Streben der Völker nach Demokratie und nationaler Unabhängigkeit gefährliche Entwicklungen. Darwins Entdeckung der Evolution ist für viele Christen ein Schock. Der Mensch, das "Ebenbild Gottes", in gemeinsamer Ahnenreihe mit Einzellern und Schimpansen? Das ist schwer zu verkraften. Wissenschaft und Glaube erscheinen als unversöhnliche Gegensätze. Der Atheismus, früher eine gefährliche Verrücktheit am Rande - wird jetzt zur selbstverständlich lebbaren Alternative.

Säkulare Regierungen versuchen, die Kirche aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. In Preußen kommt es zu einem Kulturkampf, aus dem die katholische Kirche jedoch mit neuer Geschlossenheit und gewachsenem Ansehen hervorgeht. Das unabhängige Italien beseitigt den Kirchenstaat. Schmollend vergräbt sich der Papst hinter die Mauern des Vatikans. Die wirklichen Probleme der Zeit liegen woanders. Die Dampfmaschine löst eine industrielle Revolution aus. In den explosiv wachsenden Städte sammeln sich entwurzelte Menschen. Ihre Suche nach Lebenssinn bleibt lange ohne Antwort. Die Kirchen sind blind für das Elend der Arbeiterschaft. Marxismus und Sozialdemokratie bieten ideologischen Ersatz. Einzelne Christen übernehmen jedoch Verantwortung. Heinrich Wichern, Adolf Kolping oder Bischof Ketteler in Mainz kämpfen gegen die Not und für die Rechte der Arbeiter. Erst die Sozialenzyklika Leos XIII. versucht einen großen Entwurf für die Neuordnung der Gesellschaft. Die europäischen Kolonialmächte gebärden sich als Heilsbringer der Welt und versuchen, sich gegenseitig zu verdrängen. Am Horizont steigen düstere Wolken auf.

  • Rauchende SchloteDie neuen Kathedralen des Fortschritts waren die Fabriken, deren Schlote in den Himmel ragten.
  • FreiheitsstatueAuf der Suche nach einem neuen Paradies wanderten Hunderttausende aus. Die Reise über das große Meer nach Amerika versprach Freiheit, Entfaltung und eine neue Chance. Das Heer der Armen schiffte sich ein, um dem Hunger und der Verelendung zu entgehen.

Die Lethargie der Kirchen erweckte bei vielen Christen die eigene Initiative. Nächstenliebe, das Zentrum christlicher Verkündigung, wurde von den vielen Gemeinschaften praktiziert die jetzt neu gegründet wurden. Oft von mutigen Frauen.

In Europa nahmen sich vereinzelt Intellektuelle des brennenden Problems an. Bettina von Arnim schrieb aus Berlin den ersten Sozialreport.

  • Tintenfass
  • junge Frau

Haltung der Kirche zur sozialen Armut

Den Kirchen dieser Zeit fehlte die große Vision gegen soziales Elend, ebenso wie den Regierungen. Keine Stellungnahme, kein Programm, kein Eingreifen. Armut wurde noch nicht als Problem gesellschaftlicher Strukturen erkannt, sondern eher als schuldhaftes Versagen des Einzelnen begriffen. Das Ideal des besitzlosen Jesus wurde nicht selten missbraucht, um die Armen in ihrem Elend ruhig zu stellen.

In Köln gründete Adolf Kolping (1813-1865) seinen Gesellenverein. Nicht weit davon entfernt, in Kaiserswerth, entstand unter Theodor Fliedner (1800-1864) die Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen. Ein besonderes soziales Problem: Zu Tausenden zogen Jugendliche, Kinder noch, ohne Bleibe und Arbeit durch die Stadt. Für sie wurde das "Rauhe Haus", das der Lehrer und evangelische Theologe Johann Hinrichs Wichern (1808-1881) 1833 einrichtete, eine Zufluchtsstätte. Wichern professionalisierte die Sozialarbeit und setzte Impule für eine soziale Gesetzgebung.

  • Porträt Adolf Kolping

    Adolf Kolping (1813-1865)

  • Porträt Theodor Fliedner

    Theodor Fliedner (1800-1864)

  • Porträt Johann Hinrichs Wichern

    Johann Hinrichs Wichern (1808-1881)

Bei den Methodisten

Großfamile im Porträt. Aufschrift Tafel: "Immer fröhlich!"

Große Anziehungskraft entwickelte die christliche Verkündigung in den freikirchlichen Gemeinden: Bei den Methodisten.

Christliche Begeisterung, wie sie schon die Apostel und die Urchristen erfüllt haben mag und wie sie auch die Vertreter der neugegründeten Missionsgesellschaften bewegte. Voller Idealismus machten sich hunderte von Missionaren auf, um in aller Welt das Christentum zu verbreiten. Oft im Gefolge von Soldaten und Geschäftemachern, die die Kolonisation ganzer Länder vorantrieben und argwöhnisch das Treiben der Missionare beobachteten. Denn deren Bemühung, Sprache und Kultur der fremden Welten tiefer zu verstehen, brachte sie den Einheimischen oft näher, als es den Mächtigen lieb war.

  • Zwei Missionare taufen ein afrikanisches Kind.
  • Weiße Nonne mit vielen afrikanischen Kindern.
  • Weiße Nonne unterrichtet afrikanische Kinder.

Widerstand, aus dem Elend geboren, formierte sich. Es kam zu lokalen Aufständen. Im schlesischen Peterswaldau waren es Weber, die in die Vorratskammer des Fabrikanten eindrangen. Die staatliche Obrigkeit demonstrierte erbarmungslose Härte. Die Kirche Preußens erhob sich nicht gegen das brutale Vorgehen des Staates.

Das Jahr 1848. Überall in Europa türmten revoltierende Gruppen Barikaden auf den Straßen auf. 1848 war auch die Geburtsstunde der sozialdemokratischen Partei. Oft waren Hungeraufstände die Auslöser, doch getragen wurde die Revolution vor allem vom Bürgerstand, der nach wirtschaftlicher Freiheit und Mitsprache verlangte. 27. Dezember 1848. Verkündung der Grundrechte in der Frankfurter Paulskirche: Artikel 5 §144: Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Artikel 5 §147: Keine Religionsgesellschaft genießt vor anderen Vorrechte durch den Staat. Es besteht ferner hin keine Staatskirche.

  • Spielszene aus "Menschen und Maschinen"
  • Zeichnung Deutscher Freiheitskämpfer
  • Frankfurter Paulskirche
  • Marschierende Soldaten (Spielszene)

Allen hoffnungsvollen Anfangserfolgen zum Trotz: Die europäische Revolution von 1848 endete im Fiasko. Chaos stärkte den Ruf nach Ordnung, schürte die Angst vor revolutionärer Anarchie. Das Militär machte den Traum von Einheit und Freiheit schließlich zunichte. Soziale Reformen blieben auf der Strecke.

Ein neuer Gott:

Gemälde: Adelige in einem prachtvollen Palast

Die Geschichte dieser Welt bestimmte längst ein neuer Gott: Das Geld. Seine Priester: Die Bankiers.

Das Zeitalter der Maschinen

Es produzierte am Fließband immer neue Nachrichten von wissenschaftlichen Errungenschaften. Tabus fielen. Auch die Bibel war längst schon Objekt wissenschaftlicher Neugier. Das Leben Jesu wurde historisch durchleuchtet und als eine von Mythen durchdrungene Geschichte abgelegt. Zeitungen posaunten den Fortschritt in alle Welt hinaus.

Längst hatten die christlichen Kirchen viele Menschen an die Verheißung der neuen Zeit verloren. Die Bahnhöfe waren jetzt die neuen Kathedralen. In ihnen wurde der Zeit und dem Geld gedient.

Der Vatikan hat sich der sozialen Frage völlig verschlossen. Der Kirchenstaat untersage sogar den Bau von Eisenbahnen und die Einführung der Gaslaterne, munkelte man. Moderne Wissenschaft wurde hier immer noch als Kampfansage gewertet. 1869 begann das 1. Vatikanische Konzil (Pius IX. 1846-1878). Am 18. Juli 1870 wurde das Dogma der "päpstlichen Unfehlbarkeit" angenommen.

  • Neogotische Kathedrale
  • Bahnhof
  • Kardinal mit Bibel
  • Petersdom

Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler

Im Jahre 1869 war Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler, Bischof von Mainz, nach Rom zum 1. Vatikanischen Konzil auf dem Weg. Ketteler, ein ehemaliger preußischer Staatsbeamter, nahm regen Anteil an den Entwicklungen der neuen Zeit und vor allem an den gewaltigen sozialen Problemen. "Wer die soziale Frage nicht begreift", so predigte er "dem ist Gegenwart und Zukunft ein Rätsel." Ketteler las Karl Marx und Friedrich Engels, die Verfasser des Kommunistischen Manifests, und fordert die Einmischung der Kirche in gesellschaftspolitische Fragen. Gewerkschaften mit Streikrecht, Profitbeteiligung der Arbeiter und Genossenschaften, das sind seine Visionen. Kettler erschreckte die wachsende Ablehnung der Arbeiter gegenüber der Kirche. Er litt an der Untätigkeit der Bischöfe und hoffte nun, beim 1. Vatikanischen Konzil eine kirchliche Stellungnahme zur sozialen Frage zu erreichen. Eine Hoffnung, die sich für ihn in einen Alptraum verwandelte.

Der Papst und Bismarck spielen Schach. Zug um Zug wurde erbittert gekämpft. Bismark wollte im evangelischen Preußen den Einfluss des Papstes und der katholischen Zentrumspartei unterbinden. Der Papst hielt mit Glaubensapellen und geschickter Taktik dagegen. Der politische Katholizismus, der päpstliche Anspruch auf die gesamte Kirche provozierten das liberale Bürgertum. Das einst tolerante Preußen griff zu immer härteren Mitteln: Verbot der politischen Predigt, Verbot der Jesuiten, Einführung der Zivilehe. Die Kirche rang mit einem Staat, der es nicht mehr hinnehmen wollte, dass Bischöfe in politischen Fragen mitredeten. Bismarks offensive ging als Kulturkampf in die Geschichtsbücher ein. Die Papstkirche geriet immer mehr in die Defensive.

Die Kirche kam überall in Erklärungsnot. Die biblischen Geschichten, die die Schöpfung von Welt und Mensch beschreiben, wurden durch die Wissenschaft immer stärker in Frage gestellt. Am radikalsten wurde das alte Weltbild durch Charles Darwin (1809 -1882) revolutioniert, der zu lehren wagte, dass der Mensch vom Affen abstammt.

  • Der Papst und Bismarck spielen Schach (Spielszene).Kulturkampf - Leo XIII. und Otto von Bismarck spielen Schach.
  • Plakat: Stammbaum des Benschen

Stellungnahme Papst Leo XIII. zur sozialen Frage

Erst Ende des 19. Jhs., mehr als hundert Jahre nach Beginn der industriellen Revolution und fast 50 Jahre nach dem kommunistischen Manifest, nahm erstmals ein Papst Stellung zur sozialen Frage, wenn auch nur halbherzig. Leo XIII. verurteilte die Geldgier. Den Unterschied zwischen arm und reich aber hielt er für ein Naturgesetz.