zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.
Die Pest reißt das christliche Abendland in den Totentanz des Spätmittelalters. Juden werden zu Sündenböcken gestempelt und verfolgt, Frauen als Hexen verbrannt. Die Machtgier der Päpste treibt die Kirche an den Rand des Abgrunds, doch im armen Mann Franziskus erwächst ihr eine neue Chance.
Schreckliche Bilanz der schwersten Pestepidemie, die das Abendland je heimsuchte: 25 Millionen Opfer, rund 1/3 der gesamten europäischen Bevölkerung. 4 Jahre wütete der "Schwarze Tod" (ab 1347) in Europa.
Der "Schwarze Tod" entvölkerte nicht nur ganze Landstriche, er veränderte die Menschen, ihr Leben und Denken. Dass in Wahrheit unscheinbare Bakterien die todbringenden Erreger waren, blieb den Menschen des Spätmittelalters verborgen. Für sie sind finstere Mächte und der Zorn Gottes die Ursache. Der "Schwarze Tod", die Pest, beeinflusste auf dramatische Weise den Ablauf der Geschichte Europas.
Der "Schwarze Tod" fegte über ein spätmittelalterliches Europa hinweg, das im Begriff war, sich gegenüber dem Hochmittelalter geistig zu verändern. Die Theologen waren verunsichert. Bisher war für die Gelehrten die Welt nach festen Regeln geordnet. Der gesamte Kosmos, Himmel und Erde, Planeten, Natur, die Menschen und die Gesellschaftsordnung, alles folgte dem selben, sinnvollen Plan. Doch jetzt erhoben sich Stimmen, die dies in Frage stellten. Gelehrte und Theologen entwarfen und diskutierten neue Theorien. Prominentester Vertreter war Wilhelm von Ockham. Er erschütterte bisherige Vorstellungen: Gott und sein Handeln seien nicht zu begreifen. Der göttliche Wille folge nicht menschlicher Logik. In den Schriften des englichen Theologen erschien Gott als eine Macht jenseits von Gut und Böse. Wilhelm von Ockham traf den Nerv der Epoche. Angst und Ohnmacht vor einem allmächtigen Weltenherrscher machte sich breit.
Mittelalterliches Weltordnungsmodell
Der Zorn Gottes als Auslöser der Pestkatastrophe. Gott selbst streckte mit tödlichen Pfeilen die Sünden nieder. "Tut Buße und kehret um", war die Mahnung solcher Darstellungen.
Wie gelang es, Gott wieder milde zu stimmen? Durch Bittprozessionen oder durch Geißelungen. Die Geißler versuchten der Strafe Gottes durch Selbstbestrafung zu entgehen. Doch die Pest wütete weiter.
Angst und Ohnmacht schlugen um in Hass gegen angebliche Urheber der Seuche. "Die Juden haben die Brunnen vergiftet." Das Gerücht verbreitete sich schneller als die Seuche selbst. Zu Tausenden wurden die Juden gejagt und ermordet. Sie waren seit Jahrhunderten die verhassten Außenseiter der christlichen Gesellschaft, geduldet, aber schikaniert. Die Judenverfolgung der Pestzeit war die schrecklichste des gesamten Mittelalters.
Frankreich war vom 100-jährigen Krieg mit England zerrissen. Der deutsche Kaiser kämpfte gegen Widersacher im eigenen Reich. In Italien wüteten Hungersnöte und Bürgerkriege und der Vordere Orient wurde von türkischen Heeren überrollt. Auch die Kirche war in einer großen Krise: Der Papst residierte in Avignon, Südfrankreich.
1347 bricht ein furchtbares Verhängnis über Europa herein. Die Pest, der "Schwarze Tod", rafft innerhalb von drei Jahren ein Drittel der Bevölkerung dahin. Die Menschen reagieren unter Schock. Geißlerzüge und Judenpogrome werden zur weiteren Seuche. Der festgefügte Kosmos des Mittelalters bekommt tiefe Risse. Der planende Schöpfergott erscheint nun als unberechenbarer Herrscher. Die Menschen suchen Zuflucht in Prozessionen, Wallfahrten und im Reliquienkult. Die Päpste geraten in Abhängigkeit vom französischen König und verlegen ihre Residenz nach Avignon. Man spricht von der "Babylonischen Gefangenschaft der Kirche". Verschwenderische Hofhaltung, Ämterschacher und Geldschneiderei zeigen den moralischen Niedergang. Die Zeit ist aus den Fugen. Die gotischen Kathedralen werden zur "fiebrigen" Flamme und erreichen die Grenzen ihrer physikalischen Möglichkeiten. Eine große Sehnsucht nach der Nähe des Heiligen beseelt die Menschen. Die christliche Mystik bringt Frauen und Männer mit visionärer Begabung hervor. Sie empfinden die Offenbarung als Einbruch Gottes in ihr ganz persönliches Dasein. Aber auch die Mächte der Finsternis durchdringen den Alltag. Teufel und Dämonen scheinen allgegenwärtig. Die Kirche, die den heidnischen Aberglauben einst so erfolgreich bekämpfte, verliert viel von ihrer befreienden Kraft. Die Päpste kehren nach Rom zurück, bleiben aber im Widerstreit der Parteien. Gegenpäpste stehen auf. Das "Große Abendländische Schisma" stürzt die Christenheit in tiefe Zweifel und Unruhe. Immer lauter wird der allgemeine Ruf nach einer "Reform an Haupt und Gliedern". 1414 soll ein Konzil in Konstanz die Wende bringen. Es scheitert am Widerstand der Kurie und an nationalen Einzelinteressen, düster beleuchtet durch den Scheiterhaufen, auf dem der tschechische Reformer Johannes Hus qualvoll stirbt.
Der Papstpalast von Avignon. Festung und Gefängnis zugleich. Symbol für ein Papsttum, das die weltliche Macht verloren hatte. 1302 hatte Papst Bonifaz VIII den französischen König Philipp den Schönen herausgefordert.
Ironie der Geschichte: die entmachteten Päpste wurden immer reicher. Ein ausgeklügeltes Steuersystem machte die Kirche zur ersten Finanzmacht Europas.
Bereits im 12.Jh. war ein Mann aufgetreten mit der radikalen Forderung, der wahre Christ lebe in Armut: Franz von Assisi. Nach sorgloser Jugend, voll von hochstrebenden Plänen, erfasste ihn im Frühjahr 1205 der Armutsgedanke. Von nun an lebte er ganz der Entsagung in Werken der Buße und Nächstenliebe. In einem symbolischen Akt der Lossagung verzichtete der Sohn auf das väterliche Erbe und warf ihm sogar die Kleider vor die Füße. Das aus Lumpen zusammengenähte Gewand wurde sein Markenzeichen und die Worte des Neuen Testaments, mit denen Jesus seine Jünger zur Mission aussandte, wurden sein Programm. Franz' Hinwendung zur Natur war etwas Ungewöhnliches für die Menschen des Mittelalters, denen die Natur noch weitgehend als feindliche Macht begegnete. Im Jahr 1209 brach er nach Rom auf, um seine Bruderschaft als Orden anerkennen zu lassen. Der Papst ließ den Orden zu, der im Widerspruch zur päpstlichen Politik stand. Die Legende erzählt, dass Papst Innocenz III. vor der Begegnung mit dem kleinen Mönch einen Traum hatte. Franziskus stützt das wankende Gebäude der Kirche. Die Armutsbewegung des Franziskus stand trotz aller Provokation ganz auf dem Boden der katholischen Kirche - im Gegensatz zu anderen Bewegungen, die zur selben Zeit entstanden und die Kirche zu sprengen drohten. Das Papsttum ergriff die Chance, die radikalen Strömungen in den Schoß der Kirche zurück zu lenken.
Zu Beginn des 14.Jhs. gab es allein schon über 200 Konvente, die sich auf die Regel des Franziskus beriefen. Die Bettelmönche predigten, übernahmen soziale Aufgaben, pflegten Alte und Kranke. Die Franziskaner suchten nicht wie andere Orden die Abgeschiedenheit, sondern siedelten sich dort an, wo das Herz der Epoche schlug: In den Städten.
Das Kirchengebäude war der Mittelpunkt jeder Stadt. Die Gotteshäuser wurden von den reichen Bürgern der Stadt prächtig ausgestattet, ein öffentlicher Raum. Kirche und Religion waren Teil des alltäglichen Lebens. Genauso wie Bedrohung durch Krankheit, Seuchen und Krieg. Sie führten den Menschen die Verletzlichkeit des Lebens vor Augen. Der Tod war allgegenwärtig. Die Schrecken der Hölle war für die Menschen ganz real, das Erlangen der Seeligkeit höchstes Lebensziel.
Selten war die religiöse Sehnsucht so groß wie im ausgehenden Mittelalter. Nichts erschien wertvoller als der Besitz von Reliquien, leibliche Überreste von Heiligen oder Gegenstände, mit denen sie in Berührung gekommen waren. Es kommt eine tiefe Sehnsucht zum Ausdruck: Gott nahe zu sein.
Aber die Nähe zu Gott konnte auch auf andere Weise gesucht werden: In der Mystik. Eine geistige Bewegung des Mittelalters, der sich vor allem Frauen zuwandten. Hildegard von Bingen, Katharina von Siena oder Mechthild von Magdeburg. Grundgedanke der Mystik ist, dass die alltäglichen Wünsche den Menschen binden und diese Fesseln gesprengt werden müssen. Erst dann kann sich die befreite Seele erheben und zu Gott finden. Meditationsübungen oder Fasten versetzten manche Mystikerinnen in einen hochempfindsamen Zustand. Er konnte rauschhafte Visionen hervorbringen.
Die Menschen spürten nicht nur die Nähe Gottes. Sie glaubten auch an die Existenz finsterer Mächte. Man war von der Existenz des Teufels überzeugt. Der Teufel wurde Gegenstand teologischer Auseinandersetzungen.
Am Ende des 14Jhs. steckten das Papsttum und die Kirche in einer tiefen Krise. Die Institution verlor an Ansehen. Ein Papst in Rom, einer in Avignon. Vor allem in England regte sich eine mächtige Stimme. John Wyclif fordete die radikale Rückbesinnung auf die Botschaft Jesu. Ein Generalangriff auf die Institution Kirche. Auch Jan Hus in Prag rief, angeregt von den Ideen Wyclifs, eine revolutionäre Bewegung ins Leben. Die Kirche musste dringend erneuert werden.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts war das Chaos perfekt. Drei Päpste stritten um den Anspruch, Oberhirte der Christenheit zu sein. Die einzige Chance, die dringend notwendigen Reformen in Gang zu bringen, schien auch Theologen, die noch auf dem Boden der katholischen Lehre standen, nur durch ein allgemeines Konzil möglich, dessen Entscheidungen sich auch der Papst zu beugen habe. Es trat auf Betreiben des deutschen Königs Sigismund 1414 in Konstanz am Bodensee zusammen. Die Beendigung des Schismas gelang durch die Absetzung der drei Päpste und Wahl eines neuen, aber die "Reform der Glieder" scheiterte an zu vielen Einzelinteressen. Die Chance, den Ämter-, Steuer-, und Ablassschacher zu beenden, der letztlich hundert Jahre später zur Reformation führte, wurde vertan. Auch gelang es nicht, grundsätzlich die Konzile dem Papst überzuordnen, sondern nur den regelmäßigen Zusammentritt von Konzilien durchzusetzen.
