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Die Geschichte der ersten dreihundert Jahre des Christentums lässt sich in einem einzigen, fast reißerischen Satz zusammenfassen: Eine kleine, verfolgte Sekte aus der judäischen Provinz wird zur Staatskirche des römischen Weltreiches. Wie lässt sich das erklären?
In Rom gab es keine Kirchenbauten, keine Feiern. Christentum fand hinter verschlossenen Türen statt. Dennoch konnte sich die christliche Botschaft wie ein Lauffeuer verbreiten
Demütig und unbeirrbar, gewaltfrei und tapfer, so werden die Christen in alten Dokumenten beschrieben, die ihre blutigen Schicksale überliefern. Eine Sammlung unvorstellbarer Grausamkeit. Horrorszenen, wie sie die frühen Christen erleiden mussten.
Die Märtyrer sind ein Schlüssel zum größten Rätsel des frühen Christentums.
Die Botschaft der Christen kommt an. Eben noch unscheinbare Randgruppe des Judentums, verbreitet sie sich in wenigen Jahrzehnten im ganzen Römischen Reich. "In der Welt, aber nicht von der Welt"; der Staat wird misstrauisch. Wilde Gerüchte gehen um von Ritualmord und Geheimbündelei. Als sich die Christen dem offiziellen Kaiserkult verweigern, werden sie in mehreren Wellen verfolgt. Viele sterben den Märtyrertod. In den ruhigen Phasen findet die junge Kirche festere Formen für Taufe und Abendmahl, Diakonie und Liturgie. Schriftsteller verteidigen sie gegen Angriffe, philosophisch gebildete Theologen deuten die Glaubensgeheimnisse. Kaiser Konstantin reißt das Ruder der römischen Politik herum. Das Christentum erhält die volle Freiheit, sich zu entfalten. Der Kaiser traut ihm die Kraft und die Rolle zu, das von seinen Widersprüchen zerrissene Reich wieder zu einen. Die Kirche wird zur "Jedermannskirche" und hat nun große Möglichkeiten, die Gesellschaft zu gestalten. Jetzt muss sie aber auch immer wieder Kompromisse schließen, die ihre eigentliche Botschaft verdunkeln. Die Bischöfe verstehen sich als Nachfolger der Apostel und beanspruchen deren Autorität. Kaiser Konstantin verlegt seine Hauptstadt in das griechische Byzanz am Bosporus. Konstantinopel wird das zweite Rom. Im ganzen Reich entstehen großartige Kirchenbauten, die den Sieg des Christentums über die Andersgläubigen zum Ausdruck bringen. Einzelne Christen ziehen sich in die Einsamkeit, abseits von den Versuchungen und Ablenkungen der "Welt", zurück. Einige schließen sich zu klösterlichen Gemeinschaften zusammen. Das theologische Rätselraten um den Glauben macht große Fortschritte. Vor allem geht es um die Natur Christi und das Geheimnis der Dreifaltigkeit. Mehrfach ruft der Kaiser die Bischöfe des Reiches zu einem Konzil zusammen und zwingt sie, sich zu einigen. Er selbst wahrt Distanz. Erst auf dem Sterbebett lässt er sich taufen.
Die vornehme Römerin Vibia Perpetua lebte in Karthago. Sie war zusammen mit vier Schicksalsgenossen verhaftet worden. Perpetuas eigenhändig verfasste Aufzeichnungen aus dem Gefängnis gehören zu den ergreifensten Zeugnisse der christlichen Märtyrer. Sie erzählen von allen Einzelheiten.
Die Verfolgungen schweißten die christlichen Gemeinden zusammen. Noch etwas verband sie. Ein System aus Zeichen und Symbolen, mit denen sie die Zugehörigkeit zum Erlöserglauben zum Ausdruck brachten. Fisch z.B. hieß auf griechisch Ichthys (Jesus, Christus, "Gottes Sohn", Erlöser).
Der neue Glauben lebte nicht von heiligen Stätten, sondern aus seinen Schriften. Deshalb konnte er wandern. Von Ort zu Ort, von Kontinent zu Kontinent. Die Anfänge waren gemacht, die Saat begann aufzugehen. An die Botschaft Jesu glaubten bereits Ende des 3. Jahrhunderts über 10% der Bevölkerung des römischen Reiches. Strukturen änderten sich. Die Kirchenhierarchie begann sich herauszubilden.
Junias, ein unbekannter Name, eine Fälschung? Ein restaurierter Papyrus, der um das Jahr 200 entstand, nennt Junia (Römer 16,7), den Namen einer Frau. Ein Apostel durfte keine Frau sein. Im Laufe der Jahrhunderte war Junia zu Junias verfälscht worden. Das weibliche Erbe des frühen Christentums wurde zurückgedrängt.
Ende des 3.Jh.: Die biblische Überlieferung wurde zum Stoff, der interpretiert und neu gedeutet wurde. Zeit der theologischen Lehrer, Zeit der Kirchenväter. Einer von ihnen, der überragende Bedeutung gewann, hieß Augustinus (354-430).
