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Zeitenwende: Während Konstantinopel unter dem Ansturm der Muslime fällt und fortan eine islamische Stadt ist, triumphiert im Rom der Päpste eine neue Weltanschauung, die Renaissance. Künste und Wissenschaften blühen auf, aber die Kirche verkommt zu einem Spielball der Macht.
Konstantinopel 1453. Vor den Stadtmauern flatterten die Fahnen mit dem türkischen Halbmond. Muslime gegen Christen. Die Christen konnten ihre Stadt nicht halten. Konstantinopel mit seiner langen christlichen Tradition wurde eine islamische Stadt. Die Hagia Sophia wurde eine islamische Moschee
Der Fall Konstantinopels stärkte die Position Roms. Eine neue Zeit brach an. Sichtbares Zeichen waren die Gebäude, Plätze und Kunstwerke. Nie zuvor konnte das Papsttum eine solche Pracht entfalten wie im 15. und 16.Jh.. Rom wurde Mittelpunkt der Christenhe
Erst 300 Jahre später nannte man die Epoche des 15. und 16.Jhs. Renaissance, Wiedergeburt. Wiedergeburt längst vergessener Vorstellungen aus alter Zeit, Wiederentdeckung der antiken Welt und ihres Reichtums an Wissen, die Entdeckung des klassischen Altertums, indem sich der neue Mensch spiegelte. Ein neues Menschenbild deutete sich an. Damals änderte sich der Blick auf den Menschen und es entwickelte sich eine Sensibilität für etwas, das uns heute ganz selbstverständlich erscheint: Die unverwechselbare Eigenart der einzelnen Person. Der Humanismus war eine geistige Haltung, die die Menschen als solches akzeptierte, ihre Würde und den Rang des einzelnen Menschen. Das Mittelalter hatte dafür keinen Sinn, kein Interesse an Herkunft und Geschichte. Der Mensch der Renaissance war religiös und gleichzeitig freidenkend, brutal, unmoralisch und doch feinsinnig. Ihren Ausgang hatte die Rennaissance in Italien. Florenz erlebte eine ungeheure Blüte des Geistes und der Kunst.
Entdeckung des Individuums in der Malerei Die Entdeckung des Individuums in der Malerei. Zum ersten Mal seit der Antike gewann das menschliche Antlitz wieder individuelle Züge. Portraits wirken wie fotografische Momentaufnahmen. ("Zug der heiligen drei Könige")
Die Medici gehörten zur berühmtesten Sippe dieser Zeit. Ihr Reichtum war schwindelerregend und ihre Macht hat sie in alle bedeutenden Ämter der Stadt gelangen lassen. Die Villa, die sie bewohnten, versammelt alles, was die Renaissance ausmachte: Erlesenen Geschmack, enthusiastische Begeisterung für die Antike Kultur und ihre Werke, Genuss der Schönheit und des Luxus, Hinwendung zur Welt mit all ihren Vergnügungen, aber auch innerliche Entfremdung von der christlichen Botschaft.
Lebensnahe Portraits der Mitglieder der Familie Medici: Cosimo der Alte, Lorenzo der Prächtige und Giacomo (v.l.n.r.). Die Gemälde in der Villa zeigen auch Darstellungen vom 'Neuen Kontinent' Amerika, z.B. Engel neben Truthahn.
An der vergoldeten Paradiestür am Florentiner Baptisterium nahm das neue Denken schon um 1430 Gestalt an. Personen und Räume sind perspektivisch dargestellt.
Türkische Janitscharen erobern Konstantinopel, das Zentrum der orthodoxen Christenheit. Deren Schwerpunkt verlagert sich ins "hölzerne" Moskau, das "dritte Rom". Der türkische Halbmond verdrängt das Kreuz und dringt bis tief in den Balkan vor. Im Westen leiden viele Christen an den Widersprüchen von Kirche, Staat und Gesellschaft. Sie suchen einen Ausweg nach innen und finden neue Formen der "Nachfolge Christi". Italien steht ganz im Zeichen von Humanismus und Renaissance. Philosophen, Wissenschaftler und Künstler machen aufregende Entdeckungen an der Welt und an sich selbst. Immer häufiger und immer mutiger durchstoßen sie die traditionellen Grenzen. In den oberitalienischen Stadtrepubliken entsteht ein selbstbewusstes Bürgertum. Neue Wirtschaftsmethoden häufen enorme Reichtümer an. Die Adelsfamilien wetteifern als Förderer von Kunst und Wissenschaft. Kaum anders verstehen sich die Päpste in Rom. Sie führen das ausschweifende Leben kleiner Fürsten, treiben skrupellose Familienpolitik und schrecken auch vor Gift und Dolch nicht zurück. Gleichzeitig sind sie unersättliche Auftraggeber und Kunstmäzene. Das im Mittelalter zerfallene Rom ist jetzt eine einzige Baustelle. Es soll aller Welt den Triumph der Kirche vor Augen führen. Die größten Künstler der Epoche wirken mit. Was für den Papst der neue Petersdom, ist für die kleinen Leute der "Peterspfennig". Sie zahlen die Zeche. In Florenz klagt der Dominikanermönch Savonarola Papst und Kurie wegen ihres sündigen Treibens an. Rom schlägt zurück. Der "heilige Ketzer" wird verbrannt. Auch ein Wissenschaftler kommt in große Gefahr. Galilei gelingt es, das Weltmodell des Kopernikus zu beweisen. Ein Inquisitionsprozess zwingt ihn zum Widerruf. Naturwissenschaft und Glaube gehen getrennte Wege.
Girolamo Savonarola (1452-1498), Dominikanermönch aus Florenz, radikaler Reformer, der zuletzt scheiterte. In seinen Schriften verkündete er das bevorstehende Strafgericht: "Kehret um und tut Buße, denn der jüngste Tag ist nah." Savonarola wollte eine religiöse Demokratie. Kirchliche Dogmen und die Institution Kirche griff er nicht an, wohl aber das korrupte Papsttum und die Verweltlichung der Gesellschaft.
Rauschendes Fest am päpstlichen Hof. Auch die Kirchenfürsten entfalteten ihre Macht skrupellos. Papst Sixtus IV (1471-1484) versuchte seinem Günstling ein Fürstentum aus dem Kirchenstaat zuzuschanzen. Innocenz VIII (1484-1492) gab öffentlich Hochzeitsfeste für seine Kinder und Enkel. Alexander VI (1492-1503) verheiratete seine Sprösslinge mit Fürsten und versuchte sie mit Territorien aus dem Kirchenstaat zu beschenken. Julius II (1503- 1513) war eher Feldherr als Priester und Leo X (1513-1521) lebte hauptsächlich für den Genuss und die Kunst.
Die Kirche versuchte zwar, die alte Hirarchie mit ihrem Kult und ihrem Anspruch, über aller weltlichen Herrschaft zu stehen, zu erhalten, aber mit der Renaissance und dem erstarkenden Geldadel erwuchs ihrer Macht Konkurrenz. Es waren jetzt nicht mehr nur Könige und Kaiser, die den Vorrang von Papst und Priester in Frage stellten. Es waren die Gläubigen selbst, die gebildeten und reichen Bürger, die ein neues Selbstbewusstsein entwickelten. Der radikale Reformer Savonarola stand an einer Zeitwende. Eine Epoche, in der die Kirche zwar ihre Kritiker noch unterdrücken konnte, nicht mehr aber die Kritik.
Die Epoche des römischen Papsttums war zugleich eine Epoche genialer Kunstentfaltung. 1513 bestieg Leo X den Thron, ein Medicipapst. Noch einmal entfaltete sich unter ihm der Geist der Renaissance zu voller Blüte. Er lies das antike Rom vermessen und suchte systematisch nach Resten der antiken Bauwerke. Berühmte Künstler ließ er veranlassen, große Kunstwerke zu schaffen. Bilder von sich selbst und der päpstlichen Pracht inmitten antiker Szenarien. Solche Unternehmungen, auch der Bau der neuen Peterskirche, verschlangen ungeheure Summen. Um diese zu bekommen, nutzte Leo X die Urängste von Hölle und ewiger Verdammnis und erließ im lateranensischen Konzil eine Konstitution zum Schutz der Unsterblichkeit und Individualität der Seele. Mit dieser Konstitution begründete Leo einen florierenden Ablasshandel zur Finanzierung der neuen Peterskirche.
Bauten die Menschen früher ihr Wissen ausschließlich auf theoretischen Lehren auf, kamen sie nun zu Ergebnissen, die auf Beobachtungen, Rechnen und Experimenten basierten. Es war das Zeitalter der Erfinder, Entdecker und Experimentierer auf allen Gebieten, das Zeitalter der Universalgenies. Maler waren zugleich Bildhauer, Ingenieure, Architekten, Chemiker und Anatome. Der berühmteste unter ihnen war ein Mann mit Namen Leonardo aus der kleinen Stadt Vinci. In der Person Leonardos wird noch einmal deutlich, was Renaissance bedeutet: Wiedergeburt eines Interesses an der Beschaffenheit der Welt, einer Neugierde auf Unbekanntes, einer Faszination an der Machbarkeit und Umsetzung von Ideen. Historisch gehört Galilei schon einer späteren Zeit als der Renaissance an, doch er fußt in dieser Epoche, die einen der größten geistigen Wandel in der Geschichte des Abendlandes hervorgebracht hat. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es ein Wissen von der Welt, das sich vom christlichen Glauben entfernt. Wahrheit ist nicht länger Synonym für "identisch mit den Glaubensinhalten", sondern bedeutet von nun an "in Übereinstimmung mit der Erfahrung". Die Kirche geriet zunehmend in Widerspruch zu dieser Entwicklung, da ihr häufig die geistige Dynamik für eine fruchtbare Auseinandersetzung fehlte. Der Fall Galilei war eine der berühmtesten Auseinandersetzungen zwischen kirchlicher Lehre und Naturwissenschaften.
Leonardo da Vinci (1452-1515), begnadeter Künstler, konstruierte auch Kanonen, Belagerungsmaschinen, Drehbrücken, Pumpen und Flugapparate. Manches davon war utopisch, anderes durchaus praktisch und umsetzbar. Bis ins hohe Alter versuchte er die erfahrbare Welt zu erkennen und ihre Gesetze zu durchschauen.
Nicht nur in der Kunst zeigte sich der neue Geist, auch in der Wissenschaft begann ein Zeitalter der Entdeckungen. Vor allem Städte, die von wirtschaftlichem und kulturellem Austausch lebten, wurden Zentren der neuen Zeit. In Venedig wurde sogar ein Gesetz für Patente und Erfindungen verabschiedet. In Padua ging man auf die Reise in den menschlichen Körper. Im anatomischen Hörsaal der Universität wurden jetzt Leichen seziert, wurde im menschlichen Körper nach Ursachen von Leiden und Tod geforscht. Dies geschah unter dem argwöhnischen Auge der heiligen Inquisition, aber doch von der Kirche geduldet.
Galilei wurde nach Rom zitiert. Die Inquisition klagte ihn an. Dass die Erde sich um die Sonne drehe, wäre die Ansicht eines Ketzers. Um mit seinem Leben davonzukommen, stritt Galilei seine Theorie ab. Die Kirche hat sich mittlerweile öffentlich vor der Welt für ihren Irrtum entschuldigt. Für viele Jahrhunderte jedoch belastete der Konflikt das Verhältnis zwischen Kirche und Wissenschaft.
