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Die Katastrophe des großen Krieges hatte allen bewusst gemacht, dass man die ganze Welt im Blick haben musste, wollte man dem Menschheitsproblem beikommen.
Deutschland in Schutt und Asche. Europa in Trümmern. Als am 14. März 1945 amerikanische Aufklärer diese Bilder von Berlin machten, war der nationalsozialistische Alptraum vom 1000-jährigen Reich vorüber. Ein böses Erwachen erwartete die Überlebenden. Voller Depression und Ratlosigkeit, nach einem Krieg, der alles in den Schatten stellte, was bis dahin Menschen an organisierter Brutalität ertragen mussten.
Das Bekenntnis zur eigenen Schuld half Deutschland, wieder den Zugang zu den anderen Völkern zu finden. Der Pfarrer Martin Niemöller legte es im Namen der evangelischen Kirchen ab.
Es waren Christen wie Pfarrer Niemöller, selbst im Dritten Reich verfolgt, die international Vertrauen wecken konnten für einen deutschen Neuanfang. Christen, die den Brückenschlag schafften, etwa zum Weltkirchenrat. 1948 begründeten Kirchenvertreter aus 44 Nationen in Amsterdam diesen ökumenischen Rat der Kirchen.
Der Vatikan aber verweigerte sich der Versammlung (Weltkirchenrat), die im Schatten der Weltkriegsdepression gemeinsam Bilanz ziehen wollte. Der Katholizismus beharrte auf seiner Jahrtausende alten Meinung, einzig wahre Kirche zu sein. Erst ein Jahrzehnt später, 1960, durchbrach der fortschrittliche Papst Johannes XXIII. die katholische Erstarrung. Er suchte das Gespräch mit den Weltkirchen. Die Tür zur Ökomene, zur Gemeinschaft aller christlichen Kirchen, war aufgestoßen.
Mit der ersten Atombombenexplosion begann ein neues Kapitel der Geschichte. Der Mensch hatte jetzt die Möglichkeit, seine Welt vollständig zu vernichten.
In den 50er Jahren bestimmte das Wirtschaftswunder den neuen Rythmus des Lebens. Kapitalismus und Konsum contra Glaubensbesinnung und religiöse Tradition. Für die Kirchen dieser Zeit eine neue Herausforderung, die durch den Ost-West-Konflikt an Schärfe gewann. Im Westen die Verheißung des Konsumparadieses, im Osten Entkirchlichung durch kommunistische Träume.
Auf unsere Gegenwart hat dieser Glaube vielleicht am Nachhaltigsten gewirkt: Der Glaube an das Geld. Gegenwart, das meint vor allem wirtschaftliche Wachstumsraten, Steigerung der Produktion, meint Konsum, dessen Ansprüche explodieren, eine Entwicklung, die die gesamte westliche Welt bestimmt.
Vor den Türen der Wirtschaftszentren lagern tiefste Armut und Elend. Abgepuffert durch Staaten, die den wirtschaftlichen Verheißungen nachrennen, mehr oder weniger erfolgreich. Dahinter das Heer der hoffnungslos Abgeschlagenen, das immer größer wird. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der extrem armen Ländern verdoppelt, auf 48.
Vor allem ethische Konflikte sind es, die aufbrechen. Beispiel: Südafrika. Die Konfrontation zwischen Weiß und Schwarz ist wie ein Symbol für die Unfähigkeit, sich als Menschheitsfamilie zu begreifen. Der südafrikanische Bischof Tutu kämpft dafür, dass die Menschen sich als gemeinsame Schöpfung Gottes verstehen lernen.
Schon vier Jahrzehnte zuvor wurde dieser Traum geträumt. Von dem Baptistenprediger Dr. Martin Luther King. Am 4. April 1968 starb der christliche Bürgerrechtler an den Folgen eines rassistischen Anschlags.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs steht der Blitz über Hiroshima. Seitdem bedroht die Atombombe alles Leben auf dem Planeten, seine Vergangenheit und seine Zukunft. Die christlichen Kirchen stellen sich nur langsam auf die neue Situation ein. Sie bekennen sich mitschuldig an der Katastrophe. Sie beginnen zögernd, sich aus der engen Verbindung mit der weltlichen Macht zu lösen. Die verschiedenen Bekenntnisse gehen aufeinander zu. Fernziel: Einheit der Christen. Die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt verschiebt die Gewichte. Die "jungen" Kirchen finden und behaupten eigene Gestaltungen der christlichen Botschaft. Das 2. Vatikanische Konzil stößt die Türen der Katholischen Kirche auf. Sie hofft auf eine wichtigere Rolle in der modernen Welt, ohne sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Für den polnischen Papst Johannes Paul II. ist der Vatikan nur noch die Basis für Reisen in zahlreiche Länder der Erde. Gegen Ende der 80er Jahre bricht das Ost-West-System zusammen. Damit wachsen die Chancen einer friedlichen Weltgesellschaft, es brechen aber auch ethnische Bürgerkriege aus.
Wieder steht die Welt vor neuen Aufgaben - und mit ihr das Christentum. Globale Wirtschaftsmacht bedarf globaler Moral. Raubbau an der Natur bedroht die Umwelt, Dauerarbeitslosigkeit, Drogenhandel, blinder Konsumrausch entwurzeln viele Menschen. Weltweite Armutswanderungen erfordern die belastbare Solidarität der reichen Länder. Die mikrobiologischen Patente des lieben Gottes sind abgelaufen. Der Mensch übernimmt die Steuerung der Evolution, mit welchem Ziel? Zu wessen Nutzen? Auf wessen Kosten? Das Christentum verfügt über einen großen Fundus von Erfahrungen und innerer Zuversicht. Es ankert nicht an sich selbst und bietet deshalb dynamischen Halt. Aber wo es auf seine befreiende Kraft verzichtet, wird es zum Instrument der Unterdrückung. Andererseits: Die Botschaft jenes Wanderpredigers aus Nazareth scheint es nicht dauerhaft zu dulden, dass sie in "Kurien" erstarrt, von Machthabern missbraucht wird oder in Vergessenheit gerät. Immer wieder sucht sie sich Menschen, die nachdenken, nachfragen und auf(er)stehen.
Neue Zeiten auch in Rom. Die Versammlung des 2. Vatikanischen Konzils im Oktober 1962 geriet zur Demonstration einer Kirche, die alle nationalen und ethnischen Grenzen zu sprengen suchte. Aufbruchstimmung an einem Ort, der in den letzten zwei Jahrhunderten als Bastion starrer Traditionen galt. Erneuerung der katholische Lehre und des Kirchenlebens, Reform der Liturgie, Öffnung gegenüber anderen Kirchen, das sind Neuerungen, die Papst Paul VI. bei der feierlichen Schließung des Konzils 1965 der Welt verkündete. Reformen, die den Katholizismus tiefgreifend verändern.
Die katholische Kirche öffnet sich der Moderne und der Welt. Papst Johannes Paul II. gilt als Reisepapst. Christlicher Glaube überwinde alle nationalen und ethnischen Grenzen, so seine Überzeugung. Kein anderer westlicher Staatsmann hat den vergessenen Kontinent Afrika so ausgiebig bereist wie Johannes Paul II. Der konservative Katholik und der marxistische Revolutionär (Bild mitte). Papst Johannes Paul II. besuchte den kubanischen Staatschef Fidel Castro. Politische Hürden, die einst als unüberwindbar galten, wurden jetzt übersprungen. Die großen totalitären Phantasmen dieses Jahrhunderts, die in Blut versanken, haben abgedankt. Gewalttätige Ideologie wird ersetzt durch Besinnung auf den Menschen.
Die heilige Schrift. Längst weht ihr Geist auch ganz wo anders, z.B. in Madurei, Südindien. Was hier gefeiert wird ist ein christliches Abendmahl. Auch das zweite Bild verkörpert gelebtes Christentum: Ein amerikanischer Gospelgottesdienst. In Russland bekennt sich schon 10 Jahre nach dem Fall des Kommunismus jeder 4. Jugendliche zur orthodoxen Kirche.
Esoterik heißt das Geschäft mit den religiösen Versatzstücken aus aller Welt. Die Bandbreite der Heilsversprechungen ist atemberaubend und wächst beständig. Ein Expansionsmarkt, so sagen die Wirtschaftsfachleute: Lukrativ und zukunftsweisend. Eine Antwort auf die Krise des Christentums in der westlichen Welt. Mag der Bedarf an Kirche hierzulande auch klein sein, das Bedürfnis an Spiritualität ist umso größer.
Popstars und berühmte Personen rücken an die Stelle der Heiligen.
Prof. Stephen Weinberg: "Die Wissenschaft kann nicht die Existenz Gottes beweisen, aber sie kann umgekehrt mit einem uralten Mythos aufräumen: Dass wir nämlich nur mit Gott in der Lage seien, die Welt um uns herum zu verstehen. ... Aber es gilt einfach nicht mehr, dass wir durch das Studium der Natur immer neue Beweise für die Existenz Gottes finden."
Für viele Forscher sind Gott und die Ergebnisse der Wissenschaft keineswegs Gegensätze. Sie lassen sich das Bild des Schöpfers nicht nehmen. Die meisten aber glauben einzig an ihre Formel. Kosmologen waren es, die die These wagten: Es gibt noch einen anderen Weg zu Gott als über die Religion, den Weg über die Physik. Sie soll eines Tages die Existenz oder Nichtexistenz Gottes nachweisen.
Die Entmystifizierung der Natur, sie findet auch in den Laboratorien der Fortpflanzungsmediziner statt. Ei und Samenzelle werden im Reagenzglas zusammengebracht. Vielleicht auch noch genetisch getestet und für gut befunden oder der Frau gar nicht erst eingesetzt. Der Mensch nimmt die Schöpfung selbst in die Hand. Er beginnt am großen Rad der Evolution selbst zu drehen. Die Zeugung in der Retorte ist heute längst Routine. Die Gefahr, dass Leben zu Rohstoff wird, ist so groß wie nie zuvor.
Zwei Entwicklungen verbanden sich pünktlich zum neuen Jahrtausend. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts und die technisierte Fortpflanzungsmedizin. Der Weg zum Design-Menschen. Denn beim Embryo kann man in der Retorte Korrekturen am Erbgut vornehmen, die auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Noch werden solche Eingriffe in die Keimbahn von den Ethikkomissionen verurteilt. Aber die Front beginnt schon zu bröckeln. Denn wer könnte auf Dauer der Versuchung widerstehen, Anlagen für Krebs, Herzkrankheiten oder Alzheimer zu korrigieren, ein für alle Mal. Und ist es nicht sogar Christenpflicht Krankheiten zu verhindern?
Alles, was gemacht werden kann, wird auch in die Tat umgesetzt. Ein Gegenbeispiel gibt es in der Geschichte der Wissenschaft nicht. Und wenn Menschen Schöpfer spielen, dann wollen sie auch den letzten Schritt wagen: Identische Kopien vom Menschen herzustellen. Die Gefahr, dass Leben zu Rohstoff wird, ist so groß wie nie zuvor.
