6: Allergien

6.6 Abwehr aus dem Gleichgewicht

Allergiker leiden unter dem Übereifer ihres Immunsystems. Wie diese Überreaktion zustande kommt, ist nicht genau bekannt. Aber es gibt Ansätze für eine Erklärung. Die Abwehr beschreitet nämlich zwei verschiedene Wege, je nachdem, ob sie gegen Bakterien und Viren oder gegen die wesentlich größeren Wurmparasiten zu Felde zieht. Welcher der beiden Wege eingeschlagen wird, hängt wesentlich davon von ab, welche T-Helferzellen bei einer Infektion aktiviert werden. Man unterscheidet zwei Gruppen von T-Helferzellen: Th1 und Th2. Sie senden jeweils verschiedene Botenstoffe aus.


  • Th1-Zellen dirigieren die Abwehr gegen übliche Krankheitserreger wie Viren und Bakterien.
  • Th2-Zellen dirigieren die Abwehr gegen Wurmparasiten. Dabei werden IgE-Antikörper gebildet, die in Verbindung mit Mastzellen zur Beseitigung der lästigen Parasiten beitragen.

Fuchsbandwurm ©eye of science
Fuchsbandwurm

Bei Gesunden besteht eine Balance zwischen Th1- und Th2 Zellen. Allergiker haben dagegen deutlich mehr Th2-Zellen. Das erklärt zwar die Überproduktion von IgE-Antikörpern, aber nicht, warum die Immunabwehr von Allergikern aus dem Gleichgewicht geraten ist.



Hygiene und Allergien

Einiges spricht dafür, dass der westliche Lebensstil mit seinem hohen Hygienestandard die Bereitschaft zu Allergien erhöht. Infektionen mit Bakterien und Viren stärken normalerweise den Th1-abhängigen Zweig der Immunabwehr. Doch während der ersten Lebensjahre, in denen das Immunsystem hauptsächlich trainiert wird, kommen Kinder bei uns immer seltener mit solchen Infektionen in Berührung. Es bilden sich zu wenige Th1-Zellen, während sich die Th2-Zellen ganz normal entwickeln. Das könnte erklären, warum bei Allergikern die Th2-Zellen überwiegen. Diese Hypothese wird durch neuere Untersuchungen gestützt. Dabei haben Mediziner überraschendes festgestellt:


Putzmittelflaschen ©SWR

Kinder, die in der Frühphase ihrer Entwicklung seltener Atemwegsinfektionen mit Viren und Bakterien durchgemacht hatten, waren anfälliger für Allergien. Demnach sieht es so aus, als würden häufige Atemwegsinfekte im frühkindlichen Alter das Allergierisiko senken.



Allergien im Ost-West-Vergleich

Nach der Wiedervereinigung öffnete sich den Allergieforschern ein unerwartetes Experimentierfeld. Sie konnten zwei sehr ähnliche Bevölkerungsgruppen untersuchen, die aber unter völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen aufgewachsen waren. Überraschenderweise zeigte sich, dass die Ostdeutschen trotz ihrer umweltbelastenden Industrieanlagen deutlich weniger häufig an Allergien litten, als die Westdeutschen.


Bei der Suche nach den möglichen Ursachen fiel auf, dass DDR-Kinder schon ab dem ersten Lebensjahr Kinderkrippen besuchten, also Jahre früher als ihre westlichen Altersgenossen. Indem sie sich gegenseitig ansteckten, konnten die Kleinkinder im Osten ihr Immunsystem offenbar wesentlich besser und früher trainieren. Dazu hat sicher auch das familiäre Umfeld beigetragen, in dem es nicht so klinisch sauber zuging wie in vielen Westhaushalten. Mittlerweile haben sich die Lebensumstände in den alten und neuen Bundesländern angeglichen, und die Allergien sind auch dort auf dem Vormarsch.



Familie und Allergierisiko

Manche Allergien kommen in bestimmten Familien auffallend häufig vor. Sind unter den Eltern Allergiker, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch deren Kinder diese Veranlagung erben. Sie leiden dann wie ihre Eltern unter Heuschnupfen, Asthma oder anderen allergischen Erkrankungen.


szmtag