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Schnitt - So läuft's ab!

Sichten mit kritischem Blick

Doku-Soap, Reportage, Nachrichtenbeitrag und Dokumentarfilm – das alles sind so genannte dokumentarische Formen. Aber jede von ihnen hat einen eigenen Stil. Das gefilmte Material wird im Schnitt sehr stark bearbeitet. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn technisch ist es möglich, den Menschen im Film buchstäblich das Wort im Mund herumzudrehen. Stell dir vor, der Filmemacher oder die Filmemacherin fragt einen Schüler, ob er schon mal einen Spicker bei einer Klassenarbeit benutzt hat. Der Schüler antwortet: "Ja, ich habe mir schon mal einen geschrieben. Aber dann habe ich ihn doch nicht benutzt, ich wollte die Arbeit alleine schaffen." Im fertigen Film könnte man den zweiten Satz einfach wegschneiden und schon denkt der Zuschauer: "Aha, dieser Schüler hat schon mal bei einer Arbeit geflunkert!" – obwohl das gar nicht so gewesen ist.

Ein Cutter sitzt vor vier Monitoren; Rechte: WDR, Dieter Jacobi
Massenhaft Monitore: So sieht heute ein Schnittplatz aus.

Der Cutter oder die Cutterin ist Partner der Filmemacher und in der Regel auch der erste Zuschauer. Vom Film sieht dieser Mensch zuerst das sogenannte Rohmaterial, das der Filmemacher mit in den Schneideraum bringt. Da der Cutter meist nicht beim Dreh war, ist er unvoreingenommen und verschafft sich einen ersten Eindruck. Welche Szenen, welche Bilder sind gut? Sind die Aufnahmen technisch okay? Der Cutter beginnt, das Material auszumustern. Aus den interessantesten Sequenzen erstellt er einen groben Zusammenschnitt, den Rohschnitt. Ein Ereignis, das insgesamt drei Stunden gedauert hat und von dem eine Stunde Filmmaterial gedreht wurde, wird nun zum Beispiel auf etwa zwei Minuten geschnitten. Denn letztendlich wird viel mehr gedreht, als im fertigen Film zu sehen ist. Die Filmzeit wird also im Verhältnis zur realen Zeit extrem verkürzt.

Zwischenschnitte – ohne sie geht nichts

Oft geht beim Dreh auch etwas schief: Die Kamera wackelt, das Mikrofon ist im Bild, der Ton wurde nicht aufgezeichnet oder in einer spannenden Situation ist es dem Kameramann oder der Kamerafrau nicht gelungen, alles aufzunehmen. Dann ist in der Montage Fantasie gefragt, um das auszubügeln. Sehr wichtig sind Zwischenschnitte, die das Gesagte illustrieren oder die tatsächliche Handlung zeitlich straffen. Zum Beispiel zeigt die Kamera ein Kind, das anfängt ein Bild zu malen. Im Zwischenschnitt ist das Bild in Großaufnahme zu sehen, dann geht es wieder zurück auf das Kind, das nun das Bild mit seinem Namen unterzeichnet. So kann das Geschehen gekürzt und dennoch ganz erzählt werden.

Es gibt unterschiedliche Anforderungen bei der Montage: Szenen, die unvermittelt abbrechen, müssen zu einem sinnvollen Ende montiert werden. Übergange von einer Szene zur nächsten müssen gefunden werden. Der Kamerastandpunkt darf sich nicht unmotiviert ändern, Einstellungsgrößen können nicht beliebig miteinander kombiniert werden. Bewegungs-Richtungen müssen miteinander abgestimmt werden, damit der Zuschauer dem Geschehen gut folgen kann. Dabei gilt die ungeschriebene Regel, dass ein Ton oder ein Bild nie mehr als einmal verwendet werden.

Ein guter Film braucht einen guten Ton

Bei der Montage spielt nicht nur das Bild, sondern auch der Ton eine sehr wichtige Rolle. Der Cutter hat vielfältige Möglichkeiten die Tonebene zu gestalten. Es geht darum, die in der Szene real vorhandenen Töne wiederzugeben. Damit sich alles echt anhört, werden Atmos untergelegt, die die Umgebung charakterisieren. Spielt die Szene zum Beispiel in der Fußgängerzone, hört man Stimmengewirr, die Schritte auf der Straße, vielleicht das Lied eines Straßenmusikanten. Der Cutter kann aber auch z.B. die Hintergrundgeräusche völlig wegnehmen. Das kann eine Atmosphäre erzeugen, die nahe legt, dass die Person im Bild die Außenwelt gar nicht wahrnimmt. Bestimmte Töne können auch isoliert und verstärkt werden. Man kann den Ton aber auch von einer Szene in die nächste ziehen und dadurch die Szenen miteinander verbinden (Tonbrücken). Zu diesem Thema gibt's hier übrigens auch etwas zu entdecken:

Unter der Lupe: Tonbrücken

Zur Tonmontage gehört auch die Filmmusik. Im Dokumentarfilm wird z.B. Musik verwendet, die eine Hauptperson näher beschreibt. Ein Beispiel:

Splitscreen mit den beiden Familien; Rechte: WDR

In "7 Tage – Wir tauschen unser Leben" schlüpft eine deutsche Familie aus dem ländlichen Spreewald für eine Woche ins Leben der türkischen Familie aus Berlin-Neukölln. Wenn beide Familien vorgestellt werden, ist in dem Beitrag deutsche Volksmusik und türkische Folklore zu hören. Das hat nicht unbedingt mit dem wirklichen Musikgeschmack der Personen zu tun, sondern es stimmt auf deutsche und türkische Besonderheiten ein.

Die Musik kann aber auch so eingesetzt werden, dass sie eine Handlung auf die Schippe nimmt oder kommentiert. Das machen Filmemacher einiger Doku-Soaps häufiger. In manchen Dokumentarfilmen gibt es auch Musik, die extra für den Film komponiert wurde. Die unterlegte Musik hat letztlich die Aufgabe, Stimmungen zu erzeugen und zu verstärken. Sie kann auch Sequenzen miteinander verbinden.

Spannungsbogen: So wird's interessant!

Wenn die einzelnen Passagen grob stehen, überlegen Filmemacher und Cutter gemeinsam, in welcher Reihenfolge sie im Film ablaufen sollen. Vor allem der Anfang ist wichtig, denn mit den ersten Bildern stellt sich der Zuschauer auf die Stimmung des Films ein. Hier wird die Hauptfigur oder der Ort erstmalig eingeführt. Dann gilt es eine dokumentarische Geschichte zu erzählen und einen dramaturgischen Spannungsbogen aufzubauen. Eine wichtige Entscheidung ist natürlich auch, wie der Film enden soll.

Cutter und Filmemacher probieren verschiedene Möglichkeiten aus, wie die Szenen montiert werden können. Immer wieder schauen sie sich die Versionen an, bis die endgültige Abfolge gefunden ist, so dass man der Geschichte gut folgen kann.

Die Struktur des Films, die Auflösung der einzelnen Sequenzen (das heißt, welche Kameraperspektive, Einstellungsgröße, Länge der Einstellung ausgewählt wird), der Stil und die Dramaturgie entwickeln sich beim Dokumentarfilm oft erst im Schneideraum. Letztendlich gilt eine Montage als gelungen, wenn die Zuschauer die Schnitte kaum wahrnehmen. Ein erfahrener Cutter weiß, wo er schneidet, wie er eine Bewegung fortführt, eine Blickrichtung lenkt oder eine Szene beendet.

Ist jede Einstellung an ihrem Platz, findet der Feinschnitt statt. Dort werden oft nur Bruchteile einer Sekunde weggenommen oder hinzugefügt, damit alles seinen stimmigen Rhythmus hat. Dann wird der Vor- und Abspann mit den Namen der Beteiligten – die sogenannten Credits - entweder vom Cutter oder einem Grafiker gestaltet und an den Film angelegt.

Zum Schluss wird alles "hübsch" gemacht

Schließlich wird eine Farbkorrektur durchgeführt. Hier werden dunkle und helle Szenen richtig abgestimmt, zu knalligen Farben abgeflacht und alle Szenen, die ja unter unterschiedlichen Lichtbedingungen aufgenommen wurden, aneinander angeglichen. Letzter Schritt ist die Tonmischung: Hier wird die ausgewählte Filmmusik angelegt und alle Töne in der richtigen Lautstärke aufeinander abgestimmt.

Geschafft! Der Film ist (endlich) fertig!


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