Navigationshilfe:

Schnitt – Montage-Techniken

Nur das Beste für den Film

Eine zündende Idee haben, gute Protagonisten finden, tolle Bilder drehen – das alles ist wichtig beim Film, aber nur die halbe Miete. Damit am Ende ein richtiger Film herauskommt, müssen die besten Bilder und Töne ausgewählt und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden. Das passiert beim Schnitt und ist Aufgabe der Cutterin oder des Cutters. Ein anderes Wort für Schnitt ist Montage.

Schneiden mit PC-Maus statt Schere

Ein historischer Schnittplatz; Rechte: dpa
So sah es früher aus, als es noch keine Computer im Schnitt gab.

Der Ausdruck "Schnitt" stammt noch aus der Zeit, als es keine Computer gab. Damals musste der Cutter die Filmrolle mit einem speziellen Gerät zerschnippeln und die Einzelteile anschließend in der gewünschten Reihenfolge wieder zusammenkleben. Heute werden die Bilder digital aufgenommen und am Computer montiert. Die PC-Maus hat Schere und Klebstoff ersetzt.

Aus acht Stunden werden drei Minuten

Ein Schnittplatz am Computer; Rechte: ddp, Steffen Leibrecht
Computer statt Schere: So werden Filme heute geschnitten.

Warum nimmt man nicht einfach alle Bilder und schneidet sie hintereinander? Ganz einfach: Nicht alle Einstellungen sind für die erzählte Geschichte wichtig. Man muss sich entscheiden. Manche Bilder sind vielleicht auch technisch nicht in Ordnung. Außerdem muss etwas, das der Protagonist gerade tut, nicht in voller Länge gezeigt werden, wenn es für das Verständnis des Films nicht nötig ist. Der Schnitt dient also auch dazu, die Handlung auf die wichtigsten Aspekte zusammen zu stauchen. So kann man einen Acht-Stunden-Schultag in einem Drei-Minuten-Film zeigen. Eine Stunde Mathe in voller Länge anzuschauen, wäre sicher sehr langweilig. Es reicht, ein paar Bilder zu zeigen: Die Tafel voller Formeln, Schüler über Mathe-Bücher gebeugt, ratlose Gesichter. Und schon ist klar: Mathe kommt hier nicht so gut an!

 

Auf die Reihenfolge kommt es an

Die Arbeit im Schneideraum kann ganz schön lange dauern. Cutter und Regisseure verbringen oft viele Wochen damit, die Abfolge der Bilder so festzulegen, dass sie die Geschichte des Films optimal erzählen. Denn da gibt es ungezählte Möglichkeiten. Entscheidend ist, was der Filmemacher erzählen möchte. Die Reihenfolge der Bilder hat nämlich einen großen Einfluss darauf, was der Zuschauer beim Ansehen denkt.

Machen wir dazu ein Experiment: Schau dir zuerst Bild 1 an, dann Bild 2. Wie würdest du den Gesichtsausdruck von Philip interpretieren?

Bild 1: Zwei Jungen prügeln sich.
Bild 1: Serge prügelt sich.
Bild 2: Ein Junge mit Mütze guckt in die Kamera; Rechte: WDR
Bild 2: Wie fühlt sich Philip wohl dabei?

Wirf jetzt noch einen Blick auf Bild 3, dann auf Bild 4. In welcher Stimmung ist Philip jetzt?

Bild 1: Vier Jungen haben sich auf einem Fußballplatz postiert.
Bild 3: An den vier Fußballspielern kommt niemand vorbei.
Bild 2: Ein Junge mit Mütze guckt in die Kamera; Rechte: WDR
Bild 4: Und wie scheint sich Philip jetzt dabei zu fühlen?

Ist es dir aufgefallen? Obwohl Bild 2 und Bild 4 absolut identisch sind, meint man, in Philips Gesicht zwei verschiedene Gefühlsregungen sehen zu können. Auf Bild 2 kann man Hilflosigkeit oder sogar Wut erkennen, weil sein Freund Serge herum geschubst wird, auf Bild 4 möglicherweise Angst vor den vier Jungs, die sich provozierend vor dem Tor aufgebaut haben. Wie die Zuschauer den Gesichtsausdruck interpretieren, hängt davon ab, welche Situation oder welches Motiv vorher gezeigt wurde. Diesen Effekt nennt man "Kuleshov-Effekt". Lev Kuleshov war ein russischer Regisseur, der vor gut 100 Jahren entdeckte, wie sehr die Reihenfolge der Bilder das beeinflusst, was beim Zuschauer ankommt. Er filmte das Gesicht eines Schauspielers und montierte dann verschiedene Motive vor dieses Bild. Kuleshovs Test-Publikum interpretierte den Gesichtsausdruck auch unterschiedlich: Zeigte das erste Bild einen Kindersarg, sagte das Publikum: "Der Mann ist traurig!", sah man einen Teller Suppe, hieß es: "Der Mann hat Hunger!".

Aber einfach nur Bild an Bild zu reihen, ist nicht so spannend. Damit dem Zuschauer nicht langweilig wird, hat die Cutterin oder der Cutter verschiedene Möglichkeiten, einen Film zu schneiden. Einige davon wollen wir hier vorstellen.

Plansequenz

Manchmal möchte die Filmemacherin oder der Filmemacher eine abgeschlossene Handlung in voller Länge zeigen. So zum Beispiel wenn eine wichtige Info vermittelt wird. Dann kann der Cutter die Handlung als Plansequenz montieren. Das bedeutet, dass die Einstellung nicht durch Schnitte unterbrochen wird. Der Zuschauer fühlt sich wie mitten im Geschehen, weil er die Handlung quasi in Echtzeit verfolgen kann.

Zwei Mädchen sitzen an einem Schulpult; Rechte: WDR

Hier ein Beispiel aus "Ednas Tag": Edna und ihre Schwester spielen in der Klasse ein Fingerspiel. Edna verliert, ärgert sich und schlägt ihre Schwester. Anschließend bemüht sie sich, Negra zu trösten. Diese Plansequenz zeigt uns, wie impulsiv Edna manchmal reagiert, aber auch, dass ihr schnell bewusst wird, wenn sie etwas falsch gemacht hat.

Parallelmontage

Sollen im Film zwei oder mehrere Handlungen gezeigt werden, die zur gleichen Zeit ablaufen, schneidet der Cutter einzelne Bilder oder ganze Sequenzen abwechselnd hintereinander. Die Handlung springt dann hin und her. Das kann beim Zuschauer Spannung erzeugen, denn man möchte wissen, wie es wohl weitergeht.

Ein Split-Screen mit einem Mädchen (links) und einer Straße (rechts); Rechte: WDR

Der Film "7 Tage – Wir tauschen unser Leben" zeigt ein Experiment: Eine deutsche Familie aus dem Spreewald wechselt für eine Woche in das Leben einer türkischen Familie in Berlin Neukölln und umgekehrt. Hier wird oft mit der Parallelmontage gearbeitet, zum Beispiel wenn die Familien die Reise zum Wohnort der jeweils anderen antreten. Dass zwei Handlungen gleichzeitig ablaufen, macht auch der Sprechertext deutlich (zum Beispiel durch Wörter wie "zur gleichen Zeit").

Zwischenschnitt

Diese Art von Schnitt(-bild) kann bei der Montage für viele Zwecke eingesetzt werden. Er dient zum Beispiel dazu, die erzählte Zeit im Film zu straffen, wenn der Regisseur eben nicht die ganze Handlung zeigen will. Ein Zwischenschnitt wird auch verwendet, wenn man zeigen will, worüber der Protagonist im Interview spricht. Erzählt er etwa von seinem Hobby Geige zu spielen, kann ein Bild des Instruments als Zwischenschnitt in das Interview montiert werden. Das sorgt für Abwechslung beim Zuschauer – man will ja nicht immer nur minutenlang das Gesicht des Protagonisten sehen.

Zwei Jungen spielen in einem Kinderzimmer auf dem Boden; Rechte: WDR

In "Nick und Tim" sehen wir, wie ein Zwischenschnitt die erzählte Zeit straffen kann. In der ersten Einstellung spielen die beiden in ihrem Zimmer mit kleinen Traktoren, das nächste Bild ist der Blick aus ihrem Zimmerfenster. Die folgende Einstellung zeigt Nick und Tim nicht mehr beim Spielen, sondern beim Basteln. Sicher haben die beiden nicht in Sekundenschnelle entschieden, etwas anderes zu tun.

Schuss / Gegenschuss

Diese Technik verwendet der Cutter zum Beispiel bei Gesprächen und Interviews. Das erste Bild zeigt meist beide Gesprächspartner. Das zweite Bild zeigt dann Person A, die etwas sagt (Schuss), das dritte Bild die Reaktion der Person B (Gegenschuss). Der Schnitt kopiert dabei unser natürliches Verhalten, wenn wir ein Gespräch beobachten. Stell’ dir vor, zwei deiner Freunde streiten sich. Wenn sie sich gegenseitig ihre Argumente an den Kopf werfen, wirst du sicher auch abwechselnd mal den einen, mal den anderen anschauen.

Ein Mädchen stopft sich chinesische Nudeln in den Mund; Rechte: WDR

Ein Beispiel für einen Schuss/Gegenschuss aus dem Film "Gelb & Pink": Christina und Alina sitzen im Einkaufszentrum und versuchen, chinesische Nudeln mit Stäbchen zu essen. Wir sehen Christina, die fragt "Wie soll ich das machen?" und umständlich in den Nudeln herumstochert. Das ist der Schuss. Nach dem Schnitt sehen wir jetzt Alina, die ihre Schwester dabei beobachtet und vor Lachen prustet. Diese Einstellung ist der Gegenschuss.

Aber Vorsicht beim Schuss/Gegenschuss! Man darf keine Einstellungen hintereinander schneiden, die nicht von der gleichen Seite aufgenommen wurden. Macht der Cutter diesen Fehler doch, spricht die Fachfrau vom so genannten Achsensprung. Wie das dann aussieht, zeigen wir an einem Beispiel:

Zwei Frauen sitzen sich an einem Tisch gegenüber und unterhalten sich; Rechte: WDR
Miriam (links) und Marie unterhalten sich miteinander.

Nehmen wir an, im Film wird ein Gespräch zwischen zwei Personen gezeigt. In der Halbtotalen sehen wir Miriam (links) und Marie, die sich unterhalten. Man könnte die beiden nun mit einer Linie verbinden, das ist die so genannte Handlungsachse.

Im Schnitt soll das Gespräch nicht nur in der Halbtotalen gezeigt werden, sondern auch in zwei nahen Einstellungen von den Gesichtern der beiden. Das Bild zeigt zuerst Miriam (das wäre der Schuss), dann Marie (das ist dann der Gegenschuss). Beide Male steht die Kamerafrau vor der Handlungsachse.

Zwei Bilder sind zu sehen: Zwei Frauen gucken in die jeweils entgegengesetzte Richtung; Rechte: WDR
Hier hat der Cutter beim Schnitt alles richtig gemacht.
Miriam und Marie schauen in entgegengesetze Richtungen.

Schaue dir jetzt diese beiden Bilder an. Hier hat der Cutter ein Bild von Miriam benutzt, das von der anderen Seite unserer Handlungsachse aufgenommen wurde. Die Blickrichtung der beiden stimmt nicht mehr. Es sieht so aus, als ob sich Miriam und Marie mit einer ganz anderen Person unterhalten. Der Zuschauer denkt beim Betrachten sofort: "Hier stimmt was nicht!" – und schon ist er abgelenkt und kann der eigentlichen Geschichte nicht mehr folgen.

Zwei Bilder sind zusehen: Zwei Frauen schauen jeweils in die gleiche Richtung; Rechte: WDR
Hier hat der Cutter einen Fehler gemacht und der Schnitt erscheint nicht richtig.
Miriam und Marie unterhalten sich scheinbar mit einem Dritten.

Schnittrhythmus

Das Tempo eines Filmes kann der Cutter über den Schnittrhythmus beeinflussen. Grob gesagt gilt: viele Schnitte, kurze Einstellungen = schneller Rhythmus; wenige Schnitte, lange Einstellungen = langsamer Rhythmus. Wie schnell die einzelnen Bilder hintereinander montiert werden, kommt auf die Art des Filmes an. In einem Actionfilm wird der Cutter eher viele unterschiedliche Einstellungen von kurzer Dauer montieren, der schnelle Wechsel vermittelt dem Publikum Spannung und Geschwindigkeit. Soll das Tempo des Films ruhig sein, sind es auch die Schnitte.

Mehrere Jungen rennen eine Straße entlang; Rechte: WDR

Mit schnellen Schnitten arbeitet der Film "Nablus – Schulalltag im besetzten Westjordanland": Wir sehen zum Beispiel, wie Schüler und Lehrer einen Straßenkampf vor der Schule erleben. Die Bilder von Militärautos, verängstigten Schülern und aufgeregten Lehrern wechseln sich schnell ab. Hier macht auch der Schnitt deutlich: Die Situation ist dramatisch.

Eine Hornisse auf einem Zweig; Rechte: WDR

Das Gegenteil kannst du in "Im Staat aus morschem Holz" sehen. Die erste Minute des Films besteht aus nur vier Bildern und drei Schnitten – ein sehr ruhiger Schnittrhythmus. Das ist deshalb sinnvoll, weil es um Hornissen geht. Schließlich soll der Zuschauer ausgiebig Zeit haben, viele Details zu entdecken: die langen Fühler, die feinen Haare auf den Beinen, die geheimnisvollen Augen.

Erfahrene Cutter kennen noch viel mehr Möglichkeiten, einen Film abwechslungsreich zu schneiden. Sie setzen zum Beispiel Blenden ein, um Zeit- oder Ortswechsel deutlich zu machen, oder unsichtbare Schnitte, die dem Zuschauer kaum auffallen. Diese und andere Techniken findest du im Glossar – wirf doch mal einen Blick dort hinein!


Seite empfehlen