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Familien im Fernsehen: Ein Hit für Macher und Zuschauer

Wir sind Experten in Sachen "Familie"

Eine Familie am Frühstückstisch; Rechte: Mauritius Images
Die klassische Kernfamilie mit Vater, Mutter und zwei Kindern.

Manche von uns hassen sie, andere lieben sie. Manche wollen sie nie verlassen und manche so schnell es geht: ihre Familie. Sie ist immer etwas, das nah ist und einen extrem großen Einfluss auf unser Leben hat.

Und genau das macht sie auch so interessant für das Fernsehen. Denn wir alle sind quasi Experten in Sachen Familie. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, warum wir so gerne in das Familienleben anderer schauen. Wir teilen für kurze Zeit ihren Alltag – und auch wenn wir in ganz anderen Familienverhältnissen leben, sind wir sofort "mittendrin": Wir vergleichen, fällen Urteile, freuen oder schämen uns, verteilen Sympathiepunkte oder auch Spott. Doku-Soaps über Familien gibt es inzwischen wie Sand am Meer.

Von "Traumfrau gesucht" bis "Schnulleralarm"

Familie Fussbroich auf dem Balkon; Rechte: WDR
Vorreiter in Deutschland: Die Fussbroichs - eine echte Fernsehfamilie in Serie.

Eine der ersten deutschen Doku-Soaps, die in den 1990er Jahren in Serie ging, heißt „Die Fussbroichs". Die Fussbroichs sind ein gutes Beispiel für eine sogenannte Kernfamilie. Sie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Diese sogenannte Kernfamilie soll der Ort sein, an dem Kinder u.a. erzogen werden: Sie kann Kindern und Partnern Rückhalt geben und den Rahmen bieten, um auf neue Anforderungen – etwa Schulnoten oder ein Schulwechsel für die Kinder, ein neuer Job oder Arbeitslosigkeit bei den Erwachsenen - zu reagieren. Heute scheint das nicht mehr ohne Weiteres zu funktionieren, da braucht es schon „Die Superhausfrau“ und „Die Supermamas“ (RTL 2), um Aufgaben wie einen „Umzug mit Herz“ (ZDFinfo) zu stemmen, wenn der Job es fordert. Darum auch werden in „Suche Familie!“ (RTL 2) Omas und Opas an Familien vermittelt.

Auch ist es heute viel seltener, dass eine Familie über einen sehr langen Zeitraum (bei den „Fussbroichs“ wurden die meisten Folgen über zehn Jahre hinweg gedreht) begleitet wird. Inzwischen gibt es für jede „Familien-Phase", wie etwa das Kennenlernen, die Hochzeit, das Kinderkriegen, die Erziehung der Kinder und die Entlassung der Kinder ins Erwachsenenleben eine eigene Doku-Soap. Das beginnt mit der Partnerwahl wie z.B. in der „Mädchen-WG“ (ZDF tivi). In „Der Traummann“ (RTL 2) geht es um Frauen, die einen solchen im Ausland kennen gelernt haben. Auch in „Traumfrau gesucht“ (RTL 2) und „Bauer sucht Frau“ (RTL) geht es darum, als Partner zusammenzufinden. Wenn alles passt, werden wie in "Frank – der Weddingplaner" (ProSieben) und „Marry Me – The Dream Wedding Mission“ (RTL 2) die Hochzeitsvorbereitungen und die Hochzeit selbst gezeigt. Danach gibt es dann „Schnulleralarm! Wir bekommen ein Baby“. „Wunschkinder“ (RTL 2) handelt davon, dass Partner Kinder bekommen wollen, aber es nicht klappt wie gewünscht. Wenn das Kinderkriegen aber funktioniert, kommen „Mama-Mia: Die ersten Babyjahre“ (RTL 2) und man kann sagen „We Are Family!“ (ProSieben). Das Modell Kernfamilie ist für Fernsehmacher natürlich ausbaufähig und lässt sich zum „XXL – Abenteuer Großfamilie" wie „Die Wollnys – Eine schrecklich große Familie“ (RTL 2) erweitern. Danach heißt es dann noch: „Vorsicht, Baustelle! Unser Traum vom Eigenheim“.

Harmonie bringt keine Quote

Ein Mädchen hält sich die Augen zu, im Hintergrund streiten zwei Erwachsene; Rechte: Mauritius Images
Streit und Probleme gehören zum Alltag von (Fernseh-)Familien.

Selten genug läuft in Doku-Soaps alles nach Plan ab. In „Teenie Mütter“ (RTL 2) werden aus minderjährigen Mädchen in kurzer Zeit erwachsene Mütter. Auch sonst gibt es im Alltag realer Familien oft Schwierigkeiten und Konflikte - wie überall, wo Menschen eng zusammenleben. Dann kommt quasi als "Feuerwehr" die „Super Nanny“ (RTL) und hilft, wo die Erziehungsversuche überforderter Eltern an ihre Grenzen stoßen.

Auch die Abnabelung der Kinder kann zum Thema von Dokus werden. Wenn das Problem darin besteht, dass die Kinder sich weigern, zu Hause auszuziehen wie in „Schluss mit Hotel Mama“ (Kabel 1), muss professionelle TV-Hilfe her. Alle weiteren vorstellbaren Probleme werden von Serien wie „Willkommen in der Nachbarschaft“, „Family Stories“ (RTL 2) und „Familien im Brennpunkt“ (RTL) behandelt – oft wirken sie jedoch überzogen und gestellt.

Katja Saalfrank; Rechte: imago
Hat keine Lust auf Erziehung nach Drehbuch: "Super Nanny" Katharina Saalfrank.

Tatsächlich folgen etliche neue Doku-Soaps einem „Script" (engl. für Drehbuch), weswegen sie auch als „Scripted Reality" bezeichnet werden: Im Drehbuch werden dann Situationen festgelegt, bei denen Konflikte vorprogrammiert sind oder die bei den Protagonisten - und damit auch beim Zuschauer - möglichst starke Gefühle hervorrufen sollen. Denn im Wettbewerb um die beste Einschaltquote versuchen die Sender die kostbare Aufmerksamkeit der Zuschauer mit allen Mitteln einzufangen.

Nach Angaben der "Super Nanny" war die Handlung im Drehbuch so sehr vorgeschrieben, dass die Sozialpädagogin Katharina Saalfrank nicht mehr sinnvoll erzieherisch eingreifen konnte. Sie warf das Handtuch. Immer wieder melden sich Menschen zu Wort, die die Zunahme der Scripted Reality - Sendungen kritisieren: Denn diese spiele der jugendlichen Zielgruppe ein Leben vor, das es außerhalb des Fernsehens einfach nicht gibt. Es sieht nach Realität aus, wird auch so angepriesen, ist in Wirklichkeit aber inszeniert und oft billig produziert.

Fremde Familien erforschen wie fremde Völker

Dabei ist das Thema Familie auch ohne großes Spektakel interessant. Die Kölner Dokumentarfilmerin Britta Wandaogo zum Beispiel beschreibt in ihren Filmen „First Look“ und „Eigentlich geht's ja um nichts“ die Beziehung zu ihrem heroinabhängigen Bruder und seine Entzugsversuche. In „Liebe Schwarz Weiß“ beobachtet sie ein Jahr lang das Leben zweier Frauen, die mit Afrikanern Kinder haben und mit ihnen zusammenleben. Die Liebe zwischen zwei Kulturen ist zwar oft schwierig, aber auch nicht unmöglich. Das zeigt ihr Film „Bilfou Biga“, in dem es um die ersten zwanzig Lebensmonate ihres eigenen Kindes in Burkina Faso geht. In diesen Filmen geht es eher darum, mit viel Zeit, unvoreingenommen und mit klarem Blick das Leben woanders zu zeigen. Und zwar dann, wenn es nicht spektakulär ist, sondern einfach nur echt und ganz normal anstrengend – nicht exotisch, nur anders. Diese Filme sollen wahrhaftig sein und werden nicht um der reinen Unterhaltung willen gedreht.


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