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Berichten und dabei etwas bewegen

Ein Clip sagt mehr als tausend Worte

Ägyptische Demonstranten mit selbstgemachten Plakaten; Rechte: dapd
Bürgerjournalisten sind oft mitten im Geschehen.

Im Nahen Osten brodelt es. Viele Video-Clips, die im Internet zu sehen sind, laufen etwa so ab: Menschen demonstrieren und rufen arabische Sprechchöre, plötzlich werden von irgendwoher Schüsse abgefeuert. Die Menschen laufen in Panik durcheinander auf der Suche nach Deckung vor den Schüssen. Ein paar Getroffene bleiben auf der Straße liegen, einige rühren sich nicht mehr, andere werden schnell aus der Gefahrenzone geschleppt. Diese Bilder wirken unmittelbar, sie kommen ohne Worte und Kommentare aus, weil sie direkt zeigen, was gerade los ist. Als Zuschauer sehen wir instinktiv an der Art, wie die Leute sich bewegen, dass wirklich etwas Schlimmes passiert ist. Dagegen wirkt ein Reporter ziemlich weit vom Geschehen entfernt, wenn er im sauberen Polohemd auf einem Hoteldach steht und dort "vor Ort" von den Ereignissen berichtet.

Eine verschleierte Frau filmt mit ihrem Mobiltelefon; Rechte: dapd
Immer dabei: Mit der Handykamera wird jeder Augenzeuge zum Reporter.

Moment mal, was passiert hier gerade eigentlich? Eine völlig neue Form der Berichterstattung! Im Englischen wird sie "citizen journalism" – also Bürgerjournalismus – genannt. Oft sind es komplett unbearbeitete Handy-Videos, die auf Social-Media-Plattformen wie Youtube oder Facebook hochgeladen werden. Sie lassen sich schnell produzieren und verbreiten sich noch schneller im Netz, denn viele der Clips haben es in sich: Sie zeigen, wie Menschen demonstrieren und dafür verletzt oder getötet werden. Wenige Stunden nach einem schwerwiegenden Ereignis weiß schon die ganze Internet-Gemeinschaft davon. Unter Umständen mobilisiert das viele Menschen. Ohne Mitwirkung von Fernsehsendern und Zeitungen schließen sich durch das Internet viele Menschen zu einer Protestbewegung zusammen.

Im Dezember 2010 beispielsweise kam eine Welle von Protesten und Aufständen im Nahen Osten und in Nordafrika in Gang. Mittlerweile werden diese Ereignisse als "Arabischer Frühling" bezeichnet. Vor allem junge Menschen demonstrierten gegen Armut, Arbeitslosigkeit, gegen korrupte und brutale Regierungen. Dadurch gelang es in Ägypten und Tunesien, die bisherigen Regierungen zu stürzen. Egal ob Ägypten, Bahrain, Jemen, Tunesien oder Syrien -  immer gibt es direkt auch Handy-Videos im Netz, die der Welt zeigen, was gerade passiert ist. In manchen Ländern geht die Regierung mit Gewalt gegen Aufständische vor. Oft sind das auch Länder, in denen ausländische Reporter nicht frei berichten dürfen. Die staatlichen Fernsehsender verschweigen den Zuschauern die Lage. Von dort erreichen uns nur die Handy-Videos der Beteiligten und geben uns Aufschluss über die Ereignisse. Und deshalb schaffen es Handy-Videos ganz normaler Bürger manchmal sogar bis in unsere Abendnachrichten.

Kein Kommentar? Von wegen!

Eine andere, verbreitete Form des Bürgerjournalismus ist der Kommentar – zum Beispiel, indem jemand zu Hause auf dem Sofa sitzt, direkt in die Kamera spricht und uns seine Meinung zu einem bestimmten Thema mitteilt. Das ist dann fast so wie ein Fernsehkommentar, nur dass es eben im Internet stattfindet. Viele Nutzer veröffentlichen inzwischen regelmäßig in Videoblogs ihre Meinungen und Botschaften. Größere und schwer zu erklärende Themen lassen sich gut als Kompilationsfilm behandeln. Dabei wird vorhandenes Videomaterial fremder Quellen mit eigenem Material gemixt und zu einem neuen Film zusammengestellt.

Screenshot der Website wikileaks; Rechte: dpa
Die Website "Wikileaks" berichtet über Dokumente, die eigentlich geheim bleiben sollten.

Manchmal stammen Filme über politische Gewalt auch von den Tätern. So veröffentlichte im April 2010 die Internetplattform Wikileaks Aufnahmen eines US-Hubschraubers, dessen Besatzung irakische Zivilisten und zwei Journalisten tötet. "To leak" kommt aus dem Englischen und bedeutet "sickern", und genau das ist hier passiert: Die Aufnahmen des US-Militärs wurden der Website Wikileaks heimlich zur Verbreitung zugespielt. Ein anderes Beispiel sind die Fotos und Videos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib. Die Aufnahmen zeigen, dass Insassen gefoltert wurden. Als die Bilder in die Öffentlichkeit gelangten, wurde der Druck auf die Behörden der USA so groß, dass einige der Verantwortlichen für ihre Taten vor Gericht gestellt wurden. Die US-Soldaten selbst hatten die Videos und Fotos gemacht und sie "sickerten" ins Internet und in die Öffentlichkeit durch.

Film veröffentlichen leicht gemacht

Wer vor 20 Jahren eine kurze Reportage oder Dokumentation drehen wollte, der musste entweder beim Fernsehen arbeiten oder richtig viel Geld für Kamera und Schnittprogramm ausgeben. Heute ist das viel leichter: Fast jedes Handy kann Filme aufnehmen, Webcams und gute digitale Videokameras sind ziemlich erschwinglich geworden. Die gängigen Computer-Betriebssysteme enthalten eine einfache Videoschnitt-Software. Sogar professionelle Schnittprogramme sind nicht mehr so teuer wie früher.

Dazu kommt, dass die großen Videoplattformen im Internet das leisten, was bis dahin nur die aufwändige Technik von Fernsehsendern konnte - nämlich die bewegten Bilder an die Welt da draußen zu übermitteln. Wenn wir heute etwas Interessantes in unserer Umwelt entdecken, können wir es mit einfachen Mitteln aufzeichnen und weitergeben. Wer einen einigermaßen schnellen Internetzugang hat, kann seinen selbstgedrehten Film sofort ins Internet hochladen und ihn dem Rest der Welt vorstellen.

Wie steht es mit der Qualität?

Ein Reporter, im Hintergrund Ausblick auf Kairo; Rechte: picture alliance / dpa
Weniger spannend, dafür mit mehr Distanz: Profi-Journalisten berichten nur geprüfte Fakten.

Viele Profi-Journalisten fühlen sich unbehaglich, wenn es Handy-Videos bis in die Nachrichten schaffen. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, dass sie ja vielleicht irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Profi-Journalisten recherchieren gründlich und prüfen die Fakten genau: Erst wenn Informationen durch mehrere vertrauenswürdige Quelle bestätigt worden sind, werden sie auch berichtet. Die Bürgerjournalisten im Netz halten sich mit solchen Feinheiten selten auf. Ihre Informationen sind deshalb immer mit Vorsicht zu genießen. Denn im Internet lassen sich leicht auch gefälschte Informationen und Propaganda in Umlauf bringen. So wurden einem britischen Reporter angebliche Aufnahmen von Gewalttätigkeiten in der Elfenbeinküste zugespielt. In Wirklichkeit waren die aber schon mehrere Jahre alt und stammten aus Kenia. Auf diese Weise können Staaten und extremistische Gruppen die Weltöffentlichkeit täuschen und Politiker in ihrem Sinne beeinflussen. Professionelle Journalisten werden daher so schnell wohl nicht überflüssig werden: Sie werden weiterhin gebraucht, um zu beurteilen, ob Informationsquellen vertrauenswürdig sind und welche Rolle im Gesamtbild den einzelnen Informationsschnipseln zukommt.


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