Navigationshilfe:

Wirklicher als die Realität?

Fernseh-Formate, die wie "mitten aus dem Leben" gegriffen wirken, gibt es inzwischen wie Sand am Meer. In letzter Zeit taucht in Zeitungsartikeln, in Diskussionsrunden und auch in Programmzeitschriften im Zusammenhang mit solchen Sendungen ein Begriff immer häufiger auf: "Scripted Reality" – also die "Drehbuch-geschriebene Realität".

Richterin Barbara Salesch; Rechte: dpa
Ist auch im echten Leben Richterin: Barbara Salesch.

Was allen Scripted-Reality-Sendungen gemeinsam ist: Ihr Ablauf steht vor Drehbeginn schon ziemlich genau fest. Trotzdem soll die dargestellte Handlung möglichst "echt" und dokumentarisch wirken. Der Zuschauer soll den Eindruck bekommen, eine wahre Begebenheit zu erleben, die gerade von der Kamera beobachtet und mitgeschnitten wird. Tatsächlich sind die Szenen aber gestellt und werden nachgespielt. Beispiele für Scripted-Reality-Sendungen sind "Die Trovatos - Detektive decken auf", "Betrugsfälle", "Verdachtsfälle" (alle von RTL), "K11 - Kommissare im Einsatz" (Sat.1), "Privatdetektive im Einsatz" und "Berlin - Tag und Nacht" (beide von RTL2). Ganz grob lassen sich bei den Scripted-Reality-Formaten zwei Richtungen unterscheiden: Einmal spielen sich echte Personen selbst, einmal werden mehr oder weniger wahre Geschichten von Laienschauspielern nachgestellt.

Personen spielen sich selbst – nach Anleitung

Bei dieser Richtung werden real existierende Personen bei etwas gefilmt, was sie – zumindest so ungefähr – erlebt haben. Den genauen Ablauf der Geschichte bestimmt jedoch nicht die Realität, sondern die Redaktion. Wie das geht? Ganz einfach: Eine wahre Begebenheit wird in einem Drehbuch so erzählt, dass sie interessanter, lustiger oder spannender wird. Dabei kann es auch vorkommen, dass die Geschichte ein ganz anderes Ende bekommt. Für den Zuschauer ist der Unterschied oft gar nicht zu erkennen.

Oft erhalten die Personen auch wie Schauspieler beim Dreh Regieanweisungen – zum Beispiel, dass sie sich jetzt streiten sollen. Dabei werden die Texte meist auch schon vorgegeben. Wer als Zuschauer einmal darauf achtet, entdeckt viele Szenen, in denen sich die Personen gar nicht so richtig streiten, sondern einfach ihren Text aufsagen.

Das Ganze soll aber möglichst echt und eben gerade nicht gestellt wirken. Deswegen versuchen die Macher den Menschen vor der Kamera "echte" Gefühle zu entlocken. Das kann so weit gehen, dass aus den Regieanweisungen Provokationen werden, die dazu führen, dass Menschen vor der Kamera tatsächlich streiten, aufeinander losgehen, in Tränen aus- oder zusammenbrechen.

Laiendarsteller spielen "wahre Geschichten" nach

Bei der zweiten Variante der Scripted-Reality spielen Laiendarsteller nach einem vorgegebenen Drehbuch. Zwar kann das Drehbuch auf tatsächlichen Begebenheiten beruhen, aber die Darsteller haben die jeweilige Situation nie selbst erlebt. Eine der wenigen Serien, die auf ihre ausgedachten Elemente und Laiendarsteller hinweist, ist "Auf Streife". Dort steht im Abspann: "Hier handeln echte Polizisten. Die Inhalte werden nach realen Einsätzen frei erzählt." Die Formulierung lässt offen, wie viel von der echten Geschichte wirklich übrig geblieben und wie viel frei erfunden ist.

Oft werden die Laiendarsteller so gecastet, dass sie exakt zu ihrer Rolle passen und aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen können: Dann spielt beispielsweise eine schwangere 16-Jährige tatsächlich eine Minderjährige, die schwanger geworden ist. Die Absicht dahinter ist klar: Die Darstellerin kann ihre Rolle möglichst glaubhaft und überzeugend spielen, weil sie ja auch im echten Leben in einer ähnlichen Situation steckt.

Immer mehr Mischformen

Manchmal mischen sich auch beide Richtungen: Es gibt Serien, in denen Laiendarsteller und "echte" Personen zusammen auftreten. "Richter Alexander Hold" zum Beispiel heißt genau so und ist auch im wirklichen Leben Richter. In anderen Gerichtsshows wurden anfangs auch reale Gerichtsfälle mit wirklichen Betroffenen verhandelt. Inzwischen spielen Laiendarsteller viele Rollen, etwa die Angeklagten und die Zeugen.

Gemischte Antworten gibt es auch auf die Frage: erfundene oder wirkliche Begebenheit? Manchmal kann es vorkommen, dass in ein und derselben Serie einige Folgen komplett erfunden sind, während andere auf wirklichen Begebenheiten beruhen. Die erfundenen Geschichten mit ihren schrilleren und schrägeren Themen kommen beim Publikum anscheinend viel besser an. Damit die erfundenen Geschichten möglich realistisch "rüberkommen",  werden bestimmte filmische Mittel eingesetzt.

So sieht's echt aus

Extra wackelige Handkamera-Aufnahmen zum Beispiel wirken so, als ob zufällig gerade jemand das Geschehen aufnimmt – obwohl tatsächlich ein Profi-Kamera-Team hinter den Wackel-Bildern steckt. Drehorte in Privatwohnungen oder Büroräumen sorgen für den zusätzlichen "Wirklichkeitsbonus". Auch der Off-Kommentar bei den "Privatdetektiven im Einsatz" soll den Zuschauern vermitteln, dass die Detektive quasi live zu einem aktuellen Fall an einen Ort gerufen werden.

In der Serie "K11 - Kommissare im Einsatz" gibt es immer wieder Text-Einblendungen, wie beispielsweise "Montag 18:44 Uhr, Tatort: Mietshaus". Durch die genaue Zeit- und Ortsangabe soll der Eindruck erweckt werden, dass sich die Ereignisse in diesem Moment vor der Kamera abgespielt haben.

Viel Film für wenig Geld

Ein Grund, warum die Scripted-Reality-Formate bei den Sendern immer beliebter werden: Ihre Produktion ist besonders preisgünstig. Die einzelnen Folgen sind  immer nach dem gleichen Strickmuster aufgebaut und produziert – Film als Fließbandarbeit. Oft bleiben auch die Drehorte gleich: Bei Gerichtsshows kann immer im gleichen Gerichtssaal gefilmt werden, es müssen keine Sets umgebaut werden und selbst die Auswahl der Kostüme hält sich in Grenzen. Jede Geschichte – egal ob erfunden oder aus dem echten Leben – wird dabei so angepasst, dass sie in das Format der Sendung passt. Die Macher sparen so viel Zeit beim Drehen, denn es kann nichts Unvorhergesehenes passieren. Auch die Laiendarsteller sind im Vergleich zu echten Schauspielern natürlich viel preisgünstiger.

So tun, als ob

Das oft diskutierte Problem mit den Scripted-Reality-Formaten ist, dass sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ständig vermischen. Diese Formate geben nur vor, tatsächlich passierte Geschichten zu erzählen, sie sind aber erfunden. Hinweise die das verdeutlichen, sind leicht zu übersehen – zum Beispiel am Ende der Sendung kurz im Abspann.

Die Verunsicherung vieler Zuschauer kann man zum Beispiel in Internetforen nachlesen. Immer wieder taucht dort die Frage auf, ob bestimmte Serien nun geschauspielert sind oder nicht. Und auch, wenn die Zuschauer wissen, dass die gesehenen Ereignisse nicht real sind, denken sie vielleicht: "Es ist zwar nicht real, könnte sich aber genau so zugetragen haben."

 


Seite empfehlen